Punks errichteten während der „Chaostage“ in Hannover Barrikaden und griffen die Polizei an Foto: (c) dpa – Fotoreport
„Chaostage“ Hannover 1995

„Wir legen die Stadt in Schutt und Asche“

Es waren Bilder eines Staatsversagens, die es im Deutschland der Nachkriegszeit so noch nicht gegeben hatte. 2.000 Punks standen 3.500 Sicherheitsbeamten gegenüber und lieferten sich vom 4. bis 6. August 1995 in Hannover Straßenschlachten und Barrikadenkämpfe mit der Polizei, infolge derer über 400 Personen, darunter 240 Beamte, zum Teil schwere Verletzungen erlitten. Negativer Höhepunkt: die stundenlange Plünderung eines Supermarktes vor den Augen der Polizei, die von ihrer Einsatzleitung im Rahmen der Deeskalationsstrategie zum Zuschauen degradiert worden war.

Der bekannt gewordene Funkspruch eines Polizeiführers „Ist das hier eine Landeshauptstadt oder die Augsburger Puppenkiste?“ brachte die Stimmung unter den Einsatzkräften auf den Punkt. Die „Chaostage“ vor 25 Jahren trafen die Republik scheinbar wie aus dem Nichts, hatten jedoch eine Vorgeschichte, die bis in die achtziger Jahre zurückreicht.

Als Vorläufer der ersten offiziellen Hannoveraner „Chaostage“ Anfang Juli 1983 gelten die „Punk-Treffs“ in Wuppertal aus dem vorhergehenden Jahr. Die Stadtverwaltung wollte die dort sehr präsente Szene aus dem Stadtzentrum vertreiben, was im Juni 1982 zu gewalttätigen Auseinandersetzungen führte. Interne Konflikte zwischen linken Punks und rechten Skinheads verhinderten das Entstehen einer auf Dauer angelegten, geschlossenen Bewegung.

Die „Dead Kennedys“ riefen nach Hannover

Auch als Reaktion auf die Ereignisse in Wuppertal plante die Hannoveraner Polizei die Errichtung einer „Punker-Kartei“ zur Erfassung aller potentiellen Mitglieder dieser Szene, auch wenn diese noch nicht straffällig geworden waren. Dieses rechtlich in der Tat zumindest zweifelhafte Vorhaben wurde im November 1982 von der taz öffentlich gemacht. Jello Biafra, der Sänger der äußerst beliebten Punk-Band „Dead Kennedys“, rief wenig später alle „karteiwürdigen“ Menschen auf, sich in Hannover zu von ihm so bezeichneten „Chaostage“ zu versammeln. Nach den Treffen in Hannover 1983 und den beiden folgenden Jahren schien der Spuk aber schon wieder vorbei – wie schon in Wuppertal verhinderten interne Kämpfe zwischen Punks und Skins die Bildung einer gemeinsamen Front.

Aus ganz Deutschland reisten Punker zu den „Chaostagen“ nach Hannover Foto: (c) dpa – Fotoreport

Doch bereits 1994 wurde deutlich, daß der Mythos „Chaostage Hannover“ in der Szene weiterhin Strahlkraft besaß und es kam zu den schwersten Auseinandersetzungen seit vielen Jahren, die jedoch bei weitem nicht das Ausmaß des kommenden Jahres erreichten. Anfang 1995 kursierten Flugblätter mit Parolen wie „Tötet alle Bullen“ oder „Wir legen die Stadt in Schutt und Asche“, um für die „Chaostage“ 1995 zu mobilisieren.

Die von der Hannoveraner Polizeiführung entwickelte Deeskalationsstrategie sollte Deutschland und der Welt beweisen, daß man strategisch auf der Höhe der Zeit und in der Lage sei, unaufgeregt Konfliktsituationen zu beherrschen – die EXPO 2000 warf bereits ihre Schatten voraus. Das ging katastrophal schief. Das von den Verantwortlichen völlig unterschätzte Gewaltpotential wurde durch das zurückhaltende Agieren, welches von den zunehmend alkoholisierten Chaoten als Schwäche ausgelegt wurde, noch verstärkt und führte zu den bekannten Bildern bürgerkriegsähnlicher Zustände.

Ministerpräsident Gerhard Schröder kam ungeschoren davon

Ein eingerichteter Untersuchungsausschuß verdeutlichte das ganze Versagen des Hannoveraner Planungsstabes. Kurzfristig aus anderen Bundesländern herbeigerufene Einsatzkräfte berichteten, man habe bewuß Befehle der lokalen Verantwortlichen mißachtet, um das eigene Leben nicht zu gefährden. So sei man angewiesen worden, die Schutzkleidung abzulegen, um die Punks nicht zu provozieren. Als Konsequenz mußte der Hannoveraner Polizeipräsident Herbert Sander seinen Hut nehmen. Der ebenfalls heftig kritisierte niedersächsische Ministerpräsident Gerhard Schröder, zu diesem Zeitpunkt schon die SPD-Kanzlerkandidatur für die Bundestagswahlen 1998 anstrebend, kam ungeschoren davon.

Als die Gewalt eskalierte, ging die Polizei hart gegen die Punks vor Foto: (c) dpa - Fotoreport
Als die Gewalt eskalierte, ging die Polizei hart gegen die Punks vor Foto: (c) dpa – Fotoreport

Die historische Perspektive verdeutlicht, daß die in immer mehr Städten, in immer kürzeren Abständen ihr Unwesen treibende „Party- und Eventszene“ kein wirklich neues Phänomen der Post-2015-Ära ist. Verändert haben sich jedoch deren Erscheinungsbild und Zusammensetzung. Der bunte Irokesenschnitt und die zerfetzten Jeans sind abgelöst worden durch schwarze Sturmhaube und Markenkleidung. Dazu kommt das importierte gewaltaffine Klientel aus Kulturkreisen, in denen der Staat und seine Sicherheitsbehörden nichts, die Familie und der Clan alles zählen.

Verändert haben sich auch die Reaktionen auf solche Gewaltexzesse. Zeigte man sich 1995 noch nahezu geschlossen schockiert von den Ereignissen, erkennen wir spätestens seit der Silvesternacht 2015/16 ein Muster der Verharmlosung und Schuldumkehr, wenn die Gewalt von den aus Sicht des polit-medialen Establishments Falschen ausgeübt wird. Was damals noch „Chaostage“ hieß, wird heute als „neue Normalität“ achselzuckend zur Kenntnis genommen. Dieser Vergleich verdeutlicht, wie substantiell sich die Maßstäbe von Recht und Ordnung in unserem Land verschoben haben.

Punks errichteten während der „Chaostage“ in Hannover Barrikaden und griffen die Polizei an Foto: (c) dpa – Fotoreport

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