Zu einem „Museum der Einsamkeit“, sagt Theresa, die Hauptfigur der Geschichte „Abschied von Baden-Baden“, möchte der Kurort das üppige Anwesen ihrer Eltern umfunktionieren, nachdem ihre verwitwete Mutter entschieden hat, in eine Seniorenresidenz an der Ostsee umzuziehen. Eigentlich ist es ein Museum der Eisenzeit mit rekonstruierter Pfahlbau-Siedlung und archäologischem Lehrpfad, was da am Fluß Oos entstehen soll. Aber da ist der von ihrer Mutter verkannten Hochschullehrerin für Kunstgeschichte, die zu Gabriele Münter forscht, im Gespräch mit ihrem Makler wohl ein Freudscher Versprecher unterlaufen.
Zuvor hat Ralf Rothmann, der Autor der neun Prosawerke, die dieses Büchlein unter dem Titel „Museum der Einsamkeit“ bündelt, mit hinreißenden Dialogen zwischen Mutter und Tochter einen klassischen Generationenkonflikt inszeniert: Die Seniorin hat sich für ihre beruflich erfolgreiche Tochter ein trautes Heim mit Mann und Kindern, ihren Enkelkindern, vorgestellt, die lebt stattdessen in sequentieller Polygamie, raucht und trinkt gelegentlich einen über den Durst. „Es gibt immer einen Mann, wenn ich einen brauche“, behauptet sie in Uschi-Obermaier-Manier und verhält sich auch ein bißchen so wie eine Achtundsechziger-Kommunardin.
In „Abschied von Baden-Baden“ ereignet sich dann sogar noch die „unerhörte Begebenheit“, auf die es bei einer Novelle ankommt. Allerdings steht sie ganz am Rande und nicht im Mittelpunkt der Geschichte und unterstreicht damit, daß es Rothmann in seinen Texten um das Unerhörte gar nicht geht, jedenfalls nicht in erster Linie, sondern vielmehr um Momentaufnahmen aus dem deutschen Alltag. Auch die klassische Pointe, wie sie durch Autoren wie O. Henry oder Henry Slesar zum Markenzeichen der amerikanischen Kurzgeschichte wurde, meidet der Autor zwar nicht wie der Teufel das Weihwasser, aber am liebsten läßt er seine Geschichten am Ende offen wie ein Scheunentor.
Dann ist sie da, die unerhörte Begebenheit
Man nennt es auch das französische Ende. Der Leser wird jäh hinauskatapultiert aus der Alltagsskizze. Dabei hätte er gern noch mehr erfahren: Was wird aus dem frisch verliebten Lehrling Simon und der sprunghaften Schauspielschülerin Lynn, was aus dem todkranken Mädchen, das im Krankenhaus liegt und in „Herr Dingens“ Besuch von ihrem Vater, einem evangelischen Pfarrer, bekommt?
Was wird aus dem blasierten Seniorengespann Silberer, nachdem der ehemalige „Top-Manager“ und seine Frau Ziel eines nächtlichen Rettungswageneinsatzes geworden sind, was aus dem in die Jahre gekommenen Bauarbeiter Willi, der in der naturalistischen Milieustudie „Engel auf Krücken“ aufs Abstellgleis geschoben werden soll und darum einen Tag vor Heiligabend Trost in Gestalt eines erotischen Abenteuers bei einer alten Bekannten sucht? Es sind kurze Stippvisiten bei ganz normalen Leuten, die der gebürtige Schleswiger zu diesem kleinen Band zusammengestellt hat, weswegen die darin versammelten Prosastücke auch ganz bewußt nicht als Novellen, sondern schlicht als „Erzählungen“ in die Buchläden gekommen sind.
Und dann ist sie auf einmal doch wieder da, die unerhörte Begebenheit, zum Beispiel in „Eine kleine Metall-Unterhaltung“. Darin sorgt eine Handgranate im Briefkasten für Aufregung, und es gesellt sich zum skandalträchtigen Vorkommnis auch noch die klassische Pointe der amerikanischen „short story“: Die Söhne einer nach Deutschland eingewanderten Kosovo-Albanerin, die als Putzfrau für einen durch ein Aneurysma außer Gefecht gesetzten Verkaufsleiter für Leichtbauhallen arbeitet und mit ihm eine Affäre hat, machen einen unerbetenen Hausbesuch und bedrohen den Liebhaber ihrer Mutter. Schmalspurganoven sind sie wie aus einem schlechten Gangsterfilm. Doch solche Knalleffekte bleiben die Ausnahme.
Eine Jugendsünde belastet den Protagonisten
Rothmann mag es auf die klassische Pointe nicht angelegt haben, aber er entgeht ihr mitunter dennoch nicht – zum Glück. Denn eine solche macht „Schimmel in der Orgel“ zu einer der besten Geschichten dieser Anthologie. Sie handelt von einer ungewöhnlichen Beichte. Zu einer solchen hat sich der Maler Ben Baranowksy im rheinländischen Nelden eingefunden.

Eine Jugendsünde belastet sein Gewissen, und – solche Bezüge zum Christentum finden sich häufiger in dem Buch – auf einem Marktplatz in der Nähe der Kirche, in der sein damaliges Opfer heute als Organist beschäftigt ist, wappnet er sich für den prekären Augenblick. Seine Gedanken schweifen zurück in die sechziger Jahre, rekapitulieren den dramatischen Vorfall von einst; zumindest kommt er ihm im Rückblick dramatisch vor. Und gleich wird er seinem einstigen Opfer gegenübertreten, um Abbitte zu leisten. Die originelle „Schuld und Sühne“-Variante glänzt mit einem gänzlich unerwarteten Verlauf.
Man mag das Wort aufgrund seiner ideologischen Verwurstung kaum noch benutzen, doch es ist die Vielfalt, die an diesem Prosa-Band fasziniert. Der 72jährige führt an verschiedene Schauplätze, dringt in ganz unterschiedliche soziale Schichten ein.
Mehr „Diversität“ ist kaum denkbar
Er variiert das Alter und das Geschlecht seiner Protagonisten wie deren Herkunft und Milieu. Er verläßt die Gegenwart, entführt in die sechziger Jahre, die siebziger Jahre und in die Zeit von Hitlers Krieg. Mehr „Diversität“ ist kaum denkbar.
Nur eines haben alle seine Erzählungen gemeinsam: Sie spielen in Deutschland. Und noch eines eint die neun Prosastücke: Sie alle sind eine Begegnung mit den Grenzen menschlicher Möglichkeiten, mit der eigenen Zeitlichkeit, und immer wieder mal lugt der garstige Gevatter durch die Maschen des Erzählgewebes.
Dem Diktator Zeitgeist entrinnt der mit etlichen Literaturpreisen, zuletzt 2023 mit dem Thomas-Mann-Preis Geehrte dabei nicht immer. Die LGBTXYZ-Liga bekommt gleich in der ersten Erzählung „Normschrift“, der Geschichte von Simon und Lynn, ihren vermessenen Anspruch auf Omnipräsenz erfüllt. Und Gaga-Anglizismen wie „Rooftop-Bar“, „Keeper“ oder „das Display ihres Handys“, die der verblichene Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki vermutlich „gräßlich“ gefunden hätte, lassen hin und wieder erschauern. Aber da die meisten von ihnen in dem Achtundsechziger-Abgesang „Abschied von Baden-Baden“ zu finden sind, wertet man das am besten als Element der Persiflage.
Erfreulich unprätentiös ist Rothmanns Sprache
Der Autor wurde einem größeren Publikum bekannt durch seine Weltkriegs-Trilogie, bestehend aus den Romanen „Im Frühling sterben“ (2015), „Der Gott jenes Sommers“ (2018) und „Die Nacht unterm Schnee“ (2022). Eine Thematik, zu der er zum Abschluß seiner Anthologie mit einem etwas experimentelleren Text zurückkehrt: „Psalm und Asche“ setzt sich zusammen aus zwei komplementären Geschichten aus der NS-Zeit, in Parallelmontagen erzählt aus der Perspektive von Albert Gemmeker, dem Kommandanten des Sammellagers Westerbork in der Drenther Heide, und der holländischen Jüdin Esther „Etty“ Hillesum. Er war zuständig für die Deportation holländischer Juden, sie ist in einem dieser Transporte und auf dem Weg nach Auschwitz-Birkenau.
Erfreulich unprätentiös ist Rothmanns Sprache, anschaulich und klar. Sie trägt mit dazu bei, daß man sich für jede einzelne der neun Erzählungen mit Vergnügen in sein eigenes Museum der Einsamkeit zurückzieht, um sie dort in Ruhe auf sich wirken zu lassen.






