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Lokalpatriotismus: Heiligsblechle mit Heimatbekenntnis

Lokalpatriotismus: Heiligsblechle mit Heimatbekenntnis

Lokalpatriotismus: Heiligsblechle mit Heimatbekenntnis

Ein Kennzeichen mit dem Schriftzug „Heimat“
Ein Kennzeichen mit dem Schriftzug „Heimat“
Mit der Wahl des Autokennzeichens sind für viele Deutsche offenbar Heimatgefühle verknüpft. Foto: mit KI erstellt
Lokalpatriotismus
 

Heiligsblechle mit Heimatbekenntnis

Eine neue Studie zeigt: Millionen Deutsche sehen im Ortskennzeichen an ihrem Auto mehr als bloß eine Buchstabenkombination. Für sie hat es vielmehr einen starken Bezug zur eigenen Identität. Denn seit 2012 wird eine neue Möglichkeit eifrig genutzt.
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Wohl nicht ganz zu Unrecht wird den Deutschen allgemein eine besonders ausgeprägte Nähe zum Auto nachgesagt. Das mag historische Gründe haben – das 1886 von Carl Benz angemeldete Patent gilt als „Geburtsurkunde“ des Automobils –, wirtschaftliche, wenn man an die bisherige Bedeutung der Autoindustrie für die deutsche Wirtschaft denkt und ganz sicher auch eine persönliche: Die Deutschen lieben ihr eigenes Auto, heißt es oft, Lastenfahrrad hin, 63-Euro-Ticket her. Und tatsächlich wird der fahrbare Untersatz hierzulande von vielen Besitzern mit vielleicht etwas mehr Hingabe gepflegt, als das beispielsweise bei unseren französischen Nachbarn der Fall ist, wo eine Schramme am Blech erkennbar weniger krumm genommen wird.

Aber zu noch etwas haben wir offensichtlich eine starke emotionale Beziehung, die sich wiederum auch am Auto widerspiegeln kann: zur Heimat. Das jedenfalls legt die frisch veröffentlichte Studie des Touristik-Professors Ralf Bochert von der Hochschule Heilbronn nahe, in der die Beliebtheit sogenannter Heimatkennzeichen belegt wird.

Auf Initiative des Bundesrats wurde 2012 die Fahrzeugzulassungsverordnung so reformiert, dass Landkreise und kreisfreie Städte zusätzliche Ortskennungen einführen können. Jedenfalls immer dann, wenn diese früher schon einmal für Autonummernschilder ausgegeben wurden. Dies gilt vor allem für alte, durch Gebietsreformen weggefallene Buchstabenkombinationen, die seitdem auf Kennzeichen wieder eingeführt worden sind und Autos, Motorräder und Anhänger zieren.

337 neue Kennzeichen

Seit Einführung dieser Regelung sind 337 neue – also eigentlich alte – Ortskennzeichen hinzugekommen. „Eine unerwartet große Zahl“, heißt es in der Heilbronner Studie. „2012 war man zudem meist davon ausgegangen, dass die Altkennzeichen nur eine eher nostalgisch geprägte Zielgruppe ansprechen.“ Nur die Freistaaten Sachsen und Bayern benannten die Kennungen „schon früh als ‘Heimatkennzeichen’, was sich in der nachfolgenden Entwicklung dann bewahrheiten sollte“.

Denn seitdem sind den Angaben des Kraftfahrtbundesamts zufolge mehr als sieben Millionen dieser Heimatkennzeichen neu vergeben worden. „Das ist eine selbst optimistische Schätzungen übertreffende Zahl“, meinen die Autoren der Studie. Nummernschilder, so lautet der Erklärungsansatz, funktionieren ähnlich wie Wappen und würden entsprechende Assoziationen auslösen. „Städte mit einem eigenen Kennzeichen werden als relevanter wahrgenommen“, heißt es in dem Papier.

Wer liegt vorne?

Enthalten in der Studie der Hochschule Heilbronn ist auch eine Aufstellung, welche Heimatkennzeichen wie oft bestellt und am Fahrzeug angebracht wurden. Ganz oben in der Rangfolge steht das MO für die nordrhein-westfälische Stadt Moers (128.090 Stück). Auch auf dem zweiten Platz folgt eine Stadt im bevölkerungsreichsten Bundesland, nämlich Kempen-Krefeld (KK) mit 101.332 Exemplaren. Dass in Lemgo nur 296 das Kennzeichen LE bestellten, liegt vermutlich an der erst in diesem Jahr erfolgten Reaktivierung. Da werden also vermutlich noch mehr hinzukommen.

Für Lehrstuhlinhaber Bochert Anlass, eine weitere Liberalisierung zu fordern. In einer Aufstellung schlägt er weitere neu-alte Autokennzeichen vor, die Kommunen mit mindestens 20.000 Einwohnern einführen könnten. Der Plan würde insgesamt etwa 10,5 Millionen Personen betreffen. Und er würde einerseits mehr Heimatgefühl zur Geltung bringen und andererseits zur Entbürokratisierung beitragen, denn das Ganze sei mit keinen weiteren Kosten verbunden, schwärmt der Touristik-Spezialist.

„Das siebenmillionenfache kleine Glück“

„Das kleine Glück, das bereits siebenmillionenfach besteht, lässt sich sehr leicht steigern, ohne dabei zusätzliche Kosten zu verursachen.“ In einigen Befragungen haben die Studienautoren sogar festgestellt, dass Autobesitzer im Schnitt rund zehn Euro für das Kennzeichen zahlen würden. Es entstehe also ein Wert. Bereits im März dieses Jahres hatte der Bundesrat mit großer Mehrheit einem Entschließungsantrag der Länder Hessen und Niedersachsen zugestimmt, der eine weitere Kennzeichenliberalisierung fordert. Ausdrücklich mit Verweis auf die „breite Akzeptanz in der Bevölkerung“. Eine Zustimmung der Bundesregierung steht noch aus.


Manchmal erklärt sich die Beliebtheit der „neuen alten“ Kennzeichen auch dadurch, dass mit den Gebietsreformen ab Mitte der siebziger Jahre, durch die sich knapp 400 Landkreise auflösten, zusammengefügt wurde, was sich nicht zusammengehörig fühlte. In Niedersachsen etwa möchte mancher aus Bad Gandersheim nicht für einen Northeimer gehalten werden und freut sich daher, mit GAN herumzufahren anstatt mit NOM. Ähnliches gilt wahrscheinlich für die Bewohner von Clausthal-Zellerfeld im Oberharz, die ihr Fahrzeug mit einem CLZ schmücken können anstelle des GS der Kreisstadt Goslar. Und das DUD für Duderstadt signalisiert die Verbundenheit mit der Stadt im katholisch geprägten Eichsfeld; anders als das GÖ der protestantisch geprägten Universitätsstadt Göttingen, in deren Landkreis Duderstadt liegt.

Professor: Identitätsbezug nicht unterschätzen

Ganz ähnlich könnte es im Fall von Rottenburg am Neckar in Baden-Württemberg werden. Wenn sich der Vorschlag des Studienautors Bochert für weitere Liberalisierungen durchsetzt, dann könnten Autofahrer am Hauptsitz des katholischen Bistums eines Tages auch wieder das Altkennzeichen RNE wählen – als Alternative zum TÜ für das evangelisch geprägte Tübingen.

Angesichts zahlreicher aktueller Herausforderungen und Krisen – nicht zuletzt auf dem Automobilsektor und in den Kommunen – sei die Frage der Ortskennzeichen nicht das drängendste Problem, räumt Wissenschaftler Bochert ein. Man solle jedoch nicht unterschätzen, dass gerade über das Nummernschild am Auto „ein für viele großer Identitätsbezug gegeben“ sei, „der nicht wenigen Menschen richtig wichtig ist“. Die Heimat und das „Heiligsblechle“ spielen hierzulande eben immer noch eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Aus der JF-Ausgabe 34/26.

Mit der Wahl des Autokennzeichens sind für viele Deutsche offenbar Heimatgefühle verknüpft. Foto: mit KI erstellt
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