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Politisierung des Humors: Als das Showbusiness noch lachen konnte

Politisierung des Humors: Als das Showbusiness noch lachen konnte

Politisierung des Humors: Als das Showbusiness noch lachen konnte

Harald Schmidt, Jan Böhmermann, Rudi Carrell und Stefan Raab repräsentieren verschiedene Generationen des deutschen Showgeschäfts. Foto: OpenAI
Harald Schmidt, Jan Böhmermann, Rudi Carrell und Stefan Raab repräsentieren verschiedene Generationen des deutschen Showgeschäfts. Foto: OpenAI
Harald Schmidt, Jan Böhmermann, Rudi Carrell und Stefan Raab repräsentieren verschiedene Generationen des deutschen Showgeschäfts. Foto: OpenAI
Politisierung des Humors
 

Als das Showbusiness noch lachen konnte

Ein Gagschreiber erinnert sich an seine Anfänge bei „7 Tage, 7 Köpfe“ – und an eine Comedybranche, in der linke Mehrheiten dominierten, ohne jede Pointe zur Gesinnungsfrage zu machen. Doch 2015 begann der Ernstfall für das Showbusiness.
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Meine Karriere als Gagschreiber begann mit Rudi Carrell. Er war es, der mir in der Endphase seiner RTL-Show „7 Tage, 7 Köpfe“ zu meinem ersten Job verhalf. Die Einstellung des Formats war bereits bekannt. Dennoch entschied ich mich auf eine göttliche Eingebung hin, dem Grandseigneur der deutschen Fernsehunterhaltung einen Brief zu schreiben.

In dem Brief bewarb ich mich darum, noch einige Monate für die von ihm produzierte Sendung schreiben zu dürfen. Ganz klassisch per Post versicherte ich in dem Schreiben, mir sei zwar bewusst, dass es die Show nicht mehr lange geben werde, sie werde mir als Referenz bei meiner Karriere aber sehr weiterhelfen.

Der entscheidende Anruf

Wenig später bekam ich dann einen Anruf des Redaktionsleiters, den ich zunächst für einen Verkäufer aus irgendeinem Call-Center hielt, der mir irgendein Abo andrehen will. Sein smarter Sprech war mir bis dahin nur aus Verkaufsanrufen bekannt. Ich wollte schon sagen: „Ich kaufe nichts!“ und auflegen.

Da wurde mir gerade noch rechtzeitig bewusst, welch ein lebensverändernder Prozess da gerade im Gange war. Der nette Herr am Telefon kam mir plötzlich wie der wichtigste Mann der Welt vor. Dann der entscheidende Satz: „Wir probieren das mal!“

Die erste Mail aus der Redaktion

Wenige Wochen später kam die erste Mail aus der Redaktion, in der die Nachrichten erwähnt wurden, die in der kommenden Sendung satirisch verwurstet werden sollten. Für alle, die noch zu jung sind, um die zwischen 1996 und 2005 ausgestrahlte Show zu kennen: „7 Tage, 7 Köpfe“ war eine sogenannte Panel-Talkshow.

So bezeichnet man in Fachkreisen eine Sendung, bei der mehrere meist prominente Protagonisten um einen Tisch herumsitzen, um ihren Senf zu aktuellen Ereignissen zu geben. Meine Feuerprobe war erfolgreich und ich mit einem Mal Teil der Medienbranche – in einem Bereich, den außerhalb kaum jemand kennt.

Der unbekannte Beruf

Auch ich selbst habe erst über ein Buch von Benjamin von Stuckrad-Barre, der einst als Gagschreiber für die Harald Schmidt Show arbeitete, von der Existenz des Berufsbilds erfahren. Dass der Job des Gagschreibers so wenig bekannt ist, dürfte auch daran liegen, dass viele vor der Kamera tun, als gäbe es ihn gar nicht.

Wenn zum Beispiel ein Promi aus „7 Tage, 7 Köpfe“ in der Öffentlichkeit darauf angesprochen wurde, ob ihm die lustigen Sprüche denn alle selber einfallen würden, lautete die Antwort meist in etwa: „Das meiste denke ich mir aus. Nur wenn mir mal zu einem Thema gar nichts einfällt, gibt es im Hintergrund ein paar Leute.“

Der Zettel unter der Nase

Diese Leute würden ihm dann „ein bisschen unter die Arme greifen“. Mich hat das immer amüsiert, wusste ich doch genau, wie viele Gags der jeweilige Komiker vom direkt unter seiner berühmten Nase liegenden Zettel abliest – von denen einige ja auch von mir selbst stammten.

Von den rund 20 bis 30 anderen Gagschreibern ganz zu schweigen, die der „Autorenpool“ einer typischen Comedyshow im Durchschnitt hat – und die in allen Formaten, egal auf welchem Sender, so ziemlich dieselben sind.

Bezahlt wird nur Gesendetes

Bezahlt wird nur, was gesendet wird. Für einen vor laufender Kamera verwendeten Gag gab es damals etwa 105 Euro. Wer seinen Lebensunterhalt alleine mit Witzeschreiben verdienen will, muss sich also ganz schön ins Zeug legen. Zumindest dann, wenn er als sogenannter Außenautor tätig ist.

Deutlich anders sieht es aus, wenn man direkt vor Ort arbeitet. Hier sind durchaus Wochenpauschalen von bis zu 1.000 Euro aufwärts drin. Dennoch habe ich das Schreiben im Home Office, das man damals noch einfach „zuhause“ nannte, fast immer bevorzugt.

Großraumbüro als Kreativanstalt

Eine Entscheidung, die sich für mich jedes Mal, wenn ich doch einmal in einem der charakteristischen Großraumbüros gearbeitet habe, als absolut richtig erwies. Denn wer glaubt, die Medienbranche sei eine einzige große Familie, wird leider enttäuscht werden – es sei denn, er erwartet eine vollkommen blutrünstige Familie wie aus den TV-Serien „Game of Thrones“ oder „Dynasty“.

Die meisten Redaktionen lassen sich mit einer Kreativwerkstatt in der geschlossenen Psychiatrie vergleichen, in welcher der größte Psycho mit der Oberaufsicht betraut wurde. Immerhin führte eine von der Redaktionsmehrheit abweichende politische Meinung in alten Zeiten nicht dazu, dass man aus der „Familie“ verstoßen wurde.

Linke Mehrheiten, alte Toleranz

Zumindest dann nicht, solange man gute – sprich: witzige – Arbeit abgeliefert hatte. Eine klar rot-rot-grüne Mehrheit gab es in den Comedyredaktionen schon immer. Wer die Wahlumfragen in der Harald Schmidt Show noch in Erinnerung hat, wird wissen, wie diese ausgefallen sind.

Wenn einmal im Monat nicht nur das Publikum, sondern auch das Team der Sendung selbst befragt wurde, rangierten SPD, Grüne und „die Kommunisten von der PDS“ in der Gunst der Mitarbeiter regelmäßig bei um die 80 Prozent.

Schmidts konservative Spitzen

Eine Regierung aus CDU und FDP war in den Produktionsräumen von Köln-Hürth unwahrscheinlicher als der Ausruf der Prohibition durch Schmidts bierseligen Sidekick Manuel Andrack. Die süffisanten Bemerkungen, mit denen der bekennende Konservative und Kapitalist Schmidt die ökosozialistischen Bestrebungen seiner Untergebenen kommentierte, würden heute vermutlich zu einem kollektiven Meltdown hinter den Kulissen führen.

Die Tage, in denen auf Pointen Shitstorms folgten und abweichende Meinungen mit sozialer Vernichtung geahndet wurden, waren da noch weit entfernt. Als Jahre später die AfD gegründet wurde, konnte man die Nazikeule recht gefahrlos kritisieren, ohne sich direkt beim Arbeitsamt anstellen zu müssen.

Das Schicksalsjahr des Showbusiness

Die Witze über die neue rechte Partei gingen zwar schon damals in Richtung Hitler. Es blieb aber bei Witzen. Damals unterschied sich der humoristische Umgang mit der AfD intern nicht so sehr von dem mit den anderen Parteien. Übertreibungen und das Spielen mit Klischees waren seit jeher Arbeitswerkzeuge der Komik.

So wie man die Grünen zu ungewaschenen Ökos erklärte, den Politikern von der FDP unterstellte, beim Shoppen angeekelt über Obdachlose zu steigen und jedem Linken Hammer und Sichel in die Hand drückte, hat man die AfD so lange durch den braunen Kakao gezogen, bis auch der letzte Zuschauer dahinterkam, an welcher Stelle er lachen muss.

Wirklich ernst wurde es in der Comedy erst 2015, als mit den Flüchtlingen auch der „Kampf gegen rechts“ ins Land kam. So wurde das Jahr nicht nur zu einem Schicksalsjahr für die Bundesrepublik insgesamt, sondern auch für alle Kreativen, die es noch wagten, über den obligatorischen Meinungskorridor hinauszudenken – und über die falschen Dinge zu lachen.


Boris T. Kaiser war langjähriger Autor für RTL, ARD, WDR und mehr (z.B. „Die Harald Schmidt Show“).

Aus der JF-Ausgabe 19/26.

Harald Schmidt, Jan Böhmermann, Rudi Carrell und Stefan Raab repräsentieren verschiedene Generationen des deutschen Showgeschäfts. Foto: OpenAI
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