Johannes Kahrs (SPD, r.) und Klemens Kilic
Johannes Kahrs (SPD, r.) und Klemens Kilic Foto: picture alliance/Kay Nietfeld/dpa / YouTube-Screenshot / JF-Montage
Interview mit Klemens Kilic

„Kahrs’ indirektes Eingeständnis ist durchaus ein Grund für Euphorie“

Im Dezember vergangenen Jahres schaffte es der YouTuber und Satiriker Klemens Kilic in die Schlagzeilen: Der 24jährige hatte sich als neuer SPD-Chef Norbert Walter-Borjans ausgegeben und den SPD-Politiker Ralf Stegner angerufen. Diesem bot er das Amt des Vizekanzlers an. Stegner fiel auf den Scherzanruf herein und zeigte sich interessiert – zuvor müsse er aber mit seiner Frau sprechen.

Vor einigen Tagen kündigte Kilic, der gerade eine Ausbildung zum Kunstmaler macht, ein neues Video an. Diesmal sollte es um den SPD-Bundestagsabgeordneten Johannes Kahrs gehen, der sein erstes Staatsexamen auf betrügerische Weise erlangt haben soll. Bereits vor Veröffentlichung des Videos reagierte Kahrs in einem Tweet, den er später jedoch wieder löschte. Kilic hingegen trommelte für das Video, das schließlich Montag abend erschien. Während sich einige enttäuscht über das aufgezeichnete Telefonat mit dem SPD-Politiker zeigten, lobten andere Kilic für seine Leistung. Die JUNGE FREIHEIT sprach mit dem YouTuber über die Hintergründe der Geschichte und welche Konsequenzen er jetzt erwartet.

Herr Kilic, haben Sie schon Post von den Anwälten des SPD-Abgeordneten Johannes Kahrs bekommen?

Kilic: Bisher habe ich von Kahrs nur die müde (mittlerweile gelöschte) Twitter-Drohung registriert, daß „alle notwendigen rechtlichen Schritte beauftragt sind“.

In einem Video, das Sie am Montag abend über den „Deutschland Kurier“ veröffentlicht haben, erheben Sie schwere Vorwürfe. Da geht es um Belästigung, Pädophilie-Verdacht und natürlich den angeblichen Betrug beim ersten juristischen Staatsexamen. Für solche harten Vorwürfe sollte man handfeste Belege haben.

Gelöschter Tweet von Johannes Kahrs (SPD) Foto: Twitter-Screenshot

Kilic: Ich habe keine Vorwürfe erhoben, sondern lediglich Quellen zusammen getragen und präsentiert. Der Anruf war satirischer Natur und ist daher auch von Art. 5 GG gedeckt. Ich gehe nicht davon aus, juristische Folgen befürchten zu müssen, weswegen ich mich über eine gerichtliche Auseinandersetzung mit Kahrs freuen würde.

Wie sind Sie auf die Geschichte aufmerksam geworden?

Kilic: Als der Linkspartei-Politiker Tom Radtke im Januar Pädophilie-Vorwürfe gegen einen mutmaßlichen Hamburger SPD-Abgeordneten erhoben hat, habe ich mit der Recherche begonnen. Kurz darauf habe ich als Sebastian Edathy bei Kahrs angerufen – mit mäßigem Erfolg. Daraufhin hat sich ein Bekannter eines Bundesbruders von Kahrs bei mir gemeldet und den Kontakt vermittelt.

Aber wie kamen Sie auf Kahrs?

Radtke hatte damals keinen direkten Namen genannt, aber wenn man die Kommentarspalten aufmerksam las, kam man auf diesen Namen. Wenn ich jetzt sehe, daß Radkte meine Tweets zu dem Fall teilt, sehe ich mich darin bestätigt.

Warum glauben Sie diesem Bekannten des Bundesbruders? Könnte es nicht sein, daß er Sie hinters Licht führen will?

Kilic: Ich habe vorher ein gutes Dutzend Telefonate mit meinem Wingolf-Kontakt geführt …

… die Hamburger Studentenverbindung, durch die sich die beiden Männer kennen sollen.

Kilic: Ja, und ich denke, ihn recht gut einschätzen zu können. Die Reaktion von Kahrs während des Scherzanrufs hat dann alle Zweifel an der Validität der Aussagen endgültig ausgeräumt.

Haben Sie mit Ihrer Quelle nach der Veröffentlichung des Videos noch einmal Kontakt gehabt?

Kilic: Nein, das letzte Mal kurz vor der Veröffentlichung.

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Wenn man gestern Ihr Twitter-Profil beobachtet hat, konnte man zwischendurch meinen, Ihre Follower hätten den ganzen Tag auf nichts anderes gewartet als auf das Video. Sie köderten die Nutzer regelrecht und die erwarteten einen Knall. Dann kam ein eher kurzes Gespräch, in dem Kahrs direkt zumindest nichts zugibt.

Kilic: Ich hätte besser kommunizieren müssen, daß in diesem Video – anders als etwa im Stegner-Clip – nicht das Telefonat, sondern die damit zusammenhängenden Recherchen im Fokus stehen. Das Telefonat diente nur der indirekten Bestätigung der Recherche.

Haben Sie nicht etwas zu dick aufgetragen?

Kilic: Ich glaube, daß Kahrs’ indirektes Eingeständnis, sein juristisches Staatsexamen nicht selbst geschrieben zu haben, durchaus Grund für Euphorie ist.

Aber wo genau ist da das indirekte Eingeständnis? Die „Sache mit dem Staatsexamen“, von der in dem Gespräch die Rede ist, kann ja vieles bedeuten.

Kilic: Hätte ich meine Frage expliziter formuliert, wäre Kahrs nicht darauf eingegangen. Ich habe also versucht, ihm durch meinen Hinweis darauf, daß ich „am Telefon mal nichts Näheres dazu“ sagen kann, ein sicheres Gefühl zu vermitteln. Gleichzeitig aber habe ich ein Vokabular gewählt, welches unmißverständlich auf Prüfungsbetrug hindeutet: „Ein Monitor-Journalist schnüffelt wegen des Staatsexamens rum“ … „damit hängt auch meine Karriere zusammen“ und ich warne ihn davor, daß die Journalisten auch ihn „damit konfrontieren“ könnten.

Warum bricht das Gespräch nach Kahrs Antwort „Ja klar. Du, kein Thema!“ ab?

Kilic: Das Gespräch ist durch einen kurzen Kommentar unterbrochen.

Sie sagten, sie seien sicher, daß das nun das Ende der politischen Karriere Kahrs sei. Glauben Sie das jetzt immer noch?

Kilic: Ich schrieb, „das dürfte dann wohl Kahrs’ politisches Ende sein“. Ich habe die Knochen geliefert, die Aufgabe von investigativen Journalisten ist es nun, Fleisch daran zu bringen. Wieviel politischen Schaden Kahrs davon trägt, werden die kommenden Wochen zeigen. Spurlos an ihm vorüber gehen, wird es sicherlich nicht.

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Anmerkung der Redaktion: Während wir das Interview geführt haben, hat YouTube das erwähnte und oben verlinkte Video in Deutschland entfernt. Sie können es weiterhin hier sehen:

Johannes Kahrs (SPD, r.) und Klemens Kilic Foto: picture alliance/Kay Nietfeld/dpa / YouTube-Screenshot / JF-Montage

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