Wieder einmal hat auf der Welt jemand wahllos auf Menschen geschossen. Diesmal erwischte es die kanadische Stadt Montreal. Der Täter soll ein Mann namens Seth Hatfield sein, 25 Jahre alt, der einen 34jährigen Polizisten erschoss und anschließend selbst durch Polizeikugeln umkam. Ein unbeteiligter Passant wurde im unübersichtlichen Getümmel zudem offenbar durch einen weiteren Polizeibeamten getötet.
Rasch tauchte ein mutmaßlich vom Attentäter verfasstes Manifest auf, das in den Medien als „Incel-Manifest“ beschrieben wurde. Rechte und konservative Kommentatoren auf X widersprachen, betitelten den Angreifer als „Kommunisten“ und „Marxisten“ und vermuteten teilweise, der Tat könnte eine antisemitische Motivation zugrunde liegen – das betroffene Viertel sei bekannt dafür, viele jüdische Anwohner zu haben.
Tatsächlich lässt das im Netz kursierende Manifest keinen Zweifel daran, dass der Täter aus dem Incel-Milieu stammte und daraus seine Rechtfertigung für die Bluttat ableitete. In langen und im akademischen Duktus daherkommenden Ausführungen stellt er die These auf, die westliche Zivilisation habe sich seit der Etablierung des Kapitalismus von der Praxis der Monogamie gelöst, mit der Folge, dass junge Männer nicht mehr in der Lage seien, Partnerinnen zu finden.
Das klingt weniger nach marxistischer Theorie
Vergleichsweise kurz geht er auf das Thema Pornographie ein, der er vorwirft, auf junge einsame Männer suchtauslösend zu wirken. Tatsächlich steht in exakt jener Straße, die Hatfield attackierte, das Hauptquartier des Pornographie-Unternehmens Pornhub. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass er es gezielt attackierte und lediglich deshalb nicht ins Gebäude kam, da ihn die Polizei vorher stoppte.
Die antikapitalistischen Elemente im Manifest mögen marxistisch wirken – und tatsächlich schrieb der Täter darüber, dass er kommunistische Staaten für weniger „degeneriert“ halte als ihre kapitalistischen Konkurrenten. Seine hauptsächliche Kritik am Kapitalismus betrifft allerdings das in seinen Augen zu optimistische Menschenbild des Liberalismus: „Zweitens basieren Liberalismus und Kapitalismus auf der Annahme, dass alle Menschen im Grunde gut sind und dass sie den Wettbewerb suchen. Beide Vorstellungen sind offensichtlich und eindeutig falsch“, heißt es im Text.
Die bürgerliche Klasse sei „darauf angewiesen, dass die Menschen glauben, der Mensch sei im Grunde gut, damit sie die absurde Freiheit, die sich die bürgerliche Klasse insbesondere in wirtschaftlichen Belangen verschafft hat, kritiklos akzeptieren“. Sollte es der Bevölkerung dämmern, dass der Mensch in Wahrheit „gierig und zügellos“ sei, würde sie hingegen dazu tendieren, strengere gesetzliche Vorschriften zu fordern. Derartige Textstellen klingen weniger nach marxistischer Theorie als nach klassischer rechter Liberalismuskritik, wie sie etwa von Autoren der Konservativen Revolution vertreten wurde.
Das FBI spricht von „Nihilistic Violent Extremism“
Dass die Hinterlassenschaften des Täters politisch nicht ganz eindeutig einordbar sind, fügt sich dabei tatsächlich in einen größeren Trend ein. Im vergangenen Jahr schuf das FBI sogar eine neue Kategorie, um quasi-terroristische Gewalttaten zu klassifizieren, die sich nicht in den Schablonen üblicher Ideologien begreifen lassen: „Nihilistic Violent Extremism“, also „Nihilistischer gewalttätiger Extremismus“.
Darunter werden nicht nur Attentate zusammengefasst, sondern auch ein lose vernetztes Online-Milieu, in dem sich sadistische Impulse, verschiedene Versatzstücke extremistischer Ideologien, okkulte/satanistische Glaubensinhalte und zum Teil auch pädophile Täterkreise miteinander vermengen und sich gegenseitig zu Gewalthandlungen aufstacheln. Auch der im Juni 2025 in Hamburg verhaftete Iraner Shahriar J., der sich im Internet „White Tiger“ nannte, wird diesem Milieu zugerechnet (JF berichtete).
Wie lässt sich solcher Terrorismus verhindern?
Das gemeinsame Merkmal dieser Strömung ließe sich darin feststellen, „dass die Akteure eine menschenfeindliche Weltanschauung vertreten, zivilisierte Gesellschaftsformen verachten und versuchen, bestehende politische und soziale Strukturen durch kriminelle Handlungen zu untergraben“, fasste die Konrad-Adenauer-Stiftung das „nihilistische Minimum“ zusammen. Der Attentäter von Montreal scheint dabei nicht originär diesem Milieu zu entspringen, und auch sein von Incel-Ideologie durchtränktes Manifest propagiert keine reinen Zerstörungsphantasien, sondern ruft zur Zerstörung des Kapitalismus und der Ermordung von Bankern, Unternehmern und Milliardären auf.
Im größeren Kontext gesehen zeigt auch dieser Anschlag jedoch, dass der Terrorismus des 21. Jahrhunderts in vielen Fällen nicht in die üblichen politischen Raster passt und in Zukunft wohl immer weniger passen wird. Was zu der eigentlich wichtigen Frage führt: Wie lässt er sich dann verhindern?






