Herr Professor Urbaniok, laut jüngster Infratest-Dimap-Umfrage fühlen sich 48 Prozent der Deutschen unsicher auf öffentlichen Plätzen, Straßen und in Parks, Bussen und Bahnen. Doch Deutschland, so Politik und Medien, ist sicherer geworden. Wie das?
Frank Urbaniok: Tja, diese Rhetorik ist sozusagen die letzte Verteidigungslinie angesichts der überproportionalen Kriminalitätsraten, die ich in meinem Buch „Schattenseiten der Migration“ nachweise.
Allerdings ist die Zahl der Straftaten seit 2004 um zwölf Prozent zurückgegangen, und das während die ausländische Bevölkerung um zwei Drittel zugenommen hat, so das ZDF.
Urbaniok: Und dennoch ist die Schlußfolgerung so falsch, daß man schon von Desinformation sprechen kann.
Inwiefern?
Urbaniok: Der Trick ist, einfach die Linse unscharf zu stellen, etwa indem man pauschal alle Straftaten addiert. Ein Beispiel dafür aus jüngster Zeit ist Boris Palmer in seiner öffentlichen Diskussion mit dem baden-württembergischen AfD-Landeschef Markus Frohnmaier im September in Tübingen.
2024 lag die Zahl der Straftaten bei 5,5 Millionen, gegenüber 6,3 im Jahr 2000, so Palmer, Fazit: „Wer also vor zwanzig Jahren keine Angst auf der Straße hatte, muß heute auch keine haben.“ Was stimmt daran nicht?
Urbaniok: So allgemein, sprich verschwommen, erscheint das einleuchtend. Aber stellen wir die Linse einmal scharf und schauen uns die Zahlen deliktspezifisch an, so sehen wir, daß die Gewaltkriminalität teils massiv gestiegen ist. Die Zahl der angezeigten Straftaten insgesamt mag ja in der Tat abgenommen haben, aber die für die Sicherheit der Bürger relevanten Deliktbereiche sind regelrecht explodiert.
Urbaniok: „Zu sagen, Deutschland sei ‘sicherer geworden’ – das ist schon zynisch“
Vergewaltigungen etwa binnen zehn Jahren von 7.000 auf 13.000, Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung von 47.000 auf 128.000 und Körperverletzung immerhin von 530.000 auf 630.000, so Statista.
Urbaniok: Eben, und schauen wir zudem nationalitätenspezifisch auf die Daten, ist der Befund noch frappierender: Denn wir sehen, daß etwa Afghanen bei gefährlicher Körperverletzung mit sage und schreibe 700 Prozent überrepräsentiert sind, bei Sexualdelikten mit 1.000 und bei Straftaten gegen Leib und Leben mit 400 Prozent – Tunesier sogar mit 1.400, 1.300 und 1.200 Prozent und Algerier mit 3.400, 1.800 und 3.400 Prozent.
Ähnlich erschreckend hohe Werte finden Sie auch bei anderen Nationalitäten aus dem afrikanischen und arabischen Raum. Angesichts dieser Zahlen davon zu sprechen, Deutschland sei „sicherer geworden“ – also das ist schon zynisch.
Was aber etwa die Zahl der Wohnungseinbrüche angeht, die gemäß Statista von 152.000 im Jahr 2014 auf 78.000 im Jahr 2024 gesunken ist, stimmt die Aussage – und die der Morde hat laut Polizeilicher Kriminalstatistik (PKS) von 930 im Jahr 2000 auf 730 im Jahr 2024 abgenommen. Kann man also mit diesen Zahlen nicht ebenso sagen, Palmer, die Politik und die Medien haben recht?
Urbaniok: Natürlich spielt es eine Rolle, wenn diese Zahlen sinken – doch kaum für die allgemeine Sicherheitslage oder das Sicherheitsgefühl im öffentlichen Raum. Einbrüche finden dort nicht statt, und Mord ist ein zu seltenes Delikt, um darauf nennenswerten Einfluß zu haben. Nein, die „Musik“ spielt bei den gängigen Gewalt- und Sexualdelikten.
Zudem sind diese eine stark inländische Kriminalität, werden also von Tätern verübt, die hier leben und die nicht, wie das teils beim organisierten Wohnungseinbruch ist, von außen über die Grenze kommen. Die Gewalt- und Sexualkriminalität sagt also viel mehr über die konkrete Gefährdungslage aus.

Die in Ihrem Buch durch Ihre nationalitätenspezifische Betrachtungsweise festgestellte enorme Überrepräsentation von Tätern aus dem afrikanisch-arabischen Raum gilt Kriminologen, Teilen der Politik und Medien als unseriös, gar als „statistische Hetze“ (taz).
Urbaniok: Ja, aber das ist falsch – warum, das zeige ich in meinem Buch ausführlich auf. Da ist etwa der gern erhobene Vorwurf, die PKS weise ja nur Tatverdächtige aus, deren Schuld nicht erwiesen ist. Nun, deshalb habe ich mir auch die Zahlen der Verurteilten sowie der Strafgefangenen angesehen – und siehe da, das gleiche Bild: gewisse Ausländergruppen sind auch dort massiv überrepräsentiert.
Aber stimmt das wirklich? Viel zitiert wurde in den letzten Monaten eine Studie des Ifo-Instituts, deren Autor Jean Victor Alipour in der ARD-Tagesschau feststellte, es gebe „keinen systematischen Zusammenhang zwischen Migration und Kriminalitätsrate“.
Urbaniok: Sieht man sich die Ifo-Studie allerdings einmal näher an, stellt man fest, daß ihr methodischer Aufbau gar nicht in der Lage ist, diese Aussage zu begründen. Deshalb taucht sie in meinem Buch auch im Kapitel „Desinformation“ auf.
Warum konkret?
Urbaniok: Zum einen, weil auch sie wieder die Linse unscharf stellt. Da heißt es etwa: „Regionale Unterschiede in der Kriminalitätsrate werden primär durch ortsspezifische Faktoren, wie Bevölkerungsdichte oder die wirtschaftliche Lage, erklärt.
Diese Faktoren beeinflussen das Straffälligkeitsrisiko unabhängig von der Herkunft.“ Nun, zu dieser allgemeinen Schlußfolgerung kann man in der Tat kommen, wenn man, so wie diese Studie, die Daten nicht delikt- und nationalitätenspezifisch aufschlüsselt.
„Kriminalitätsrate sozial schwacher Nichtdeutscher 3,5 mal höher als sozial schwacher Deutscher“
Sondern?
Urbaniok: Die Studie stellt einfach fest, daß sozial schwache Menschen eher kriminell sind – voilà, Beweis erbracht: die wirtschaftliche Lage ist schuld! Sie vermeidet aber, sozial schwache Deutsche mit sozial schwachen Ausländern zu vergleichen.
Das aber hat zum Beispiel der Informatik-Professor Jochen Renz getan. Ergebnis: Die Kriminalitätsrate der sozial schwachen Nichtdeutschen ist gemessen an ihrem viel geringeren Anteil an unserer Bevölkerung etwa dreieinhalbmal höher als der der sozial schwachen Deutschen. Und egal welche soziale Gruppe Sie untersuchen, immer wieder taucht dieses Mißverhältnis zwischen Deutschen und gewissen Ausländergruppen auf.
Weiter funktioniert die Ifo-Studie zum Beispiel so: Städte haben mehr Kriminalität, Ausländer leben mehr in Städten, ergo machen die Städte sie kriminell. Klingt zuerst mal einleuchtend, aber es ist lediglich eine Korrelation, die man genau so gut umgekehrt interpretieren könnte: Nicht die Städte machen die Ausländer krimineller – sondern sie unsere Städte.
Wobei Vorsicht: Das genaue Bild erhält man erst durch nationalitätenspezifische Berechnungen. Und da sieht man: Keineswegs alle Ausländer, sondern, wie vorhin schon dargestellt, gewisse Ausländergruppen sind stark überrepräsentiert.
Aber trotz der Zahlen könnten Ausländer nur scheinbar krimineller sein und zwar, so das Argument etwa des ZDF, weil sie häufiger angezeigt werden. Und tatsächlich belegt laut Kriminologischem Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) eine Jugendgewalt-Studie, daß Täter mit ausländischem Aussehen fast doppelt so oft zur Anzeige gebracht werden wie deutsch aussehende Täter.
Urbaniok: Mag sein, aber bei den von mir betrachteten Gewalt- und Sexualdelikten bedarf es gar keiner Anzeige, damit sie verfolgt werden. Es sind sogenannte Offizialdelikte, die die Staatsanwaltschaft von Rechts wegen selbsttätig verfolgen muß.
Aber auch die müssen oft angezeigt werden, damit Polizei und Staatsanwaltschaft überhaupt davon erfahren.
Urbaniok: Dann sind die Deutschen beim Anzeigen allerdings merkwürdig selektiv rassistisch, denn die Kriminalitätsrate etwa von Migranten aus Algerien beträgt gemäß den Berechnungen von Renz 53 Prozent, aus dem benachbarten Tunesien aber nur 16 Prozent. Die von Einwanderern aus der Republik Kongo 47 Prozent, aus der benachbarten Demokratischen Republik Kongo dagegen nur fünf Prozent – ja, es gibt zwei Staaten mit dem Namen „Kongo“.
Aber zeigen die Deutschen wirklich algerische Täter verstärkt an, tunesische aber nicht, ebenso wie Kongolesen aus der Republik, aber nicht aus der Demokratischen Republik? Ja, können die Leute diese Gruppen überhaupt unterscheiden?
Das gleiche gilt übrigens für den Vorwurf, Ursache für die hohe Kriminalitätsrate von Afrikanern sei, daß die Polizei sie häufiger kontrolliere: Auch Polizisten sind wohl kaum in der Lage, Algerier und Tunesier oder die verschiedenen Kongolesen äußerlich auseinanderzuhalten und gezielt die einen häufiger zu kontrollieren als die anderen.
Und selbst wenn, warum sollten sie das überhaupt tun? Hinzu kommt, daß sich ein solch „rassistisches“ Anzeige- und Kontrollverhalten gegen alle nichtweißen Ausländer richten müßte. Inder und Ostasiaten aber sind in der PKS meist nicht auffällig, ja sie sind zum Teil sogar unterrepräsentiert.
Während übrigens Europäer wie Schweden oder Iren, wenn auch nur geringfügig, überrepräsentiert sind. Sie sehen, angesichts dieser Daten ergibt der Vorwurf, die betreffenden Nationalitäten würden Opfer ihres Aussehens, keinen Sinn.
„Polizisten berichten, migrantische Täter werden sogar weniger angezeigt“
Aber belegt die erwähnte KFN-Studie nicht dennoch, daß ausländisch wirkende Täter eher angezeigt werden?
Urbaniok: Das will ich gar nicht ausschließen, und es mag sein, daß wegen der schwarzafrikanischen Dominanz bei Drogendealern der europäisch Aussehende bessere Chancen hat, unkontrolliert zu verkaufen. Nur dieser Effekt verdünnt sich dann im Bereich der schweren Gewalt- und Sexualkriminalität und ist wohl nicht der Grund dafür, daß Ausländer in diesen Deliktbereichen verstärkt in der PKS landen.
Sie sagen, in Sachen Anzeigen sei es im Bereich Gewalt-und Sexualdelikte sogar umgekehrt: ausländisch aussehende Täter werden weniger angezeigt. Warum das?
Urbaniok: Nun, das ist das, was mir Polizisten aus ihrer Praxis berichten: Daß sie immer wieder Probleme damit haben, Opfer zu einer Anzeige zu bewegen, wenn es sich um gewaltbereite migrantische Gruppen handelt, weil die Betroffenen Angst haben.
Dennoch, so die Kritiker, sei nicht die ausländische Herkunft schuld an der Kriminalität, sondern die Verhältnisse, unter denen die Menschen hier leben, wie Armut, Problemkieze, mangelnde Integration. Sprich auch hier: nicht Ausländer machen Deutschland krimineller, sondern Deutschland die Ausländer.
Urbaniok: Diese Argumentation ist doch wirklich merkwürdig, denn selbst wenn es so wäre, sind die Zahlen doch wie sie sind. Aber in der politischen Debatte heißt es dann: „Ja schon, aber das hat soziale Ursachen.“ Als würde das die Zahlen entkräften. Was für eine absurde Logik! Stellen Sie sich mal vor, man würde so zum Beispiel auf die Zahl der Straßenverkehrstoten reagieren.
Das gleiche gilt für die Erklärung, Ausländer seien ja nur deshalb krimineller, weil sie jünger und öfter Männer sind als der Durchschnittsdeutsche. Ja, und? Das ändert doch nichts am Problem. Übrigens – und abgesehen von den schon genannten Daten, die Jochen Renz aufzeigt – haben auch Länder mit geringem sozialen Niveau ganz unterschiedliche Kriminalitätsraten.
Zudem zeigen hierzulande zum Beispiel Vietnamesen im Vergleich zu Algeriern, Libyern und Tunesiern sehr viel geringere Kriminalitätsquoten, obwohl sie gleiche Sozialhilfequoten aufweisen. Auch das spricht dagegen, daß die Ursachen vor allem die sozialen Bedingungen sind.
Natürlich mag sein, daß jemand, der arm ist, eher klaut, aber ich sage Ihnen aus meiner 33jährigen beruflichen Erfahrung, während der ich im Zuge der Resozialisierung mit Tausenden Tätern zu tun hatte: Wenn Menschen eine Gewaltproblematik oder eine Disposition für Sexualdelikte haben, dann ist es nahezu belanglos, ob man ihnen einen Arbeitsplatz vermittelt oder nicht. Mich erinnert das übrigens fatal an frühere Debatten, die ebenso verquer waren.
Nämlich?
Urbaniok: Als ich in den Neunzigern anfing, hatten wir in vielen europäischen Ländern sehr hohe Rückfallraten, von dreißig, vierzig, ja fünfzig Prozent. Warum? Weil es ein gesellschaftliches Narrativ gab, nach dem die Ursache von Straftaten gesellschaftliche Mißstände seien. Nun sind solche Mißstände natürlich nicht förderlich, aber die Ideologisierung dieses Gedankens hat blind dafür gemacht, daß die entscheidende Rolle die Persönlichkeit des Täters spielt.
Und eben diese ideologische Blindheit erleben wir bei der Migration nun wieder. Die Argumente sind genau die gleichen! Für die Probleme seien nicht die Täter, sondern die Gesellschaft verantwortlich – die habe was verpaßt, sich nicht richtig gekümmert, habe diskriminiert. Das war aber schon damals falsch und ist es auch heute.
„Dahinter stecken aus meiner Sicht politische Motive“
Das heißt, nach Ihrer Analyse ist die massive Überrepräsentation gewisser Ausländergruppen nicht in deren sozialer Lage begründet. Sondern darin, daß relativ mehr Angehörige dieser Gruppen eine kriminelle Disposition haben als in der Gruppe der Deutschen?
Urbaniok: Da möchte ich sehr präzise sein: Ja, ich sage, daß die Ursache bei den meisten dieser Täter ihre Disposition ist. Damit meine ich, diese ist hauptverantwortlich für ihre Taten, denn natürlich gibt es immer auch Nebenfaktoren. Und es gibt auch Täter, bei denen es nicht vor allem die Disposition ist, die eine Straftat tatsächlich aufgrund ihrer Situation begehen. Aber das ist der viel kleinere Teil.
Wenn die Daten, wie Sie im Buch zeigen, so eindeutig sind, wieso wird dann an diesem Narrativ festgehalten?
Urbaniok: Zum einen ist es gar nicht so einfach, an diese Zahlen zu kommen, man muß sie vielmehr aufwendig zusammensuchen – und ich glaube, das ist auch kein Zufall. Zum anderen stecken aus meiner Sicht hinter all dem politische Motive: So sollen, weil wir wegen der Demographie Zuwanderung brauchen, die Probleme verschleiert werden.
Bedeutender ist aber das ideologische Narrativ, daß es keine Unterschiede zwischen Menschen geben soll, weshalb die Relevanz kultureller Prägung geleugnet wird. Ideologische Blindheit hat aber schon immer ins Unglück geführt, das wissen doch vor allem wir aus unserer Geschichte.
Und das ist übrigens etwas, was schließlich ebenso die große Mehrzahl der rechtstreuen Einwanderer und Ausländer hier trifft. Die Vorstellung also, man würde ihnen einen Gefallen tun, wenn man die Probleme leugnet, ist völlig falsch. Denn die vielen gut integrierten Ausländer sind von der überproportionalen Ausländerkriminalität bestimmter Migrantengruppen doppelt betroffen: Sie werden selbst häufiger Opfer und werden zu Unrecht mit den Tätern in einen Topf geschmissen.
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Prof. Dr. Frank Urbaniok. Der forensische Psychiater, geboren 1962 in Köln, war von 1997 bis 2018 Chefarzt des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes des Kantons Zürich. Er schrieb mehrere Bücher wie „Was sind das für Menschen – was können wir tun? Nachdenken über Straftäter“ (2003), „Darwin schlägt Kant. Über die Schwächen der menschlichen Vernunft und ihre fatalen Folgen“ (2020) und „System und Irrtum“ (2023). Nun ist sein neuer Band erschienen: „Schattenseiten der Migration. Zahlen, Fakten, Lösungen“ Eine JF-Rezension lesen Sie hier.







