Im Auftrag der Bundesregierung beobachtet ein Konsortium aus insgesamt neun Instituten mit Hunderten von Mitarbeitern seit 2019 unter der Federführung des Bundeskriminalamts das Radikalisierungsgeschehen in der Bundesrepublik. Das Projekt heißt MOTRA, kurz für „Monitoringsystem und Transferplattform Radikalisierung“. Der 2026 erschienene jüngste Band (MOTRA-Monitor 2024/25) übersteigt mit gut 50 Bearbeitern, neun Herausgebern und 22 Sachbeiträgen auf knapp 600 Seiten den bisherigen Ausstoß noch einmal.
Am Aufgebot der wissenschaftlichen Observierung und ihrer zivilgesellschaftlichen Unterstützer-szene soll es nicht liegen, wenn, wie beklagt, „sich das Radikalisierungsgeschehen weiter auf einem prekär hohen Niveau fortschreibt“, wie die Studie im Vorwort erläutert. Obschon vordergründig keine Zunahme der ideologischen Gefahren festzustellen ist (siehe „Verlorener Überblick“ in JF23/25), müsse „das extremismusaffine Gebrüll einer antidemokratisch-radikalen Minderheit“ zutiefst beunruhigen.
Die Mehrheit, „die in demokratisch legitimer Weise, bisweilen durchaus … radikal-streitend, um die besten Lösungen zu aktuellen Herausforderungen ringt, wird kaum gehört“, heißt es ganz ernsthaft. Eine Ursache für die vermeintliche Überlautstärke der Radikalen benennt der pathetische Satz in einer Parenthese: „verstärkt über das mediale Echo …“
Eigentlich geht es um ganz normale Zeitungen
Nun wurde auf der Basis bisher unter Verschluss gehaltener Daten der repräsentativen Bevölkerungsbefragungen des Instituts für Kriminologie an der Universität Hamburg ein bisher vernachlässigter Bereich unter die Lupe genommen: die Nutzung von „alternativen Nachrichtenmedien“. Dieser Begriff bezieht sich nicht auf die wuchernden sozialen Medien und die sich dort tummelnden Schwärme von Influencern, sondern auf Periodika mit gedruckten Ausgaben. Die Bearbeiter aus dem Münchner Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung nennen sie „professionell“.
Damit wird ausgedrückt, dass es sich eigentlich um ganz normale Redaktionen und journalistische Aufgabenzuordnungen handelt – nur eben keine politisch akzeptablen. Diese Alternativmedien leisteten, obwohl ihre Reichweite sehr gering sei (6,2 Prozent der Befragten sind gelegentliche, 1,9 Prozent häufige Konsumenten), etwas Brandgefährliches, wie die Forscher meinen: Sie schirmten ihre Leser vom „traditionellen Diskurs“ ab, bestätigten sie in ihren falschen Meinungen und betrieben dadurch eine „Schwächung demokratischer Institutionen“. Insofern könnten die Professionellen sogar „eine zentrale Rolle“ für die Radikalisierung spielen.
Die JF neben der Jungen Welt und Tichys Einblick
Berücksichtigt werden die Zeitschriften Compact, JUNGE FREIHEIT, Tichys Einblick, Junge Welt, Jungle World sowie IslamiQ, Islamische Zeitung und Al Jazeera. Eine Begründung der Zuordnung „rechtsaußen“, „linksaußen“ und „islamisch“ erfolgt nicht. Die „Forschenden“ sehen das im allgemeinen eben so. Beim weltanschaulichen Vergleich von links und rechts, der an sich schon eine unerwünschte Sache ist, musste die Bezeichnung „extremistisch“ vermieden werden. Man behilft sich mit einem Begriffspaar aus der Fußballsprache: „linksaußen“ und „rechtsaußen“. „Islamische Medien“ passen eigentlich nicht so recht aufs imaginäre Spielfeld, weshalb man die Beobachtung da praktischerweise bereits 2023 eingestellt hat.
Es zeigt sich, dass im Untersuchungszeitraum durchschnittlich drei bis vier Prozent der Befragten „Rechtsaußenmedien“ nutzten. Die meisten werden zu den Intensivnutzern gezählt. In der Zeitreihe ist kein Anstieg erkennbar. Von 2024 nach 2025 geht der Anteil sogar ganz im Gegenteil deutlich zurück. Also am Ende kein Grund zur Aufregung, nicht wahr? Oder – auf andere Weise – vielleicht doch?
Was sagen die Zahlen?
Wer nämlich den Anteil der BRD-Bewohner, die 2025 nach der Hamburger Berechnung „ein geschlossen rechtsextremes Weltbild“ aufweisen (= 5,4 Prozent), mit dem entsprechenden Anteil bei den Nutzern von Rechtsaußenmedien (= 4,8 Prozent) vergleicht, wird sich verwundert die Augen reiben. Berücksichtigt man, dass in dieser Sammelkategorie ja die vielleicht etwas anders gestrickte Klientel von Compact enthalten ist, müssten die eher konservativen JF-Leser zu einem deutlich, wenn nicht sogar signifikant geringeren Anteil als der Bundesdurchschnitt über „ein geschlossen rechtsextremes Weltbild“ verfügen!
Es liegt auf der Hand, dass dieses Fazit den Radikalisierungsjäger wohl kaum zufriedenstellen kann und unter anderen Umständen unter Verschluss geblieben wäre. Doch seit jeher gilt der besondere Argwohn dem Graubereich, den „heimlichen Rechten“, die sich nicht richtig von den falschen Positionen abgrenzen wollen – den Hässlichen also. Hierzu muss man wissen: Zur Erfassung rechtsextremer Einstellungen werden bei MOTRA Einstufungen zu 10 Aussagen aus 6 als typisch rechts definierten Phänomenbereichen (wie Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, neuerdings auch Islamfeindlichkeit und viele mehr) gefordert.
Auf manche Fragen gibt es nur schlechte Antworten
Die Antwortkategorien reichen von eins = „stimme gar nicht zu“ bis vier = „stimme völlig zu“. Die Werte drei und vier werden als Zustimmung gewertet. Wer, wie es einem Konservativen leicht passieren kann, mit dem Punktwert vier markiert, dass es zu viele Ausländer im Lande gebe und überdies befürchtet, Deutschland könne islamisiert werden, handelt sich die Etikette „ausländerfeindlich“ und „islamfeindlich“ ein. Wem dann noch, wie es bei Konservativen zuweilen beobachtet wird, das Nationalgefühl als in besonderer Weise förderungswürdig erscheint, kann seiner Zuordnung in die Risikogruppe eigentlich nicht mehr entgehen.
Diese heißt „rechtsaffin“, „rechtsoffen“ oder eben „latent rechtsextremistisch“. Da sich der Anteil der Hardcore-Rechten nur wenig ändert, ist diese Grauzone, die bei 2,1 (in der Fachsprache „Cut-off“) beginnt, das große Objekt der Besorgnis. Zwischen 2021 und 2025 erweitert sie sich von 21,8 Prozent auf 29,6 Prozent, so dass eine erhebliche Anzahl aus dem Lager der „Guten“ in das der „Hässlichen“ hineingerutscht sein muss. Warum das so ist, weiß man unter den Wissenschaftlern eigentlich nicht so wirklich.
Allerdings können sich bei Personen, die nahe an einen Wert von 2,0 geraten, beispielsweise durch eine üble Laune angesichts aktueller politischer Ereignisse – oder eben auch durch einen etwas bissigeren Artikel in der JUNGEN FREIHEIT –, schnell mal die Stellen hinter dem Komma verschieben. Der Verfasser hat es zwischen Morgen und Abend selbst einmal ausprobiert und geriet prompt unter die Räder der Gesinnungstester. Und von dieser Warte aus betrachtet trägt dann die JUNGE FREIHEIT mit ein bisschen Ironie genomen tatsächlich zur Radikalisierung bei.
Werner Sohn, Kriminologe, arbeitete für das BKA und die Kriminologische Zentralstelle Wiesbaden.


![[M] Ein gelbes Schild mit leichtem Riss und der Aufschrift: "Deutsche Wirtschaft" an einer Wand mit aufgeplatzter Farbe und einem grossen Riss sowie einem Portrait von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) mit Schmollmund als Scherenschnitt. Foto mit Composing als Symbolbild fuer die anhaltend schwaechelnde Wirtschaft in Deutschland und die grosse Aufgabe, diese wieder durch angepasste Rahmenbedingungen zum Laufen zu bringen. Hat Friedrich Merz zu viel versprochen? Wenn die wertschöpfung zusammenbricht](https://assets.jungefreiheit.de/2026/03/558470510.jpg)



