Der Russe ist einer, der Birken liebt, und der Deutsche, so ließe sich in Anlehnung an Olga Grjasnowas Roman sagen, einer, der Russland liebt. Friedrich Nietzsche sah in Russland den Gegensatz zur „erbärmlichen europäischen Kleinstaaterei und Nervosität“, Rainer Maria Rilke rühmte in Moskau das Land des „unvollendeten Gottes“, aus dessen Gebärden „die Wärme seines Werdens“ ströme.
Zwei Weltkriege, eine Epoche des Realsozialismus und rund hundert Jahre nach dem Fin-de-Siècle haben die Deutschen die Russophilie, so scheint es, neu für sich entdeckt – allerdings nicht als feingeistige Literaturen, sondern als Außenpolitik- und Militärexperten, die Russland auf geradezu absurde Art und Weise romantisieren. Und damit Vorhang auf für Teile der deutschen Rechten, die aus einer falschen „Druschba“-Romantik nicht nur die Kapitulation der Ukraine fordern, sondern Russland zum Bollwerk gegen westliche Dekadenz und Hort traditioneller Werte erheben.
Von ihnen heißt es, der Ukrainekrieg sei von Nato und Amerikanern aufgezwungen, der Euromaidan 2014 ein westlicher „Putsch“, der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj eine „Marionette“ und Wladimir Putin der Rächer eines verlorenen Konservatismus. Gerade in ostdeutschen AfD-Verbänden hat sich eine realitätsferne Verklärung etabliert, die Russlands aggressiven Charakter beharrlich verkennt.
Wer die Ukraine unterstützt, ist lange kein „Kriegstreiber“
Vorab: Es ist nachvollziehbar, Frieden in Europa zu fordern – und das Sterben im Donbass beenden zu wollen. Es ist richtig, darauf zu verweisen, dass es westliche interessengetriebene Einflussnahme in der Ukraine gab. Denn zur Wahrheit gehört auch: Das Land stellt seit jeher einen Zankapfel europäischer und russischer Interessen dar.
Es ist ebenso legitim, die Diabolisierung Russlands (etwa die merkwürdige Entscheidung, russische Sportler nicht mehr unter russischer Flagge antreten zu lassen) oder die Ukraine-Überhöhung in westlichen Debatten des Mainstreams zu kritisieren: die blau-gelben Profilbildchen, die ritualisierten „Slava Ukraini“-Rufe, die Blindheit gegenüber Problemen der Ukraine wie dem demographischen Kollaps oder der grassierenden Korruption. Wer diese Kritik äußert, liegt nicht automatisch falsch. Und wer in Mainstream-Medien einen unterkomplexen Blick auf den Konflikt feststellt, der ist deshalb kein Kreml-Propagandist.
Wer sich jedoch für die Selbstverteidigung der Ukraine einsetzt, ist andersherum auch kein „Kriegstreiber“, um mal eine populäre AfD-Vokabel aufzugreifen. Und wer nicht findet, dass Putin in die Ukraine eindringen durfte, weil diese sich in den Jahren zuvor der EU und Nato zuwandte, ist erst recht kein „Westextremist“.
Man erkennt in solchen Äußerungen eine Täter-Opfer-Umkehr und eine Relativierung von Kriegshandlungen, so als seien Leopard-Panzer und Kampfdrohnen dasselbe wie eine diffuse Einflussnahme auf einer Ebene der Softpower und Meinungsbildung, die in weiten Teilen der Ukraine, insbesondere im Westen, auf breite Zustimmung stieß: Menschen dort wollten über Jahre und Jahrzehnte Teil des Westens werden, weil damit Wohlstandsversprechen und Sicherheitsgarantien einhergingen.
Der Frieden ist nicht im Interesse Putins
Dieser Krieg dauert auch nicht fort, weil die Europäische Union, die USA oder Selenskyj ihn künstlich am Leben erhalten. Er dauert fort, weil der russische Präsident Putin ihn zu seiner „raison d’être“ gemacht hat. Die Vokabel ist dabei keine Übertreibung: Wer, wie Putin, seine Legitimität aus geopolitischer Einflussnahme und territorialen Zugewinnen speist, braucht den militärischen Konflikt, um daraus sein Dasein als Machthaber abzuleiten.
President Vladimir Putin threatened “consequences you have never faced in your history” for “anyone who tries to interfere with us.” His speech, intended to justify the invasion of Ukraine, seemed to come close to threatening nuclear war. https://t.co/98DJWNFYOo pic.twitter.com/AEUXpmJ2Uy
— The New York Times (@nytimes) February 24, 2022
Putin folgt dabei, um eine zweite französische Vokabel zu verwenden, einer „mission civilisatrice“, also einer Kulturmission, die Panslawismus neohegemonial definieren will. Alexander Dugin, der wichtigste ideologische Wegbereiter des russischen Neo-Eurasismus, hat den Krieg von Beginn an als metaphysischen und zivilisatorischen Kampf dargestellt. Er sprach von einem Krieg gegen das „absolute Böse“ der westlich-liberalen Zivilisation und forderte das russische Volk auf, sich zu „erheben“ und „seine historische Mission zu erfüllen“ im Kampf gegen einen „ontologischen“ Feind.
Am Ende eines Krieges kann für den Herrschaftstypus Putin kein Friedensschluss stehen, weil dieser das Ende seiner Ära einläuten würde. Ein Frieden (der unterschriftsreif mit Gebietsabtretungen der Ukraine längst auf dem Tisch liegt) ist schlicht nicht in seinem Interesse.
Der Kampf um das eigene Überleben ist immer legitim
Aus rechtskonservativer Sicht stellt sich ohnehin die Frage, warum die Selbstverteidigung eines Landes geleugnet werden sollte, das einen Kampf um eigene Sprache, Symbole und Identität führt. Der Erhalt eines Volkes und die Fähigkeit, es gegen Aggression zu verteidigen, gehören zu den klassischen Anliegen der konservativen Rechten.
Die Ukraine kämpft dabei nicht, um ein Missverständnis auszuräumen, für „westliche Werte“, sondern in erster Linie: um ihr Fortbestehen als eigenständige Nation. Sie hat seit 1991 eine eigene Erzählung entwickelt, die sich vom russischen „Malorossija“-Narrativ abgrenzt, und die heute ein Revival erlebt, etwa durch die Beschwörung der widerständigen Kosaken oder des Nationaldichters Taras Schewtschenko, der schon 1845 die Fremdherrschaft des Zarenreichs beklagte.
Umfragen zeigen ein ausgeprägtes nationales Selbstbewusstsein unter Ukrainern: Eine große Mehrheit, weit mehr als 90 Prozent, zeigt sich stolz auf das eigene Land und würde erneut für die Unabhängigkeit stimmen. Die Bereitschaft, das Land notfalls mit der Waffe zu verteidigen, bleibt bei rund zwei Dritteln der befragten Bürger erhalten – trotz der Kriegsmüdigkeit und einigen Desertationen.
Die in Umfragen sichtbaren Werte – Patriotismus, Wehrhaftigkeit, kulturelle Selbstbehauptung – zeichnen das Bild eines Volkes, das genau jene Tugenden hochhält, die in Deutschland oft als defizitär beklagt werden. Wer zu Recht einen überbordenden Schuldkomplex und fehlenden Patriotismus hierzulande kritisiert, der darf nicht ausklammern, dass das nationale Selbstverständnis eines ist, das sich aus Stolz und Tradition speist und Selbsterhaltung als höheres Ziel definiert – und zwar in Unterscheidung zu (und nicht in Kongruenz mit) Russland.
Russland ist mitnichten ein Vorbild für Rechte
Die mitunter einseitige Parteinahme für Russland, den Aggressor im Konflikt, speist sich dabei aus der Vorstellung, dort seien noch klassisch konservative Werte zu finden: intakte Vater-Mutter-Kind-Familien, Widerstand gegen den „woken Westen“, Straßenbilder ohne Regenbogenflaggen.
Diese Argumentation, die etwa Björn Höcke anstrengt, ist deshalb so falsch, weil sie Unterschiede zum in der Tat progressiv-überfremdeten Europa selektiv herausgreift, im Sinne des eigenen Standpunkts überhöht und geradezu auf fundamentale Art und Weise die gesellschaftlichen Realitäten ausklammert: Hinter der Fassade der russischen Bilderbuchfamilie werden etwa Embryos noch immer dramatisch oft abgetrieben (320.000 Abtreibungen 2025 und 21,8 Abtreibungen pro 1.000 Frauen), in den letzten Jahren folgten auf zehn Eheschließungen sechs Scheidungen, und jedes Jahr sollen Tausende Frauen infolge häuslicher Gewalt sterben (die Dunkelziffer dürfte noch höher ausfallen) – und Alkoholabhängigkeit ist ein reales Problem.
Russland ist zudem ein multiethnischer Staat, der unter großen Spannungen leidet, und Schauplatz einer rasanten Islamisierung: Mehr als 15 Prozent der Bevölkerung (und damit mehr als doppelt so viele wie in Deutschland) sind muslimisch, immer wieder kommt es zu Gebeten, bei denen mitunter Zehntausende den öffentlichen Raum einnehmen. Es ist auch kein Zufall, dass es immer wieder zu islamistischen Anschlägen kommt wie der Terrorattacke auf die Crocus City Hall in Moskau 2024, bei der ein ISIS-Ableger 145 Menschen tötete.
Russland verneint zudem ein Primat der Prosperität: Weite Teile der Bevölkerung Russlands sind seit Jahren trotz wachsender Wirtschaft perspektivlos, die Wirtschaft hat Strukturreformen verpasst und hält sich nur durch Öl- sowie Gasvorräte am Leben, wobei nur eine nepotistische Loyalistenclique davon wirklich profitiert, während gerade der ländliche Raum bitterarm bleibt.
Kurz: Die gesellschaftlichen Realitäten in Russland passen nicht zu dem verklärenden Bild, das in der deutschen Rechten vorherrscht. Das Land kann kein Vorbild für den Westen sein.
Deutschland bleibt in Russland ein Feindbild
Diese Verklärung übersieht zudem die antideutsche Haltung in der russischen Staatspropaganda. Stimmen wie der bekannte „Rossija 1“-Moderator Wladimir Solowjow bezeichnen Deutschland als Nachfolger des nationalsozialistischen Regimes und revanchistischen Akteur. Im Interview mit Roger Köppel und der Weltwoche hat Solowjow jüngst unmissverständlich erklärt, man kämpfe nicht gegen die Ukraine, sondern gegen die Deutschen selbst. „Wisst ihr, wie wir Feinde dort nennen? Wir nennen sie Nemtsi, Deutsche. Wir nennen sie nicht Ukrainer. Wir hassen nicht sie, wir hassen euch“, so Solowjow.
«Gegen euch führen wir Krieg!» – Solowjows Botschaft, die man nicht ignorieren sollte… pic.twitter.com/MACjxYJnMd
— Die Weltwoche (@Weltwoche) July 12, 2026
Diese Rhetorik geht einher mit einer einseitigen Fortschreibung der sowjetischen Siegeserzählung durch Russland. In dieser werden Denkmäler für die Rote Armee errichtet, während die Massenvergewaltigungen deutscher Frauen 1945 bewusst ausgeblendet werden. Man mag erwidern, dass dies auch ein Teil der deutschen Geschichtsschreibung ist; entscheidend ist aber, dass sich darin eine Selbstdefinition in Abgrenzung zu Deutschland zeigt. Die Geschichtspolitik Russlands klammert auch linken Terror gänzlich aus: Opfer des Kommunismus, des Holodomor, der stalinistischen Säuberungen bleiben namenlos, Staatsmedien beschwören Deutschland als geschichtlich gewachsenen Feind.
Erst vor wenigen Wochen stufte das russische Justizministerium die Landsmannschaft Ostpreußen als „unerwünschte Organisation“ ein (JF berichtete). Russischen Staatsbürgern und Organisationen, die mit dem Verband kooperieren, drohen nun bis zu vier Jahre Haft oder Geldstrafen. Damit reiht sich der deutsche Vertriebenenverband in eine Liste von über 350 als unerwünscht eingestuften Organisationen ein – darunter die Deutsche Welle, die als „Vorreiter feindlicher antirussischer Propaganda“ bezeichnet wurde.
Moskau verantwortet zahlreiche Destabilisierungsaktionen
Das Agieren gegen deutsche Interessen zeigt sich aber nicht nur in Rhetorik und Innenpolitik. Russland betreibt seit Jahren eine systematische Kampagne hybrider Einmischung, und dies auf deutschem Boden. Dazu zählen Drohnenaufklärungsflüge über Bundeswehr-Standorte, Wirtschaftsspionage und Sabotageakte gegen Schiffe und Unterseekabel auf der Ostsee sowie Brandanschläge auf Rheinmetall-Transporter (etwa in Erfurt) und vereitelte Anschlagspläne auf US-Militärbasen in Deutschland.
Mitunter schreckt man nicht vor der Tötung von Menschen auf deutschem Boden zurück – wie der Tiergartenmord von 2019 zeigt, bei dem der georgisch-tschetschenische Dissident Selimchan Changoschwili von dem GRU-Agenten Wadim Krassikow in Berlin ermordet wurde.
Und Moskau geht heute neue Wege, etwa in Form sogenannter „Wegwerfagenten“, also online rekrutierter Einzeltäter. Mit kleinen Geldbeträgen oder Kryptowährung werden diese zu niedrigschwelligen Sabotageakten angeworben: Brandstiftungen an ukrainischen Hilfslagern, das Plazieren von Brand- und Sprengsätzen in DHL-Paketen, die 2024 in Birmingham und Warschau, aber eben auch in Leipzig explodierten, oder „False-flag“-Aktionen, die Gesellschaften polarisieren sollen.
Diese Kriegsführung wird abgerundet durch die Instrumentalisierung von Migranten als destabilisierender externer Faktor für die Länder Westeuropas, und auch hier zeigt sich, wie der Russlandromantiker Realitäten ausklammert, die Deutschland schlicht schaden: 2021 organisierte das mit Russland verbundene Lukaschenko-Regime in Weißrussland einen koordinierten Zustrom von Migranten aus dem Nahen Osten und Afrika über Minsk und Moskau.

Tausende wurden an den Grenzen zu Polen, Litauen und Lettland abgesetzt; Polens damaliger PiS-Ministerpräsident Mateusz Morawiecki bezeichnete die Aktion als das, was sie ist: „von Putin gesteuert“.
Russlandfreunde von heute sind keine feinsinnigen Romantiker
Anders gesagt: Während sich Teile der deutschen Rechten empört über die amerikanische Luftwaffenbasis in Ramstein zeigen, wird die Einmischung russischer Akteure in deutsche Angelegenheiten kleingeredet. Der Nord-Stream-Anschlag gilt zu Recht als ein schlimmer Sabotageakt ukrainisch-westlicher Akteure gegen die deutsche Energieversorgung, doch nur weil das eine richtig ist, wird die systematische russische Einflussnahme auf und in die Bundesrepublik nicht weniger verheerend.
Nimmt man all diese Beobachtungen zusammen, erweist sich die deutsche Russland-Romantik als Projektion, die auf falschen Prämissen beruht. Man muss den Ukrainekrieg nicht zwanghaft als „unseren Krieg“ sehen, man kann gerne nach Moskau reisen und verhandeln. Aber bitte mit Weitblick und realistischen Erwartungen. Russland ist weder der konservative Vorbildstaat noch der feste Partner, der deutsche Interessen im Sinn hat.
Das beschönigende Zerrbild entsteht dabei, so scheint es, als reflexhafte Gegenreaktion auf vergangenes Versagen von etablierten Medien und „Parteien der Mitte“, etwa bei Migrationskrise, Atomaustieg und Corona-Pandemie. Doch nur weil Teile des linksliberalen Spektrums sich einst irrten und nun die Ukraine unterstützen, wird deren Selbstverteidigung für Konservative nicht falsch – und Russland nicht zu unserem natürlichen Verbündeten.
Nietzsche und Rilke mochten in Russland etwas weniger Zerrissenes gesehen haben, gerade im Unterschied zu den Partikulargesellschaften ihrer Zeit. Sie kannten jedoch kein Reich, das fremde Länder systematisch sabotiert und die eigene Heimat unverblümt bekämpft. Der heutige deutsche Russlandfreund ist kein feinsinniger Romantiker, sondern einer, der aus enttäuschter Westkritik heraus bereit ist, die Realität eines aggressiven und antideutschen Regimes zu verdrängen. Das sollte auch die AfD verstehen.
Die Birken, die der Russe liebt, stehen noch. Doch unter ihnen rollen heute Panzer und schwirren Drohnen, die auch unsere Interessen bedrohen.
Jan A. Karon studierte Politikwissenschaft und Geschichte in Heidelberg und Oregon (USA). Er arbeitete als Journalist für das ZDF, die Zeit und den Stern; zuletzt war er bei Nius tätig.





