Dass geltendes, besser gesagt: von staatlicher Seite praktiziertes Recht nicht unbedingt immer etwas mit Gerechtigkeit, bisweilen noch nicht einmal mit dem Gesetz zu tun hat, kann man dieser Tage wieder allenthalben beobachten. Immerhin basiert die Gesetzgebung auf menschlichen Ansichten und Einsichten und kann – dementsprechend nicht unfehlbar – von politischen oder ideologischen Gestimmtheiten und Auslegungen beeinflusst werden.
Seit mehr als zehn Jahren zeigt der Jurist und Schriftsteller Ferdinand von Schirach diese Unwegbarkeiten, bisweilen gar Abgründe in den Fragen von Gesetz und Rechtsprechung in mehr oder weniger fiktiven Fällen auf. Und trifft dabei den Nerv des Publikums, das seine Bücher immer wieder zu Bestsellern macht. Allerdings fühlt sich das Publikum sicherlich weniger von der bisweilen vertrackten Anwendung der Gesetzgebung angezogen, als vielmehr von Schirachs durchaus feinsinnigen Reflexionen über die Zerbrechlichkeit oder Standhaftigkeit des Menschen in außergewöhnlichen Situationen sowie von den damit einhergehenden Fragen zu Gerechtigkeit, Schuld und moralischer Ambivalenz.
Fragen, die zum Weiterdenken auffordern. Denn Schirach wertet nicht, bietet nie eindeutige Lösungen; den aus ethischen Fallstricken gewobenen gordischen Knoten muss der Leser stets selbst entwirren. Und findet sich immer wieder vor der großen Frage: Was ist Gerechtigkeit und wie kann sie gelingen?
Es geht um den Unterschied zwischen Upperclass und High-Society
Eine Frage, die auch das aktuelle Buch des ehemaligen Strafverteidigers durchzieht: „Der stille Freund“ versammelt vierzehn Texte, darunter Erzählungen, Miniaturen und kurze Betrachtungen. Sie alle finden zu unterschiedlichen Zeiten und an verschiedenen Orten statt, verbunden jeweils durch den Ich-Erzähler, der beobachtet, protokolliert und nur dann und wann eine persönliche Note, eine Empfindung oder Überlegung einstreut.
Mit ihm bewegt sich der Leser durch eine Welt, die man als die der Reichen und Schönen beschreiben könnte – damit aber falsch läge. Die meisten der Figuren stammen zwar aus einem weltläufigen, nicht selten adeligen Milieu, doch schon zu Beginn wird der Unterschied zwischen Upperclass und High-Society geschildert: Dieser liege, so die Figur Cynthia, in der „Parkettsicherheit“ der ersten, einem unverrückbaren, da seit Jahrhunderten überlieferten und gelebten Bewusstsein dafür, wie dem Leben zu begegnen sei.
Dem Leben wie auch der Gerechtigkeit. Denn Cynthia, die im Verlauf der Erzählung zum Opfer ihres gewaltvollen Ehemanns (übrigens ein „Emporkömmling“, falls das etwas zu bedeuten hat) wird, wird ohne ihr Wissen gerächt. Schirach beschreibt eine höchst elegante, wenn auch nicht minder grausame und existenzvernichtende Selbstjustiz in Form einer „Spiegelstrafe“, wie sie im europäischen Mittelalter zur Anwendung kam. Und die in diesem Falle nur gelingen konnte, da der Bestrafende über kühle Distanz und gefestigte finanzielle wie politische Möglichkeiten verfügte. Beide, so scheint es, hatte seine Familie über Jahrhunderte entwickelt.
Was aber, wenn jegliche Liebe verwehrt wird?
Doch was bedeutet Zeit? Schirach stellt seinem Band ein Zitat Vladimir Nabokovs voran: „Ich gestehe, ich glaube nicht an die Zeit.“ Das meint auch, das es im menschlichen Dasein – nicht nur für Angehörige der Upperclass – seit Urzeiten gewisse Gesetze und Regeln gibt. (Man möchte sagen: moralische Grundsätze, doch leider wird der Begriff der Moral zu häufig instrumentalisiert.) Zu den Geboten des Christentums beispielsweise gehört das „Du sollst nicht töten“ ebenso wie „Du sollst Vater und Mutter ehren“.

Was aber, wenn dem Kind von Geburt an jegliche Liebe und Fürsorge verwehrt wird und selbst die Lebensentscheidungen des Erwachsenen als schlichtweg peinlich abgekanzelt werden? Ist ein solches Verhalten justitiabel? Eher nicht. Rechtfertigt es Selbstjustiz, noch dazu mit Todesfolge? Selbst ein eindeutiges „Nein“ macht hier ein menschliches Dilemma deutlich.
Auch soziale Medien sind nur Werkzeuge
Bisweilen aber führt Gott oder das Schicksal selbst den Sünder seiner gerechten Strafe zu und lässt einen stets böswilligen Menschen im einzigen Augenblick, in dem er Gutes tun will, zu Tode kommen. Auch davon erzählt Schirach mit bekannter Prägnanz; seine Sprache ist geprägt von juristischer Präzision und beobachtender Distanz, dennoch gelingt es ihm, Umgebung, Personen und Situation mit wenigen Strichen in Szene zu setzen.
Das kann – und soll – schmerzhaft werden, wenn er im Kurzessay „Wirklichkeit und Wahrheit“ die grausamen Taten während des Terroranschlages vom 7. Oktober 2023 beschreibt und sie mit in den sozialen Medien kolportierter Propaganda verbindet. Können die in zahllosen Zeugenaussagen und Videos dokumentierten Morde, Folterungen und Vergewaltigungen von Terroristen der Hamas in Israel von Befürwortern der Palästinenser tatsächlich als Fake News angesehen werden – oder werden sie von jenen, die die Terroristen bis heute bejubeln, vielmehr gebilligt?
Ob aber Schirachs Diktum zutrifft, dass die sozialen Medien jener orwellsche Stiefel seien, „der ein menschliches Gesicht zertrampelt – unaufhörlich“, mag bezweifelt werden. Auch sie sind nur Werkzeuge, in denen sich der Mensch in seiner Grausamkeit und Ignoranz zur Kenntlichkeit entstellt. (Und bisweilen auch kluge, schöne Seiten zeigt.)
Die Umstände der Selbsttötung Egon Friedells werden geschildert
Schirach, ein gebildeter Mann, findet auch in der Kulturgeschichte einige Beispiele für moralische Ambivalenzen. Ob das Werk des Architekten Adolf Loos durch dessen sexuelle Handlungen an Minderjährigen geschmälert wird, mag auch damit zusammenhängen, ob man ihn als Wegbereiter der Moderne schätzt oder nicht.
Fragen der Schuld wirft die Zeit des Nationalsozialismus haufenweise auf; so beschreibt Schirach die Umstände der Selbsttötung des großen Wiener Literaten und Kulturphilosophen Egon Friedell, aber auch den wahrhaft sportlichen Geist des Tennisspielers Gottfried von Cramm: Zwei sehr unterschiedliche Beispiele für konsequentes Handeln angesichts politischer Bedrohungen, doch auch hier mit kleinen dunklen Einsprengseln.
Besser also, man verzweifle nicht
Auch in diesem Kurzgeschichtenband konfrontiert Schirach den Leser mit den Fragwürdigkeiten des Rechtssystems, noch mehr aber mit den zutiefst menschlichen Themen wie Schuld und Strafe, Verrat und Loyalität. Gleichzeitig betritt er die leisen Bereiche von Freundschaft, Sehnsucht und Hoffnung, mithin die Fülle eines bewusst gelebten Lebens. Was aber meint eigentlich die Metapher vom „stillen Freund“? Es ist nicht der Kairos, der günstigste Moment für Handlung und Entscheidung; vielmehr bezeichnet er einen Moment der – eher im Proustschen Sinne – inneren Erkenntnis, einem glückvollen Staunen über das Leben mit all seinen Mysterien.
Denn angesichts der höchstwahrscheinlich nah an der Wirklichkeit entlang erzählten Geschichten Schirachs könnte man an einigen der sich offenbarenden Wahrheiten schier verzweifeln. Doch hier sei die pragmatische Philosophie einer Todkranken im Buch erwähnt: Ob verzweifelt oder nicht, man sterbe ohnehin. Besser also, man verzweifle nicht. Vor allem aber gelte: Aufgeben gilt nicht!






