Lebenstüchtigkeit und Selbstorganisation lernt man leider nicht in der Schule. Ein gemeinnütziges Projekt will das ändern: Fällt mal wieder der reguläre Unterricht aus, kommt ein ehrenamtlicher „Lebenslehrer“ in die Klasse und zeigt Skills und Lifehacks für das Leben nach der Schulzeit …
„Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir“, heißt es. Das klappt an deutschen Lehranstalten aber offenbar nur bedingt: Rund sechzig Prozent der Schüler fühlen sich laut Schulbarometer der Robert-Bosch-Stiftung nur mangelhaft auf das Erwachsenenleben vorbereitet. Wie macht man eine Steuererklärung? Was muss man für einen Meistertitel tun? Solche Fragen beantwortet der Unterricht leider nicht. Kürzlich berichteten viele Medien, dass junge Menschen sogar Angst vor dem Besuch einer Tankstelle hätten, weil sie mit dem Tankvorgang nicht vertraut wären. Dazu kommt der massive Stundenausfall: Laut Lehrerverband fallen fast zehn Prozent der Unterrichtstunden wegen Lehrermangels aus. Das sind über eine Million Unterrichtseinheiten pro Woche!
Zwar schwanken die Ausfälle je nach Schulform und Bundesland, doch sind sie ein weiteres Symptom für den Niedergang des einst weltweit vorbildlichen deutschen Schulsystems – bevor die Schulen zum Labor linker Experimente wurden. Eine private Initiative aus Berlin will ausgefallene Schulstunden sinnvoll füllen: Der gemeinnützige Verein trägt den etwas sperrigen Namen „LifeTeachUs“ und vermittelt „LifeTeacher“, die Schülern Lektionen aus dem Leben nahebringen.
Es können etwa DDR-Zeitzeugen berichten
Statt eines Vertretungslehrers oder einer Aufsicht kommt zum Beispiel ein Handwerker in die Klasse und berichtet 45 Minuten aus seinem praktischen Arbeitsalltag und macht nebenbei Reklame für eine handwerkliche Ausbildung als Alternative zum Hochschulstudium. Oder es erscheint ein Psychologe, der brauchbare Tips gibt, wie man Lernstress und Prüfungsangst vor Klassenarbeiten mit mentalen Tricks in den Griff kriegt. Geschäftsführer Ludwig Thiede sagt, er habe als Schüler die Vermittlung von Lebenswissen vermisst und möchte darum heute der Lebenstrainer sein, den er damals gebraucht hätte. Laut Eigendarstellung des gemeinnützigen Vereins geht es darum, Begegnungen zu schaffen, die Schüler neugierig auf Themen machen, mit denen sie sonst nicht in Berührung kommen, denn die vielgescholtene „GenZ“ sei tatsächlich viel aufgeschlossener und lernbereiter als ihr Ruf.
Technisch funktioniert das Projekt durch eine App, die freiwillige Lebenslehrer und Partnerschulen zusammenbringt. Dabei kommt es besonders auf kurzfristiges Einspringen an, denn oft weiß man bei Schulbeginn noch nicht, dass im Lauf des Vormittags eine Stunde ausfällt. Die Schule stellt die Vakanz online und wer gerade Zeit hat und in der Nähe ist, springt ein. Je mehr Teilnehmer, desto vielfältiger können die Unterrichtslücken gefüllt werden.
Auf www.lifeteachus.org können sich Interessierte informieren und anmelden. Natürlich erhalten die Freiwilligen auch eine pädagogische Einweisung. Grundsätzlich gibt es fünf Themenkomplexe: Leben, Karriere, Soziales, Globales und Gesundheit. Unter „Soziales“ können beispielsweise Zeitzeugenberichte, etwa über die DDR-Diktatur, fallen; unter „Gesundheit“ wäre Drogenprävention denkbar.
Es liegt an den Lehrern
Grundsätzlich ist das Programm absolut lobenswert. Aber es besteht die Gefahr, dass es Ideologen anzieht, die darin einen Türöffner für politische Indoktrination an Schulen sehen. Leider haben solche Gestalten ja oft Tagesfreizeit … Es liegt eben an den Lehrern, ob über „Bildungsgerechtigkeit“ und Klima-Blabla erzählt wird oder ob nützliche Inhalte vermittelt werden. Übrigens müssen alle Amateurlehrer ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorlegen.
Die meisten Partnerschulen gibt es bisher in NRW und Berlin. In ganz Deutschland sind es über 200. Die inzwischen mehr als zehntausend Lebenslehrer springen aber nicht nur in Vertretungsstunden ein, sondern können auch im Rahmen von Projekttagen oder als Ergänzung zum Fachunterricht gebucht werden. Ein Volkswirt, der den Schülern vermittelt, welche Effekte ein Mietendeckel tatsächlich hat, oder ein Unternehmer, der Lohnnebenkosten erklärt, oder ein Physiker, der erläutert, warum man eine Industrienation nicht mit Windrädern versorgen kann – das wäre durchaus ein Gewinn, angesichts der oft abstrakten Lehrplaninhalte.
Ziel sollte aber besser sein, die Zahl der Ausfallstunden wieder in den Griff zu kriegen. Das kann aber nicht an privaten Initiativen hängenbleiben.





