Anzeige
Anzeige

Rezension: Schluss mit Gleichheitsillusionen

Rezension: Schluss mit Gleichheitsillusionen

Rezension: Schluss mit Gleichheitsillusionen

Zwei Mädchen lernen in einer Aachener Schulklasse (Symbolbild): Brodkorb und Zierer plädieren für eine Rückbesinnung auf Leistung. Foto: picture alliance / Oliver Berg/dpa | Oliver Berg
Rezension
 

Schluss mit Gleichheitsillusionen

Scheitert das deutsche Schulsystem an mangelnder Gleichheit? Mitnichten, schreiben Mathias Brodkorb und Klaus Zierer in einem neuen Buch – und rechnen dabei mit zahlreichen linken Mythen ab. Jan C. Bentz rezensiert.
Anzeige

Mathias Brodkorb und Klaus Zierer legen mit dem frisch erschienenen Titel „Tyrannei der Gleichheit“ ein Buch vor, das in der deutschen Bildungsdebatte einen selten gewordenen Ton anschlägt: analytisch, historisch informiert und zugleich streitbar. Das Buch ist eine Art Denkangebot und kein wissenschaftlicher Spezialdiskurs und gerade deshalb von erheblicher Sprengkraft. Es zeigt eine Einsicht auf, die ebenso einfach wie unbequem ist: Das deutsche Bildungssystem scheitert nicht an zu wenig Gleichheit, sondern an der Verwechslung von Gleichheit mit Gerechtigkeit.

Im ersten Kapitel („Die Schule wird es schon richten“) zerlegen die Autoren eine zentrale Überzeugung der Bundesrepublik: den Glauben, das Bildungssystem könne gesellschaftliche Defizite kompensieren – soziale Ungleichheit, kulturelle Spannungen, Integrationsprobleme, moralische Orientierungslosigkeit. Seit den 1960er Jahren gilt Bildung als „Hebel der Gesellschaftspolitik“. Je mehr Probleme auftreten, desto lauter wird der Ruf nach Reformen. Die Schule soll Integration leisten, Gerechtigkeit herstellen, Demokratie sichern, Wohlstand garantieren – und am besten noch psychische Stabilität erzeugen.

Brodkorb und Zierer zeigen jedoch: Die empirischen Daten sprechen eine andere Sprache. Sinkende Leistungsniveaus, steigende Abiturquoten, entkoppelte Notenstandards, massive Kompetenzverluste – trotz steigender Ausgaben und besserer Ausstattung. Das System wird überfrachtet, weil man es zum moralischen Universalwerkzeug gemacht hat. Die zentrale These könnte man so formulieren: Nicht die Schule hat versagt, sondern die Gesellschaft und womöglich die Familien in ihr. Die Schule wird darum überfordert. Und zwar von einer Politik, die gesellschaftliche Probleme in pädagogische Programme übersetzt.

Mathias Brodkorb, Klaus Zierer: Tyrannei der Gleichheit. Für mehr Gerechtigkeit in Schule und Gesellschaft. Jetzt im JF-Buchdienst bestellen.

Brodkorb und Zierer analysieren drei Irrtümer der Gleichheitsdebatte

Darauf aufbauend dröseln die Autoren im zweiten Kapitel die Bildungsgeschichte des 20. Jahrhunderts auf. Sie erinnern daran, dass die großen Gleichheitskämpfe – Frauenbildung, Arbeiteraufstieg, Öffnung der Universitäten – historische Missstände wohl überwanden. Doch genau dieser Erfolg erzeugt heute eine paradoxe Situation: Die Bildungsaufstiege der vergangenen Generationen haben die Sozialstruktur dauerhaft verändert. Dass heute viele Studenten aus Akademikerfamilien stammen, ist kein Beleg für fortbestehende Unterdrückung, sondern Folge einer gelungenen Expansion.

Der entscheidende Gedanke: Die Gleichheitsforderungen der 1960er Jahre waren historisch gerechtfertigt. Ihre Fortschreibung in einer völlig veränderten Sozialstruktur ist es nicht. Hier liegt ein Kern des gegenwärtigen Kulturkampfes. Die 68er verstanden sehr wohl, dass Bildung der Schlüssel zur kulturellen Hegemonie ist. Der „Marsch durch die Institutionen“ war erfolgreich – Universitäten, Lehrpläne, Pädagogik, Verwaltung. Die Gleichheitsidee wurde von einem emanzipatorischen Projekt zu einem normativen Dogma. Was einst Befreiung war, ist heute Ideologie.

Im zentralen Teil des Buches analysieren Brodkorb und Zierer drei systematische Irrtümer, „Denkfehler“ der Gleichheitsdebatte. Erstens das Identitätsdogma: Gleichheit wird mit Gerechtigkeit gleichgesetzt. Jede Ungleichheit gilt als moralischer Skandal. Dabei ist Ungleichheit zunächst ein Faktum – erst ihre Ursachen sind zu bewerten. Zweitens die Ergebnisillusion: Wer Chancengleichheit fordert, verkennt, dass echte Gleichheit der Startbedingungen praktisch unmöglich ist. Familien, Begabungen, kulturelle Milieus, individuelle Unterschiede – sie entziehen sich staatlicher Steuerung. Die Vorstellung vollständiger Entkopplung von Herkunft und Leistung ist politisch suggestiv, aber realitätsfern. Und drittens der Kausalitätsirrtum: Korrelationen werden vorschnell zu kausalen Ungerechtigkeiten erklärt. Dass Kinder gebildeter Eltern häufiger studieren, ist nicht automatisch Ausdruck struktureller Diskriminierung.

Leugnung natürlicher Unterschiede führt zum Niveaulimbo

Hier liegt die analytische Stärke des Buches: Es verschiebt die Debatte vom moralischen Affekt zurück zur begrifflichen Klärung. Besonders aufschlussreich ist das Kapitel „Marxens Automat und Bourdieus Transformationsmaschine“. Die Autoren zeigen, dass Marx den ökonomischen Unterbau für entscheidend hielt, während moderne Bildungssoziologie (Bourdieu) kulturelle Reproduktionsmechanismen in den Vordergrund rückt. Doch gerade hier wird deutlich: Nicht „das Geld regiert die Welt“, sondern Bildung – man könnte sagen: kulturelles Kapital.

Die Ironie der Geschichte besteht darin, dass der sozialdemokratische Erfolg – die Öffnung des Bildungssystems – eine neue Leistungsgesellschaft hervorgebracht hat. Der Arbeiteraufstieg mündete in eine akademische Mittelschicht, die nun ihrerseits ihre kulturellen Standards reproduziert. Der egalitäre Impuls erzeugte eine meritokratische Ordnung. Damit wird auch verständlich, warum der Kulturkampf heute vor allem im Bildungswesen tobt. Wer Lehrpläne, Sprachregelungen, Bewertungsmaßstäbe kontrolliert, kontrolliert die symbolische Ordnung der Gesellschaft.

Besonders mutig ist das Kapitel über das Tabuthema der Begabung. Unter dem ironischen Titel „Der Lord Voldemort der Bildungsdebatte“ greifen Brodkorb und Zierer die Frage auf, die im öffentlichen Diskurs kaum noch gestellt werden darf: Gibt es natürliche Unterschiede in kognitiven Fähigkeiten? Ohne in biologistische Verkürzungen zu verfallen, argumentieren sie nüchtern: Wenn Leistungsunterschiede ausschließlich als soziale Konstrukte gelten, wird jede empirische Realität moralisch delegitimiert. Die Leugnung von Differenzen führt zwangsläufig zur Nivellierung von Standards.

Es braucht eine Rückbesinnung auf Leistung und Verantwortung

Der entscheidende Punkt ist dabei nicht Determinismus, sondern Realismus. Wenn die Gesellschaft die Leistungsunterschiede systematisch negiert, untergräbt sie ihre eigene Funktionsfähigkeit. Im Schlusskapitel bündeln die Autoren ihre Argumentation. Gerechtigkeit bedeutet nicht Gleichheit, sondern Anerkennung legitimer Unterschiede. Eine arbeitsteilige Gesellschaft lebt davon, dass Menschen Verschiedenes können und Verschiedenes leisten. Wer Anstrengung, Begabung und Leistungsbereitschaft relativiert, zerstört die Grundlage von Motivation und Wohlstand.


Der vielleicht wichtigste Satz des Buches lautet implizit: Ohne Leistung geht es nicht. Das sollte nicht als neoliberale Parole verstanden werden, sondern als anthropologische Einsicht. Leistung ist Ausdruck von Verantwortung, Selbstüberwindung, Disziplin. Sie ist Voraussetzung kultureller Stabilität. Gerade in einer Zeit, in der Bewertungsmaßstäbe verwässert, Wettbewerbe in „Wohlfühlformate“ umgebaut und Noten inflationiert werden, wirkt diese Erinnerung fast subversiv.

„Tyrannei der Gleichheit“ ist ein unentbehrliches Buch. Es verteidigt nicht Privilegien, sondern Maßstäbe. Es polemisiert nicht gegen Gerechtigkeit, sondern gegen ihre begriffliche Entleerung. Brodkorb und Zierer zeigen, dass der Kulturkampf unserer Zeit durch Bildung geführt wird – und dass der lange Marsch durch die Institutionen erfolgreich war. Gerade deshalb braucht es nun eine Rückbesinnung auf Differenz, Leistung und Verantwortung. Wer das Bildungssystem retten will, muss aufhören, es zum Instrument moralischer Gleichmacherei zu machen. Dieses Buch liefert dafür die Argumente.

Aus der JF-Ausgabe 15/26.

Zwei Mädchen lernen in einer Aachener Schulklasse (Symbolbild): Brodkorb und Zierer plädieren für eine Rückbesinnung auf Leistung. Foto: picture alliance / Oliver Berg/dpa | Oliver Berg
Anzeige
Anzeige

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
aktuelles