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Vergangenheitsbewältigung
 

Ikea-Zwangsarbeiter: Opferverbände für Entschädigungsfonds

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Ikea-Reklame: Was wußte der Konzern über die Produktionsbedingungen in der DDR? Foto: Flickr/WarmSleepy mit CC-Lizenz https://tinyurl.com/dtuu3

BERLIN. Politische Häftlinge, die in der DDR Zwangsarbeit für Ikea geleistet haben, sollen nach dem Willen von Opferverbänden entschädigt werden. „Ich appelliere an die Politik und betroffenen Unternehmen, einen Entschädigungsfonds zu schaffen“, sagte der Vorsitzende der Vereinigung der Opfer des Stalinismus, Hugo Diederich, der JUNGEN FREIHEIT.

Es sei hervorragend, daß sich Ikea seiner Vergangenheit stelle und das Thema nun endlich in den Medien und der Öffentlichkeit breit diskutiert werde. Diederich forderte auch Unternehmen wie Quelle und Neckermann auf, deren Produkte in DDR-Haftanstalten gefertigt wurden, sich an der Entschädigung zu beteiligen.

Konzern wußte seit 1981 bescheid

Ikea hatte in einer Studie eingeräumt, von politischer Zwangsarbeit in der DDR profitiert zu haben. „In einzelnen Produktionsstandorten und Zulieferbetrieben der ehemaligen DDR wurden unter anderem durch politische Gefangene und Strafgefangene mindestens Zubehörteile für Ikea-Artikel hergestellt“, heißt es in dem Bericht der Wirtschaftsprüfer Ernst & Young.

Demnach sei die Ikea-Führung spätestens 1981 über entsprechende Gerüchte informiert gewesen. „Wir bedauern außerordentlich, daß das geschehen konnte“, sagte die Konzern-Sprecherin für Nachhaltigkeit, Jeanette Skjelmose, bei der Vorstellung der Studie am vergangenen Freitag. Man habe „offenbar nicht genug getan, um derartige Produktionsweisen zu verhindern“. Der Ikea-Chef von Deutschland, Peter Betzel, zeigte sich „tief betroffen“.

Ehemalige Zwangsarbeiter von Ikea empört

Kritik an dem Möbelhersteller kam auch von ehemaligen Häftlingen. „Eine Farce“ nannte Ex-Zwangsarbeiter Jens Thiemke die Vorstellung der Studie gegenüber der Welt. „Ikea räumt Schuld ein, aber juristisch und finanziell bringt uns das nichts.“ Thiemke mußte nach einem gescheiterten Fluchtversuch mehrere Monate lang in der Haftanstalt Naumburg Möbelbeschläge stanzen. Alexander Arnold berichtete von Dunkelarrest und an die Betten geketteten Gefangenen. Während seiner Haftzeit seien in Naumburg zu verschärften „Arbeitsnormen“ Bürostühle hergestellt worden.

Ikea ist nicht der einzige Konzern, der von DDR-Zwangsarbeitern profitierte. So sollen diese für die westdeutschen Versandunternehmen Quelle und Neckermann Bettwäsche genäht oder Fotoapparate hergestellt haben. „Ich glaube nicht, daß die Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft ihre Mitglieder gut vertreten, wenn sie das Thema ignorieren“, kritisierte der Sprecher der FDP-Fraktion für den Aufbau Ost, Patrick Kurth.

Studie bleibt unter Verschluß

„Wer von Zwangsarbeit in einem Unrechtsstaat profitierte und daraus Geld machte, muß sich dafür verantworten, auch wenn es Jahre später ist“, sagte er der Mitteldeutschen Zeitung. „DDR-Aufarbeitung ist kein Ostthema, sondern geht die gesamte Bundesrepublik an.“ Zurückhaltend äußerte sich auch der Direktor der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen, Hubertus Knabe: „Es geht nicht, daß ein Beschuldigter seine Taten selbst untersucht.“ Ikea müsse seine Unterlagen offenlegen.

Ikea lehnt dies bisher aus Gründen des Datenschutzes ab. Auch die am Freitag präsentierte, mehrere hundert Seiten starke Studie, ist nicht öffentlich. Allerdings kündigte der Konzern an, ein Forschungsprojekt der Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG) finanzieren zu wollen. In diesem Projekt soll die Geschichte der DDR-Zwangsarbeit umfassend erforscht werden. (ho/FA)

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