SCHWERIN/POEL. Während die Rettung des vor der Ostsee-Insel Poel liegenden Buckelwals am Dienstag weitergehen soll, nutzt Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD) jeden verbleibenden Tag, um mit „Timmy“ Aufmerksamkeit zu erzielen. Am Wochenende ließ sich der Politiker, dessen Partei im September eine heftige Landtagswahlniederlage droht, erneut zu dem erschöpften Tier fahren.
Danach berichtete er, die erneute Begegnung mit dem zwölf Tonnen schweren Meeressäuger sei „hochinteressant“ gewesen. Er habe ihn auch angefasst. Schon am Freitag hatte er gesagt, er sei direkt an dem Wal dran gewesen. Vor einer Woche hatte er sogar medienwirksam eine Nacht bei dem Tier verbracht. Der 67jährige ließ seine Bürger wissen, dass er nicht mehr an Schlaf denke, seitdem „Timmy“ auf der Sandbank liege (die JF berichtete).
In weniger als fünf Monaten wird in Mecklenburg-Vorpommern gewählt. Offenbar hat der Minister in dem Tier die große Chance erkannt, die Sozialdemokraten aus dem Umfragetief herauszuholen. Denn diese liegen derzeit hoffnungslos hinter der AfD zurück.
Backhaus‘ PR-Aktionen stressen den Wal
Doch mit seinen ständigen PR-Aktionen setzt Backhaus dem Tier unnötigen und gefährlichen Stress aus, warnen Experten, die sich an der Rettung nicht beteiligen. Die Tierschutzorganisation Whale and Dolphin Conservation (WDC) warnte jetzt, der Kontakt zu Menschen bedeute für Wildtiere immer eine enorme Belastung. Das sei auch bei Meeressäugern wie Walen so.
In der WDC ist man außerdem fassungslos darüber, wie Backhaus den Wal vermenschlicht. Der Minister hatte sich in den vergangenen Tagen immer wieder in diese Richtung geäußert und das Tierverhalten mit menschlicher Gestik und Mimik gleichgesetzt. Am Freitag zum Beispiel erzählte er: „Wenn man bei ihm ist und er Vertrauen zu fassen scheint, hebt er den Kopf.“ Und dann erklärte er noch: „Interessant ist, dass er sich um 90 Grad gedreht hat – und zwar in die richtige Richtung. Er bereitet sich seelisch und moralisch scheinbar auf die Abfahrt vor.“
Doch diese Interpretationen seien falsch, und menschliche Reaktionen könnte man nicht mit denen von wilden Tieren vergleichen.
Streicheln als Bedrohung
Zudem solle ein physisches Eingreifen direkt am Wal nur in Ausnahmesituationen, mit möglichst wenig Einsatzkräften und für kurze, gezielte Maßnahmen erfolgen. Das Boot des Ministers lärmt jedoch – genau wie die Geräte, die offenbar die völlig überforderten Helfer einsetzen, um das Tier aus der Untiefe zu befreien. Berührungen, wie sie Backhaus in einer Art Streicheln ausführt, könnte der Buckelwal als Bedrohung empfinden.
Auch das Deutsche Meeresmuseum sieht den Aktivismus äußerst kritisch: „Wildtiere sind grundsätzlich nicht an Menschen gewöhnt, das heißt, jede Annäherung und insbesondere Lärm bedeuten enormen Stress und lösen meistens Fluchtverhalten aus.“ Aber der Wal könne eben derzeit nicht flüchten, „was die Situation für ihn noch dramatischer macht“.
Kritik kommt auch von Greenpeace. Dessen Meeressäuger-Experte Thilo Maack erklärte: „Keinem Wildtier an Land, wie zum Beispiel einem sterbenden Wolf, Hirsch oder Wildschwein, würde man ein solches ans Würdelose grenzende Gezerre zumuten.“
Lastkahn soll Wal in Atlantik bringen
Backhaus äußerte nun erneut seine Sorge um „Timmy“. Das Tier habe deutlich an Gewicht verloren. Daher wolle man nun Vitamin-Spritzen und Nahrungsergänzungsmittel verabreichen, um den Buckelwal zu stärken. Außerdem sei das zwölf Meter lange Säugetier weiter transportfähig, so der Sozialdemokrat: „Er wird von heute auf morgen jedenfalls nicht sterben.“
Der neueste Plan geht so: Mit einem Lastkahn, der am heutigen Montag vor Poel ankommen werde, soll der Meeressäuger ab Dienstag mehrere Tage lang in die Nordsee und dann in den Atlantik befördert werden. Das Tier soll auf dem Schiff eine Art stählernes Aquarium erhalten, damit es weiter im Wasser liege.

Ein Schlepper zieht den Kahn, eine sogenannte Barge. Backhaus sagte, er befürworte das Konzept der Schiffsfahrt für den Wal. Für den Fall des Scheiterns wappnete er sich allerdings auch. Verantwortung für die Kahnfahrt lehnte er entschieden ab. Diese liege ausschließlich bei der Initiative, die den Wal seit Wochen vergeblich aus der Ostsee zu holen versucht.
Doch schon jetzt gibt es die nächste Panne: Der Sender, den man dem Tier verpasst hat, ist nicht für Wasser geeignet. Heißt: Anders als geplant wird Backhaus die Route des Buckelwals nicht verfolgen können, wenn dieser denn tatsächlich lebend den Atlantik erreicht. Nun will man ihm hektisch einen neuen Sender einpflanzen, der auch dann weiter Signale ausstößt, wenn das Tier taucht oder tot auf den Meeresboden sinkt. (fh)




