Von „jungen Wilden“ wurde zu Helmut Kohls Zeiten in der CDU gesprochen, wenn Nachwuchspolitiker es wagten, dem Kanzler zu widersprechen und die eingefahrenen Meinungspfade zu verlassen. Hermann Gröhe und Ronald Pofalla waren damals dabei, und selbst Christian Wulff wurde dazu gezählt. Ihrer Karriere schadete das nicht, Wulff wurde sogar Bundespräsident. Wenn heute die Rede auf Pascal Reddig kommt, einen 30jährigen CDU-Abgeordneten aus Hessen und Anführer der „Rentenrebellen“ in der Unionsfraktion, will das Prädikat „wild“ nicht so richtig passen.
Die 18 Angehörigen dieser Fraktionsgruppe präsentieren sich wie die Anzugträger ein oder zwei Generationen über ihnen: Haare kurz, oberster Hemdknopf zu, Schlips ordentlich gebunden. So auch Reddig, der die typische Bilderbuchkarriere hinlegte, wie sie sich in den Lebensläufen von Unionspolitikern zuhauf findet: Schule, Abitur, Studium der Rechtswissenschaften – inklusive Stipendium der Konrad-Adenauer-Stiftung – und Examen.
Schnell lernt Reddig die Macht kennen und schätzen
Zwischendurch lernte Reddig als Mitarbeiter im Bundestag die Nähe zur Macht kennen und schätzen. Parallel erfolgte der parteipolitische Aufstieg des 30jährigen, der sich in seiner Vita als ledig bezeichnet. Er übernahm Posten in der Jungen Union und CDU, wurde stellvertretender Vorsitzender der Jungen Union. Hinzu kamen kommunale Mandate in seiner hessischen Heimat. Den Wahlkreis Hanau nahm er der SPD ab und sitzt jetzt auch im Bundestag.
Was treibt so einen Politiker, dessen weiterer Aufstieg nur eine Frage der Zeit wäre, zur offenen Kritik gegen die Parteilinie und Bundesanzler Friedrich Merz in der Rentenpolitik? Es hatten zwar 22 Wirtschaftswissenschaftler vor der Rentenreform der Koalition gewarnt, weil diese die Jungen schröpfe und die Alten schütze. Das störte allerdings rund 190 andere Fraktionskollegen nicht, wo der Machterhalt wichtiger zu sein schien als der Bevölkerung unangenehme Wahrheiten zuzumuten.
Seine Standhaftigkeit hat sich für ihn ausgezahlt
Diesen Mut hatte wenigstens die sogenannte Junge Gruppe der Fraktion, deren Vorsitzender Reddig ist. Sie drohten mit Ablehnung des Pakets im Bundestag, wofür Reddig und seine Mitstreiter auf dem „Deutschlandtag“ der Jungen Union Beifallsstürme ernteten, während sich für Merz kaum eine Hand zum Beifall rührte. Zwar war Reddig mit dem Rentenniveau von 48 Prozent bis 2031 einverstanden, aber die jährlich bis zu 15 Milliarden Euro Zusatzkosten danach könne er nicht mitmachen, „ohne daß es vorher Reformen gibt“.
Folge einer Ablehnung durch die Junge Gruppe wäre gewesen, daß die Union/SPD-Koalition im Bundestag keine Mehrheit mehr gehabt hätte. Gerüchte über eine Vertrauensfrage von Merz machten bereits die Runde. Doch der Widerstand brach wie üblich kurz vor der Abstimmung zusammen, auch wenn Reddig konstatiert werden muß, daß immerhin er seiner Linie treu blieb und das Rentenpaket ablehnte. Trotz oder wegen dieser Haltung wurde Reddig inzwischen zum stellvertretenden Vorsitzenden der Rentenkommission berufen, die eine tragfähige Lösung für die Zeit nach 2031 vorbereiten soll. Seine Standhaftigkeit hat sich ausgezahlt.





