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Politologe Yascha Mounk: Das große Experiment der Migrationsgesellschaft

Politologe Yascha Mounk: Das große Experiment der Migrationsgesellschaft

Politologe Yascha Mounk: Das große Experiment der Migrationsgesellschaft

Polizisten sichern einen Tatort im schwedischen Malmö: Symptome einer multiethnischen Gesellschaft Foto: picture alliance / TT NYHETSBYRÅN | Johan Nilsson/TT
Polizisten sichern einen Tatort im schwedischen Malmö: Symptome einer multiethnischen Gesellschaft Foto: picture alliance / TT NYHETSBYRÅN | Johan Nilsson/TT
Polizisten sichern einen Tatort im schwedischen Malmö: Symptome einer multiethnischen Gesellschaft Foto: picture alliance / TT NYHETSBYRÅN | Johan Nilsson/TT
Politologe Yascha Mounk
 

Das große Experiment der Migrationsgesellschaft

Der Politologe Yascha Mounk räumt ein, daß multiethnische Gesellschaften alles andere als reibungslos funktionieren. In seinem neuen Buch sucht er nach gelungenen Beispielen und verweist unter anderem auf Österreich-Ungarn. Doch bleiben Zweifel. Eine Rezension.
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Anfang 2018 war Deutschland in Aufruhr. Der Politologe Yascha Mounk hatte in den ARD-„Tagesthemen“ von einem „Experiment“ gesprochen. Gerade wandele sich die monoethnische Gesellschaft zur multiethnischen Gesellschaft. Dabei werde es auch zu „Verwerfungen“ kommen.

Viele Leute waren nicht von dem erschreckt, was Mounk sagte, sondern vor allem von dem, was er nicht sagte. Wer genau hatte das Experiment denn in die Wege geleitet und wie genau würden die Verwerfungen aussehen? Vier Jahre später gibt Mounk mit seinem Buch „Das große Experiment“ die Antwort.

Zunächst betont der Autor, der Begriff „Experiment“ sei falsch verstanden worden. Es gehe nicht um einen wissenschaftlichen Versuch, sondern eine ungewohnte Situation. Warum Mounk dann aber genau diesen Titel wählt, zumal Parallelen zum „historischen Experiment“ Kommunismus aufgeworfen werden, bleibt ungeklärt.

Medien geben Sarrazin recht

Auch Mounk bestätigt einen Trend, der sich immer deutlicher in den Medien abzeichnet. Als Thilo Sarrazin 2010 in „Deutschland schafft sich ab“ auf das kommende Ende der deutschen Bevölkerungsmehrheit hinwies, wurde dies noch als Spinnerei oder Hetze abgetan. Schon bald würden sich die Geburtenraten zwischen Ausländern und Deutschen angleichen und das Horrorszenario an Schrecken verlieren.

Zwölf Jahre später allerdings geben die Medien Sarrazin recht und berichten vom Verschwinden der Weißen. Zum einen läßt sich die künftige Entwicklung ohnehin nicht mehr abstreiten, zum anderen kann man das Ende der Weißen offenbar kaum noch erwarten.

Mounk betont, daß sich der Trend zur multiethnischen Gesellschaft ohnehin nur noch durch einen Bürgerkrieg aufhalten läßt. Fast scheint es, als ob er doch nicht so sehr den Versprechungen der diversen Gesellschaft glauben mag. Da sie nicht mehr zu verhindern ist, muß man sich wohl mit ihr arrangieren.

Kann Österreich-Ungarn Vorbild sein?

Vor allem der erste Teil seines Buches liest sich fast wie Sarrazins „Der Staat an seinen Grenzen“. Beide Autoren beschreiben, wie multiethnische Gesellschaften immer wieder gescheitert sind. Daher will Sarrazin weitere Einwanderung begrenzen.

Mounk zufolge würden multiethnischen Gesellschaften überhaupt nur als Monarchien funktionieren. Denn dort sei die herrschende Klasse unabhängig von demokratischen Wahlen und einer Veränderung in der Wählerschaft. Er nennt Österreich-Ungarn oder das frühe Bagdad als Vorbilder, muß aber in den Fußnoten eingestehen, daß auch dort Diskriminierungen bestanden.

Der Libanon könnte ein vielversprechendes Beispiel für eine Machtteilung darstellen, in dem die verfeindeten Gruppen (Christen, Sunniten und Schiiten) Parallelgesellschaften bilden, also sich nur um ihre eigenen Belange kümmern. Aber zum einen ist dies keine echte diverse, da separierte Gesellschaft und zum anderen muß auch Mounk zugeben, daß der Libanon von 1975 bis 1990 in einem blutigen Bürgerkrieg versank.

Vorurteile haben eine begründete Basis

Das Fazit ist ernüchternd: „Ich wünschte, ich könnte Sie auf eine Reise durch all die diversen Demokratien einladen, die ihre Probleme vollständig gelöst und bewundernswert gerechte Gesellschaften aufgebaut haben. Aber leider existieren solche Demokratien nicht. Wir müssen uns konkrete Beispiele dafür ansehen, wie es immer wieder falsch gelaufen ist. Vielleicht können wir aus dem Scheitern anderer lernen, diese Fehler in Zukunft zu vermeiden.“

Dann wird Mounk konkreter. So besage etwa die berühmte Kontakthypothese, daß Kontakt zwischen verfeindeten Gruppen Vorurteile abbauen kann. Würden Deutsche und Ausländer in gemeinsamen Stadtteilen wohnen, in der gleichen Firma arbeiten, wäre ein riesiger Schritt getan.

Mounk verkennt jedoch, daß laut Kontakthypothese Vorurteile zwischen Gruppen nur dann abgebaut werden können, sofern diese nicht der Wahrheit entsprechen. Doch wie sich zeigen läßt, haben Vorurteile gegenüber Einwanderern eine statistisch begründete Basis.

Mordrate in den USA ist hoch

Die Wahlergebnisse scheinen Mounk zu bestätigen. Gerade im Osten, wo nur wenige Ausländer leben, erreicht die AfD hohe Stimmanteile. Schaut man jedoch genauer auf den Westen, zeigt sich auch anderes Phänomen. So erzielt die AfD in dortigen Großstädten vor allem in denjenigen Stadtteilen besonders gute Ergebnisse, in denen viele Ausländer wohnen.

Auch bei der Beschreibung der USA offenbart Mounk erstaunliche Wissenslücken. So stellt er verwundert fest, daß die amerikanische Mordrate im Vergleich mit anderen Industriestaaten relativ hoch ausfällt, begreift aber nicht, daß er es hier mit den Segnungen einer diversen Gesellschaft zu tun hat. Denn in den USA begehen Schwarze laut FBI 56 Prozent aller Morde. Dabei stellen sie nur 13 Prozent der Bevölkerung.

Migranten-Gangs terrorisieren Malmö

Zwar will Mounk Terroranschläge nicht relativieren, doch verfällt er in altbekannte Muster. Wie könne man gegen Einwanderung protestieren, wo doch ein polnischer Einwanderer sich in London einem pakistanischen Terroristen mutig entgegengestellt habe? Zudem würden die meisten Muslime im Westen die dortigen Demokratien aus vollem Herzen unterstützen. Was zweifelhaft bleibt, da auch in Deutschland regelmäßig Tausende Araber bei Demonstrationen Israel den Tod wünschen, oder die Mehrheit der Deutschtürken das autoritäre türkische Verfassungsreferendum stützte.

Auch will Mounk sich nicht von den arabischen Straßenbanden, die Malmö terrorisieren, aus der Ruhe bringen lassen. Gangs aus Iren und Italienern habe es bereits in New York gegeben, doch diese seien durch entschiedene Polizeimaßnahmen bezwungen worden. Doch im heutigen Deutschland, das in kriminellen Banden nur eine „Partyszene“ oder „erlebnisorientierte Jugendliche“ erblickt, ist wohl jede Hoffnung vergebens.

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Yascha Mounk: Das große Experiment. Wie Diversität die Demokratie bedroht und bereichert. Droemer Knaur, München 2022, 22,00 Euro. 

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