Warum machen wir die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung (OAZ) überhaupt, fragt der frisch gekürte Chefredakteur Dorian Baganz seinen Geschäftsführer im offiziellen Werbevideo des neuen, am Freitag erstmals erschienenen Blattes und legt dabei den Kopf schief. Ja, warum das ganze Zeitungsprojekt – digitales Angebot, werktägliches E-Papier, in Dresden gedruckte Wochenendausgabe mit 40.000 Stück Auflage – für das der umtriebige Verleger Holger Friedrich (Berliner Zeitung, Weltbühne, Berliner Kurier) extra den zur Ostdeutschen Medienholding GmbH gehörenden Ostdeutschen Verlag gegründet hat?
Es geht um nichts weniger, als um unabhängigen, glaubwürdigen Journalismus, die Weitung „geschrumpfter Debattenräume“ und „ostdeutsche Perspektiven im gesamtdeutschen Diskurs anschlußfähig zu machen“. Um das zu erreichen, setzt Friedrich auf ein „journalistisches Ausnahmetalent“, das er 2024 kennenlernte: Dorian Baganz.
Baganz: „Die Ostdeutsche Allgemeine soll das Leitmedium in Ostdeutschland werden“
Dieser, 1993 in Duisburg geboren, hat Politikwissenschaften und Geschichte in London, Berlin und Oslo studiert. Erste journalistische Erfahrungen sammelte er als Lokalreporter für die Süddeutsche Zeitung. Parallel dazu engagierte er sich durch politische Beiträge für die Berliner taz, bevor er Redakteur der linken Wochenzeitung Freitag wurde, wo er vor allem über Klimathemen und soziale Umbrüche schrieb und man ihn schließlich 2024 zum Ressortleiter „Wirtschaft“ und „Grünes Wissen“ beförderte.
Jetzt soll der etwas affektiert wirkende „Jungspund mit Verve und Ambitionen“, wie ein Leser auf der Internetpräsenz des Verlags schrieb, aus dem Nichts eine schlagkräftige Truppe formieren und mit dieser in jeder größeren Stadt zwischen Dresden und Stralsund eine eigene Redaktion aufbauen.
Die Meßlatte liegt hoch: „Wir wollen das Leitmedium in Ostdeutschland werden“, erklärt Baganz und überdies die „ostdeutsche Perspektive in den Westen tragen und dort verständlich machen“. Die Skepsis ist groß. Das bekommt die Gründungsmannschaft auf der eigenen Facebook-Seite aufs Butterbrot geschmiert. Denn gerade die „tiefe journalistische Erfahrung in Ostdeutschland“ und seine Eignung als „perfekter Übersetzer zwischen beiden Welten“, die ihm sein Verleger bescheinigt, ziehen zahlreiche potentielle Leser in Zweifel.
Ist Baganz als Westdeutscher an der Spitze der Ostdeutschen Allgemeinen richtig?
Kritisiert wird die Berufung eines Mannes, der bisher nichts anderes kennengelernt hat, als linksorientierte Medien, die nicht gerade durch objektive Berichterstattung auffallen, an die Spitze eines „Ossi-Versteh-Blattes“. Die Ostdeutsche Allgemeine sei „prinzipiell eine tolle Initiative“, ein junger Westdeutscher als Chefredakteur führe aber die „gesamte Werbekampagne ad absurdum“, so ein Interessent auf der Verlagsinternetpräsenz.
Dem hält Baganz ein Zitat des US-Journalisten Gay Talese entgegen: „Der perfekte Journalist ist ein Fremder.“ Journalisten hätten überdies weniger eine Vermittlerrolle zwischen Politik und Gesellschaft einzunehmen, sondern die Regierung zu kritisieren. Wer sich wie die Ostdeutsche Allgemeine als „Spielverderber“ und Unruhestifter etablieren will, hat es nicht einfach. Das bekam Baganz bereits zu spüren, als eine Interviewanfrage an Frank-Walter Steinmeier abschlägig beschieden wurde: Man halte das Ganze zwar für ein „spannendes publizistisches Projekt“, aber leider habe der Bundespräsident keine Zeit.






