DÜSSELDORF. In Deutschland sind die produktiven Nettoinvestitionen auf ein historisches Tief gesunken. Das geht aus einer am 30. Juni veröffentlichten Erhebung der Unternehmensberatung McKinsey hervor. Diese für künftiges Wachstum und Wohlstand ausschlaggebenden Investitionen machen hierzulande nur noch 0,2 Prozent der Wirtschaftsleistung aus. „Das Wachstum des pro Arbeitskraft verfügbaren Kapitalstocks ist praktisch zum Stillstand gekommen – eine Bremse für das Wirtschaftswachstum“, urteilen die Autoren der Studie.
Der Kapitalstock erfasst den gesamten Bestand physischen Kapitals einer Volkswirtschaft. Dazu zählen alle Maschinen, Anlagen, Gebäude, Fahrzeuge und Infrastrukturen, die für die Produktion von Gütern und Dienstleistungen genutzt werden. Er verändert sich durch Nettoinvestitionen: Werden mehr neue Investitionen getätigt, als alte Anlagen abgeschrieben werden, wächst der Kapitalstock – und damit in der Regel auch die Produktivität je Arbeitskraft. Es handelt sich bei produktiven Nettoinvestitionen also um Ausgaben für echte Erweiterungen und neue Projekte – jenseits des Ersatzes verschlissener Anlagen und Geräte.
Deutsche Nettoinvestitionen liegen weit unter dem EU-Durchschnitt
Die McKinsey-Analysten kamen zu dem Ergebnis, dass „die Länder, die in den Jahren 2009/2010 am stärksten von der Euro-Schuldenkrise betroffen waren, heute deutlich höhere Nettoinvestitionsquoten aufweisen als Deutschland“. So lägen sie „in Frankreich, Italien und Spanien bei über zwei Prozent sowie in Griechenland und Portugal bei über vier Prozent“. Die Bundesrepublik liegt im Vergleich von 34 führenden Industrie- und Schwellenländern am unteren Ende der Rangliste.
Die Studie zeigt weiter, dass in der deutschen Wirtschaft fast ausschließlich in den Erhalt bestehender Kapazitäten investiert wird. Neue Produktionsanlagen oder Erweiterungen spielen indes kaum noch eine Rolle. Zum Vergleich: In China erreichten die Nettoinvestitionen 2024 einen Anteil von 23 Prozent der Wirtschaftsleistung, in den USA vier Prozent und in der Europäischen Union insgesamt zwei Prozent. In Deutschland dagegen sei der Anteil der produktiven Nettoinvestitionen seit der Finanzkrise 2008 von zwei Prozent der Wirtschaftsleistung auf die aktuell ermittelten 0,2 Prozent gesunken.
Hohe Lohn- und Energiekosten setzen der Wirtschaft zu
Als zentralen Standortnachteil macht die Studie die hohen Kosten in Deutschland aus. In zehn untersuchten Branchen liegen die Gesamtkosten für neue Investitionsvorhaben je nach Sektor zwischen 40 und 250 Prozent über dem Niveau am jeweils günstigsten internationalen Standort. So sei die Entwicklung neuer Elektroauto-Plattformen in Deutschland drei- bis viermal teurer als bei einem chinesischen Hersteller im Heimatmarkt. Ähnlich sieht es bei der Entwicklung von Kernenergiemodulen aus. Bei der Herstellung moderner Computerchips fielen hierzulande 40 bis 50 Prozent höhere Kosten an als in Taiwan oder China.
In der deutschen Automobilindustrie lägen die Löhne etwa doppelt so hoch wie in China, während die Produktivität niedriger ausfalle. Taiwan sticht mit einer 30 Prozent höheren Produktivität hervor als China, wodurch die ebenfalls höheren Personalkosten auf der Insel kompensiert werden. „Lohnunterschiede sind der entscheidende Faktor für die regionalen Unterschiede bei den Herstellungskosten“, fassen die Analysten zusammen. Die laufenden Personalkosten in Deutschland lägen rund 85 Prozent über denen Chinas. Zwischen dem asiatischen Land und Osteuropa bestünden hingegen insgesamt nur geringe Unterschiede bei den Lohnkosten, da sowohl das Lohnniveau als auch die Produktivität vergleichbar seien.
Hinzu kämen weitere Belastungen für die deutsche Wirtschaft wie hohe Energiekosten. Beim Kostentreiber Strom heißt es, dass Deutschland hier die Ausnahme bilde: „Die Stromkosten liegen fast doppelt so hoch wie im Oman, was die Kosten für eine Tonne Stahl um 80 US-Dollar (15 Prozent) erhöht. Dabei sind Subventionen für die deutsche Schwerindustrie, die die Stromkosten für einzelne Produzenten senken, noch nicht berücksichtigt.“
Bürokratie und Schuldenbremse sind Wachstumshemmnisse
Auch lange Entwicklungszeiten für innovative Produkte und langwierige behördliche Genehmigungsverfahren hemmen laut Analysten die Investitionsbereitschaft. „In Deutschland beträgt die durchschnittliche Dauer für die Erteilung einer Baugenehmigung für Nichtwohngebäude rund 200 Tage, verglichen mit etwa 60 Tagen in den USA, 40 Tagen in Festlandchina und 30 Tagen in Indien“, resümieren die McKinsey-Autoren.
Ein weiteres hiesiges Wachstumshemmnis seien geringere staatliche Investitionen. In diesem Zusammenhang wird explizit auf die Schuldenbremse verwiesen. (rsz)





