Obwohl Arthur Moeller van den Bruck als einer der bedeutendsten Schriftsteller der Konservativen Revolution gilt, sind seine Werke heute nur noch vereinzelt verfügbar. Selbst sein Hauptwerk „Das dritte Reich“ lässt sich nur als Faksimile der Erstausgabe von 1923 erstehen; der Rest – „Der Preußische Stil“ oder „Das Recht der jungen Völker“ – ist lediglich antiquarisch erhältlich.
Der Blick nach Frankreich beschämt, schließlich finden sich dort sogar kommentierte Studienausgaben des Vordenkers der „Jungkonservativen“. Im Nachbarland schlägt sich die Aktualität des Autors, der von seinen Lesern verlangte, in Gegensätzen zu leben, um die von lauter Gegensätzen bevölkerte Zeit zu meistern, in konkreten publizistischen Angeboten nieder – etwa in der 2024 erschienenen Übersetzung „Le troisième Reich“ (Peter-Lang-Verlag).
Der rechte Bohemien
In Deutschland hingegen muss sich das Publikum die Texte Stück für Stück zusammenklauben, um sich im Werk des Rechtsintellektuellen zurechtzufinden. Von Überblicksdarstellungen oder gar Kommentaren ist da noch gar keine Rede. Deshalb kommt der schmale Band „Moeller van den Bruck: Der konservative Revolutionär“ des Historikers Karlheinz Weißmann gerade recht. Der Beitrag für die Schriftenreihe „Erträge“, von der Bibliothek des Konservatismus (BdK) besorgt, liefert pünktlich zum 150. Geburtstag am 23. April eine elegante Einführung in Moellers Leben und Denken.
Von seiner Jugend als bücherverschlingender Autodidakt in der Berliner Bohème des „Friedrichshagener Dichterkreises“ Anfang der 1900er Jahre, wo er unter anderem auf den Anarchisten und späteren Stichwortgeber der Münchner Räterepublik Erich Mühsam traf; über die Fieberzeit nach der Novemberrevolution, deren Atmosphäre gekonnt in der Formulierung gerafft wird: „Die alte Rechte schien verschwunden, wer sich nicht als Linker verstand oder in einer amorphen Mitte Deckung suchte, musste seine Position neu bestimmen“; bis hin zum jähen Selbstmord des Publizisten 1925 aus ungeklärten Gründen – überall versteht Weißmann es, Zusammenhänge zu erklären und Hintergründe zu beleuchten.
Moellers „Bekenntnis zu Hegel“
So wird mit dem preußischen Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel eine wichtige Referenz in Moellers Werk markiert, die vielen wohl entgangen wäre, wie die Widmung von „Der Preußische Stil“ von 1914: „Dem preußischen Offizier Major Rudolf Moeller, meinem lieben Onkel und treuem Freunde als ein Bekenntnis zu Hegel und Clausewitz“.

Er steigt aber auch bis tief in die Materie ein und zitiert aus der Rezension von Spenglers „Der Untergang des Abendlandes“ aus dem Jahr 1920, wo Moeller das hegelianische Denken in seiner ganzen Pracht gegen das zirkuläre Geschichtsbild des Pessimisten ausspielt: „Sie (die Geschichte, F.W.) läuft nicht in einem Ring wieder in sich selbst zurück, in dessen Bilde Nietzsche sich die ewige Wiederkunft vorstellte. Sie verschiebt sich vielmehr in einer ewigen Überschichtung, die in ihrem Spiralverlaufe immer wieder elliptisch ausholt, neue Möglichkeiten aufnimmt und neue Stufen ansetzt …“
Diese teils atemberaubende Quellenkenntnis verdankt sich nicht zuletzt der „seit der Schulzeit andauernden Beschäftigung“ Weißmanns mit dem Stoff, die schließlich in der Zusammenarbeit mit dem Politikwissenschaftler Armin Mohler am Grundlagenwerk „Die Konservative Revolution in Deutschland 1918–1932“ mündete: „Für Armin Mohler gehörte Arthur Moeller van den Bruck zu den zentralen Figuren der Konservativen Revolution, genauer: er war eine der maßgebenden Persönlichkeiten des jungkonservativen Lagers.“
Vertrat Moeller einen dialektischen Konservatismus?
Auf diese Weise richtet Weißmann ein ganzheitliches Bild des ansonsten in Deutschland zumindest fast gänzlich vergessenen Denkers wieder auf, das dem Publikum plausibel machen kann, wieso es auch heute noch sinnvoll ist, sich mit dessen Texten zu befassen. Da ist zum einen die dringend notwendige Neubestimmung des Begriffs „konservativ“ in einer liberalen Moderne, in der strenggenommen gar nichts mehr da ist, was man dem Wortsinne nach in seiner Substanz bewahren könnte.
Zu zahlreich, zu alltäglich auch sind die Fortschritte und Revolutionen inzwischen geworden, die die Welt immer wieder neu umwerfen. „Wenn überhaupt etwas bewahrt werden solle, dann der Strom des Lebens, der ebenso von toten Formen erstickt, wie durch falsche Ableitung versanden kann“, schreibt Weißmann – und fasst so ein zentrales Anliegen Moellers griffig zusammen.
Zum anderen aber legt der Historiker die tiefer liegende Methode des Weimarer Publizisten wieder frei, nach immer neuen Synthesen für eine in tausend Pole zerborstene Zeit zu suchen. „Über die Versöhnung von Konservatismus und Sozialismus, konservativen und revolutionären Impulsen werde die Scheidung in Links und Rechts überwunden und in einem neuen Dritten aufgehoben“, erläutert Weißmann. Aus dessen Ausführungen zu Moeller lässt sich das Modell eines dialektischen Konservatismus ziehen, der sich weltanschaulich-politisch über den Parteien stehend positioniert und um die Vermittlung der Standpunkte bemüht ist.
Weißmann leistet unverzichtbare Quellenarbeit
Gerade in einer Gegenwart, die von Kulturkämpfen auseinandergerissen wird, wirkt ein derart lagerübergreifender Ansatz attraktiv. Oder, um es mit den Worten von „Das dritte Reich“ zu formulieren: „Die deutsche Geschichte ist voll von Ansätzen gewesen, die sich hinterher als Umwege herausgestellt haben. Aus diesen Ansätzen ergaben sich unsere Gegensätze – und ergeben sie sich noch.“ Mit Hegel verpflichtet sich dieser dialektische Konservatismus darauf, das Diktum aus der „Phänomenologie des Geistes“ ernst zu nehmen: „Das Wahre ist das Ganze.“ Nur als Einheit all seiner Bestrebungen und Wagnisse ergibt Deutschland als Idee Sinn.
Interessant am neuen Band von Weißmann ist in diesem Zusammenhang, dass auch er sich dieser methodischen Vielstimmigkeit verpflichtet zeigt und im Appendix des Buches zusätzliche Autoren, darunter die Pädagogin und Sozialistin Alma d’Aigle zu Wort kommen lässt, die in ihrem Kurztext „Konservativ-revolutionär“ von 1919 ganz im Geiste Moellers eine Neubestimmung des scheinbar widersprüchlichen Begriffspaars vornimmt. „Fruchtbar konservativ, zugleich revolutionär, ist derjenige, der die Idee erhalten will, und ihr zuliebe sich auch nicht scheut, die zeitliche Form gewaltsam zu zerbrechen“, schreibt die spätere Gründerin des Deutschen Kinderschutzbundes – und lässt mit ihren Zeilen den zeitgenössischen Idealismus Moellers vor diesem Hintergrund noch einmal ein Stück heller aufleuchten.
Konturen werden so verständlich, Zusammenhänge klar. Genau das wird gebraucht, wenn die Quellenlage ansonsten sehr klamm ist. Deshalb ist der Band von Weißmann unverzichtbar, wenn man sich mit dem Denken des Doyens der Jungkonservativen bekannt machen will. Für dessen Nachfolger Edgar Julius Jung hat der Historiker in der „Erträge“-Reihe 2015 bereits etwas Vergleichbares geleistet.
Karlheinz Weißmann, Moeller van den Bruck: Der konservative Revolutionär, Bibliothek des Konservatismus, Berlin, broschiert, 124 Seiten, 10 Euro.






