Christen, Feministen und Reem Alsalem, Uno-Sonderberichterstatterin für Gewalt gegen Frauen. Alle bei derselben Veranstaltung, alle einer Meinung. Freitag morgen im Haus der Bundespressekonferenz im Berliner Regierungsviertel. Thema: „Moderne Reproduktionsmedizin: minimal invasiv oder maximal belastend?“ Der Kongress wirft einen kritischen Blick auf das Thema Leihmutterschaft. Organisiert wird er von dem Verein „Aktion Lebensrecht für Alle“ (ALfA) und der Proktologie-Praxis „Minimal Invasiv Center“. Zu den Rednern gehören unter anderem der Chef der Rechtsabteilung der Anwaltskanzlei ADF, die sich für Religionsfreiheit, Lebensrecht, Menschen- und Völkerrecht weltweit engagiert, Felix Böllmann.
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Auch konservative Publizisten wie Birgit Kelle treten auf, ebenso wie die Juristin und Gründerin des Vereins „Frauenheldinnen“, Eva Engelken. Sie betont, beim Thema Abtreibung anderer Meinung zu sein als der Verein ALfA, jedoch sei es in der Frauenbewegung Tradition, in Einzelthemen „Alianzen um der Sache Willen“ zu schließen. Dann kommt Engelken zum Kern ihres Vortrags.
Bei einer Leihmutterschaft wird zunächst durch künstliche Befruchtung ein Embryo im Labor erzeugt. Dafür werden eine Eizelle – meist von der Käuferin oder einer Eizellenspenderin – und ein Spermium – meist vom Kauf-Vater oder einem Spender – zusammengebracht. Der entstandene Embryo wird dann in die Gebärmutter der Leihmutter eingesetzt, die das Kind austrägt. Genetisch ist das Kind also meistens nicht mit der Frau verwandt, die es neun Monate lang im Bauch trägt und anschließend gebärt.
Eine milliardenschwere Industrie
„In Deutschland ist Leihmutterschaft verboten. Und trotzdem können Sie an einem Wochenende wie diesem in Berlin eine Messe besuchen, auf der internationale Agenturen erklären, wie Sie mit Hilfe einer Leihmutter im Ausland – ganz legal und unproblematisch – ein Kind bekommen können.“ Hier käme Engelken ins Spiel, „strategische Prozessführung“ sei der Modus Operandi ihres Vereins.
Es sei fraglich, wie etwas, das in Deutschland gesetzlich verboten ist, legal beworben werden könne, betont Engelken mit Blick auf die für dieses Wochenende geplante Leihmutterschafts-Messe in Berlin.
„Unser Ziel ist es, Werbeplattformen auf dem Rechtsweg zu stoppen“, sagt Engelken. Die internationale Leihmutterschaftsindustrie erwirtschaftet Schätzungen zufolge Umsätze in Höhe von etwa 20 bis 30 Milliarden US-Dollar. Obwohl dieses Modell in den meisten westlichen Ländern verboten ist – mit Ausnahme von einigen US-Bundesstaaten, Tschechien und Griechenland – kommen schätzungsweise 20.- bis 30.000 Kinder jährlich auf diese Weise auf die Welt. Ein Kind kostet, je nach Land, in dem der Vorgang stattfindet und je nach Sonderwünschen der Käufer, zwischen 40.- und 200.000 US-Dollar.
Die Anbieter, die trotz eines Verbots dieser Praxis selbige in Deutschland bewerben, berufen sich dabei auf eine rechtliche Grauzone: man vermittle lediglich Informationen über Vorgänge, die im Ausland legal sind. Der Verein „Frauenheldinnen“ klagt derzeit vor dem Oberverwaltungsgericht Münster gegen eine solche Messe in Köln. Engelken und ihre Mitstreiter hoffen, damit einen Präzedenzfall für ein Verbot dieser Messen in der Bundesrepublik zu schaffen.
Uno-Berichterstatterin findet klare Worte
Reem Alsalem, Uno-Sonderberichterstatterin für Gewalt gegen Frauen, plädiert dafür, die Betreiber solcher Leihmutterschafts-Unternehmen vor Gericht zu stellen. Bereits im Oktober vergangenen Jahres hatte sie in einem Uno-Bericht zu dem Thema betont, eine formelle Zustimmung der Frau, die das Kind austrägt „macht Leihmutterschaft nicht ethisch Vertretbar“. Delikte wie „Menschenhandel, Organhandel, Sklaverei“ und andere seien unter keinen Umständen legitim. Auch die Definition von Sklaverei vor dem Völkerrecht enthalte keine Voraussetzung der unmittelbaren Nötigung.
Dementsprechend fordert sie auch ein weltweites Verbot des Verkaufs von Eizellen, des Kaufs der Kinder und Hilfe für Frauen, die in der Industrie arbeiten und aussteigen wollen. Ähnlich wie beim Nordischen Modell für Prostitution, das den Anspruch hat, Kunden zu bestrafen und Frauen zu beschützen, gehe es nicht um eine Kriminalisierung des Produkts an sich. Vielmehr gehe es darum, die Nachfrage auszutrocknen, so dass gar kein Markt mehr entstehen kann – ob legal oder illegal.
Kelle: Leihmutter-Messen sind Verkaufs-Veranstaltungen
Auch der katholische Theologe Peter Schallenberg positioniert sich deutlich gegen Leihmutterschaft. Das sei mit christlichen Werten und der Menschenwürde nicht vereinbar, denn der Mensch sei keine Ware. Eine Kinderpsychologin warnt vor den mentalen Schäden für Kinder, die erfahren, genetisch nicht von ihren vermeintlichen Eltern abzustammen.
Die Publizistin Birgit Kelle wagt „einen kleinen Rundumschlag“ mit Blick auf die Situation in Deutschland. Solange der Staat es durchgehen lasse, dass deutsche Bürger im Ausland ein Kind per Leihmutterschaft erwerben, „ist bei uns gar nichts verboten“, betont die vierfache Mutter. Sie selbst habe in der Vergangenheit als Journalistin an einer Leihmutter-Messe teilgenommen und sich an eine Verkaufsveranstaltung erinnert gefühlt. Nach einem kurzen Gespräch habe man ihr Einblick in die Datenbank für potentielle „Spenderinnen“ gewährt, wie die Leihmütter oft genannt werden „Das ist wie Tinder für gute Gene“, spottet Kelle. „Wie aus dem Katalog“ könne der Kunde dort blättern, um Leihmutter und Eizellenspenderin auszusuchen. Frauen würden dort wie Brutkästen betrachtet.
Bei der abschliessenden Podiumsdiskussion betont ALfA-Chefin Cornelia Kaminski, ihr sei es „wichtig gewesen, verschiedene Perspektiven“ zum Thema zu Wort kommen zu lassen. Sie habe auch Vertreter von Leihmutter-Organisationen eingeladen, die hätten aber ihre Teilnahme abgelehnt.






