Der Münchner Halbleiterhersteller Infineon profitiert in großem Umfang vom KI-Boom und der wachsenden Nachfrage nach Rechenzentren. Vor diesem Hintergrund blickt der Konzern deutlich optimistischer als bislang auf das laufende Geschäftsjahr und stellt nun sogar ein Umsatzwachstum in Aussicht. Allein im Bereich der Stromversorgungslösungen für KI-Rechenzentren rechnet Infineon inzwischen mit Erlösen von rund 1,5 Milliarden Euro. Etwa 500 Millionen Euro mehr als noch vor wenigen Monaten prognostiziert. Zum Vergleich: Im vergangenen Geschäftsjahr, das am 30. September endete, erzielte das Unternehmen in diesem Segment einen Umsatz von rund 600 Millionen Euro.
Die positiven Erwartungen spiegeln sich auch in den aktuellen Geschäftszahlen wider. Im ersten Quartal des laufenden Geschäftsjahres, das im Oktober begann, stiegen die Umsätze im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um sieben Prozentpunkte auf knapp 3,7 Milliarden Euro. Unterm Strich erwirtschaftete Infineon in diesem Zeitraum einen Gewinn von 256 Millionen Euro. Dies entspricht einem Plus von vier Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahresquartal.
Vor dem Hintergrund des florierenden KI-Geschäfts treibt Infineon auch umfangreiche Investitionen voran. Allein in diesem Geschäftsjahr sollen in dem Zukunftssektor 2,7 Milliarden Euro investiert werden. Ursprünglich war lediglich ein Volumen von 1,7 Milliarden Euro vorgesehen. „Ein großer Teil davon entfällt auf einen schnelleren Hochlauf unserer neuen Smart Power Fab in Dresden, die wir bereits im Sommer eröffnen. Genau zum richtigen Zeitpunkt“, erläuterte Konzernchef Jochen Hanebeck im Gespräch mit n-tv. Insgesamt investiert Infineon rund fünf Milliarden Euro in das Projekt. Auch der Bund beteiligt sich mit 920 Millionen Euro an dem Vorhaben. Insgesamt sollen bis zu 1.000 neue Arbeitsplätze entstehen.
Infineon stützt sich auf breites Portfolio
Während Infineon im KI-Sektor einen echten Höhenflug hinlegt, zeigt sich in der Autosparte ein gegensätzliches Bild. Der Umsatz in diesem Unternehmensbereich sank 2025 leicht auf 14,6 Milliarden Euro. Doch der Gewinn ging sogar um 20 Prozent auf etwa eine Milliarde Euro zurück. Diese Entwicklung wiegt schwer, denn trotz des dynamisch wachsenden KI-Geschäfts bleibt die Autosparte weiterhin das Kerngeschäft des Konzerns und steuert noch immer rund die Hälfte des Gesamtumsatzes bei.
Infineon ist mit einem weltweiten Marktanteil von rund 13,5 Prozent der umsatzstärkste Hersteller von Autochips. In Europa erreicht der Konzern sogar einen Marktanteil von 14,1 Prozent. Halbleiter sind für die moderne Fahrzeugelektronik unverzichtbar, da sie Steuerungen, Sensorik und Leistungswandlung in nahezu allen Fahrzeugbereichen ermöglichen. Entsprechend breit ist auch das Produktportfolio von Infineon: Es reicht von Mikrocontrollern für Fahrerassistenzsysteme, Radar und Antriebsstränge über Leistungshalbleiter und analoge Bauelemente bis hin zu Speicherchips sowie Sensor- und Radarsystemen.
Doch warum läuft das Automobilgeschäft bei Infineon dann so schlecht? Die Antwort findet sich in den strukturellen Probleme der deutschen Automobilindustrie, vor allem in Bezug auf die E-Mobilität. Die großen deutschen Hersteller wie Volkswagen, Mercedes-Benz und BMW sind aufgrund hoher Preise und qualitativer Defizite mit ihren E-Autos derzeit nur eingeschränkt wettbewerbsfähig. Internationale Anbieter, insbesondere aus China, überzeugen hingegen mit deutlich geringeren Preisen sowie einer hohen Qualität, vor allem in Sachen Software.
Chinas Regierung pumpt Geld in seine Autobauer
Die Kluft zwischen deutschen Autobauern und ihren chinesischen Wettbewerbern ist in erster Linie auf die unterschiedlichen Rahmenbedingungen der jeweiligen Wirtschaftsstandorte zurückzuführen. Während in Deutschland hohe Energie- und Arbeitskosten sowie eine erhebliche Belastung durch Bürokratie, Steuern und Abgaben besteht, stellt sich die Lage in China anders dar. Dort sind Energiepreise niedrig, Lohnkosten geringer, bürokratische Hürden überschaubar und die Steuerlast moderat. Hinzu kommt eine umfassende staatliche Unterstützung.
Eine Erhebung des Kieler Instituts für Weltwirtschaft zeigt, daß im Jahr 2022 mehr als 99 Prozent der börsennotierten chinesischen Unternehmen direkte staatliche Subventionen erhielten. Darüber hinaus wird ihnen durch die Kommunistische Partei Chinas (KP) der Zugang zu kritischen Rohstoffen ermöglicht, die für die Produktion von Elektrofahrzeugen von zentraler Bedeutung sind.
Infolge der begrenzten Wettbewerbsfähigkeit deutscher Autobauer im Bereich der Elektromobilität kommt es zu rückläufigen Absatzzahlen und in der Konsequenz auch zu Umsatz- und Gewinneinbrüchen. Diese Entwicklung wirkt sich wiederum auf Zulieferer wie Infineon aus, etwa in Form von ausbleibenden oder verschobenen Aufträgen.
Infineon hat ehrgeizige Ziele
Auch wenn Infineon weiterhin stark im Automobilbereich engagiert ist, dürfte sich der strategische Fokus langfristig zunehmend in Richtung KI-Sektor verlagern. Für den Konzern ist dies der naheliegende Weg, denn der Markt bietet ein enormes Zukunftspotential, das den Automobilsektor perspektivisch überschatten dürfte. Daran bestehen kaum noch Zweifel. Auch Vorstandschef Jochen Hanebeck sieht im KI-Geschäft das zentrale Wachstumsfeld der kommenden Jahre. Bis zum Ende des Jahrzehnts soll der für Infineon adressierbare Markt für KI-Stromversorgungslösungen auf acht bis zwölf Milliarden Euro anwachsen. Der Münchner Halbleiterhersteller, der in dem Segment bereits jetzt führend ist, plant, diese Position weiter auszubauen.
Langfristig möchte Infineon einen Marktanteil von 30 bis 40 Prozent für sich behaupten. Schon jetzt ist die Leistungselektronik, die den Betrieb der riesigen Rechenzentren von Nvidia, Amazon oder Microsoft ermöglicht, ohne die Infineon-Chips überhaupt nicht funktionsfähig.
Allein diese Perspektive spricht klar für den Ausbau des KI-Geschäfts. Infineon arbeitet hier mit den größten börsennotierten Unternehmen der Welt zusammen. Im Automobilgeschäft hingegen kooperiert der Münchner Chipproduzent neben chinesischen Herstellern wie Chery, Leapmotor, SAIC oder Xpeng vor allem mit langjährigen Stammkunden wie Volkswagen oder BMW – Unternehmen, die im Vergleich zu Konzernen wie Nvidia weit von der Weltspitze der größten und erfolgreichsten Firmen entfernt sind.






