Es gibt eine rechte Partei und sie hat Wahlerfolge. Wie sie heißt, ist unerheblich, mitregieren darf sie ja sowieso nicht. Ihre Abgeordneten sind … naja, freundliche Leute, Menschen aus dem Volk eben, sicher keine Unholde, aber ohne große Ideen. Immerhin haben sie Jobs zu vergeben. Jobs, bei denen man faulenzen kann und trotzdem genug verdient, um über die Runden zu kommen. Und bevor die Abgeordneten im Parlament Reden halten, kann man mit ihnen einen kräftigen Schnaps trinken, das ölt die Stimme.
Dann gibt es in Dresden, denn in der sächsischen Landeshauptstadt spielt dieser im Sommer 2025 erschienene Roman des jungen Schriftstellers Volker Zierke, noch eine katholische Szene. Aus diesem Milieu entstammt zwar die Freundin des Romanprotagonisten, doch wirklich warm wird er mit ihm dennoch nicht. Deren reaktionäre Abneigung gegen vorehelichen Sex, Drogenkonsum und Pornographie hält er für „eine tolle Phrase, mit der man Idioten begeistern kann“, ein hilfloses Sich-Klammern an überkommene Strukturen, einen, wie man auf neudeutsch sagen würde: Cope (vom englischen „coping“, was „bewältigen“ bedeutet).
Das Christentum sei keine „Grundlage für den neuen Morgen“, zischt der Protagonist, „es ist die verwesende Leiche von gestern“. Zudem scheint es ihn ein wenig zu nerven, daß seine Liebschaft – eine Französin namens Idylle – aufgrund ihrer katholischen Neigungen zunächst nicht mit ihm ins Bett will. Obwohl sie am Ende natürlich trotzdem dort landet.
Da bleibt nur der Alkohol
Wie anders war doch die Lage noch vor ein paar Jahren. Da war die Hauptfigur bei der Identitären Bewegung, deren Name im Roman zwar nicht fällt, bei der aber jeder weiß, daß sie gemeint ist. „Wir glaubten, daß das, was wir taten, richtig sei. Daß die Veränderung kommen werde.“ Um große Ideen sei es anfangs gegangen. Als weltanschaulich versierte Avantgarde hatte man den Spießern vor den Kopf stoßen und das Land verändern wollen.
„Aber irgendwann reichte das nicht mehr. Die große Erzählung ergab keinen Sinn mehr. Die Veränderung kam nicht.“ Aktive Mitglieder zogen sich zurück, verließen die Stadt, suchten ihr Heil in kleinen religiösen Gruppen. Und wer aktiv blieb, wer weiter Banner von Gebäuden hängen und Demonstrationen anmelden wollte, der scherte sich irgendwann nicht mehr um große Ideen, sondern darum, in sozialen Medien möglichst viele Klicks zu erzielen. Statt das Meinungsbild der Bevölkerung zu verändern, will man nun ihre Ressentiments verwalten.
Da bleibt dem Protagonisten nur eins: der Alkohol (wer es noch nicht wußte: Das namensgebende Herrengedeck bezeichnet eine Kombination aus einem Glas Bier und einem Pintchen Schnaps). Kaum eine Seite vergeht, ohne daß sich der namenlose Protagonist zumindest eine Bierflasche in seiner Jackentasche verstaut, sehr viel mehr Seiten vergehen damit, daß er selbige austrinkt. Oder Wein süffelt. Schnaps bechert. Wodka goutiert.
Man wäre versucht, den Text für schnoddrig zu halten
Alkoholdunst entsteigt den Buchseiten, treibt die Wörter und Sätze vorwärts; doch es ist kein rauschhaftes Trinken, kein euphorisches Bacchanal, dem Autor und Figur frönen, wenngleich letztere manchmal torkelt und lallt. Das Trinken ist Fortsetzung der Schwermut mit anderen Mitteln. Ihr entspringt das Dunkle, Gemächliche des Romans, das Sich-Treiben-Lassen und Umherwandern. Ohne das wäre man vielleicht versucht, den Text für zynisch zu halten, schnoddrig. Ist er ja auch. Aber darunter sehnt sich die Figur, nach Idylles Augen, in denen „weiße Strände im Morgenwind“ schimmern, ihrem Körper, nach einem Krieg, nach einem Ausnahmezustand, danach daß „am Ende wenigstens alles Sinn ergäbe“.

Doch da dies alles in weiter Ferne scheint, greift er zur Flasche, manchmal auch in die Schattenkiste der Vergangenheit. Dann fürchtet unser Antiheld, er werde vom Geist Adolf Hitlers verfolgt.
Niemand erwartet mehr etwas von der Zukunft
Als wäre das nicht genug, plagt ihn ein übler Husten. Schwarzen Schleim würgt er aus seinen Lungen und läßt sich von ihm den Schlaf rauben. Sogar die sonst so süße Idylle schmeißt ihn deswegen einmal aus der Wohnung. Wie soll man da nicht trinken? Nach ein paar Flaschen Bier läßt es sich immerhin wieder schlafen. Und wenn er nicht schlafen kann, streift er Nacht für Nacht durchs stille Dresden.
„Herrengedeck“ ist kein politischer Roman im eigentlichen Sinne, aber eben doch einer über politischen Stillstand. Die wilden Aufbruchsjahre der deutschen Rechten sind vorbei, verändert hat sich nicht viel. Zumindest aber zu wenig. Rechte Wahlerfolge verblassen angesichts der Müdigkeit, die in die Städte, Häuser und Menschen gekrochen ist. Niemand erwartet mehr etwas von der Zukunft. „Dresden mag eine Großstadt sein, aber manchmal glaube ich, das Nichts färbt auf uns ab.“ Man läßt sich treiben. Die Hauptfigur mag enttäuscht darüber sein, zum Handeln treibt es sie nicht. Dafür ist auch sie zu müde.
Die Verhältnisse wurden bislang nicht zum Tanzen gebracht
Es dürfte vielen Rechten unter 40 nicht schwerfallen, sich darin irgendwie wiederzuerkennen, vielleicht nicht in den Details der Handlung, wohl aber in der Stimmung. Katholiken, oder wie man unter jungen Leuten sagt „Trad-Caths“ mögen sich von dem Buch vor den Kopf gestoßen fühlen, Freunde des Glases mögen sich bestätigt sehen. Beide haben die Verhältnisse bislang nicht zum Tanzen gebracht.
Am Ende deutet der Roman aber doch so etwas wie einen Ausweg an. Kein wilder Rausch, keine große Idee, mehr so etwas wie ein Leben, das mehr oder weniger zufällig eintritt. Da ist etwa das kleine Kätzchen, welches der Protagonist und seine Freundin erhalten und um das sie sich rührend kümmern. Da ist die Beziehung zu Idylle, die ernster, aber auch komplizierter wird, immer wieder abbricht und sich – angedeuteterweise – am Ende doch in etwas wie eine Familienplanung zu übersetzen scheint. Nach aller geäußerten Verzweiflung über den Zustand des Landes, der Welt und der rechten Szene triumphiert am Ende die Lust, Verantwortung für etwas zu übernehmen und sich durch andere Mitmenschen bedingen zu lassen.






