Der russische Botschafter in Berlin spricht mit Botschaftern der Deutschen Presse-Agentur Er kritisiert die Absetzung des "Nußknackers" vom Spielplan des Berliner Staatsballetts Foto: picture alliance / Kay Nietfeld/dpa | Kay Nietfeld
Der russische Botschafter in Berlin spricht mit Botschaftern der Deutschen Presse-Agentur Er kritisiert die Absetzung des „Nußknackers“ vom Spielplan des Berliner Staatsballetts Foto: picture alliance / Kay Nietfeld/dpa | Kay Nietfeld

Sergej Netschajew
 

Russischer Botschafter kritisiert „Nußknacker“-Absetzung

BERLIN. Der russische Botschafter in Deutschland, Sergej Netschajew, hat die Absetzung des „Nußknackers“ vom Spielplan des Berliner Staatsballetts kritisiert. „Das Ausradieren in den Programmheften erinnert schmerzlich an wohlbekannte Entwicklungen aus der Vergangenheit und kann nur noch Besorgnis erregen“, mahnte er am Mittwoch in einem Beitrag für die Berliner Zeitung. Auch die stattdessen angekündigte „Don Qijote“-Aufführung enthalte „beleidigende Andeutungen“.

Gleichzeitig betonte der Diplomat: „Es ist beruhigend, daß die Cancel-Culture, die in Deutschland an Fahrt gewinnt, nicht der mehrheitlich tatsächlichen Stimmung der Bevölkerung entspricht.“ Radikale Interpretationen politischer Korrektheit wirkten nach wie vor auf viele Menschen abstoßend. Das Berliner Publikum könne sich über die diesjährige Absetzung des Tschaikowski-Balletts mit erstklassigen Übertragungen aus Rußland hinwegtrösten.

Staatsballett Berlin diskutiert Verbot von Ballett-Klassikern

Vergangene Woche hatte das Staatsballett mitgeteilt, den „Nußknacker“ wegen stereotyper Darstellungsformen in dieser Saison nicht aufzuführen. „Es hat sich gezeigt, daß einige Passagen in unserer derzeitigen Nußknacker-Version – eine Rekonstruktion des Originals von 1892 – als abwertend empfunden werden können. Zum Beispiel basieren Kostüme des chinesischen Tanzes auf Kostümzeichnungen von damals, die eine karikaturistische Note haben, die nichts mit authentischer chinesischer Kultur gemein haben, damit Stereotypen untermauern“, begründete das Ensemble die Entscheidung. Bereits 2015 habe es aus dem Publikum Beschwerden gegeben, die man ernst habe nehmen wollen.

Unter dem Titel „Balletts For Future?“ hatte das Staatsballett auch zuvor schon in einem Podcast darüber diskutieren lassen, ob man als Ballett-Klassiker verbieten, zensieren oder bloß kommentieren sollte. „Die sogenannten drei C`s: ‘Cancel Culture’, ‘Censorship’ und ‘Contextualization’ stehen zur Debatte“, erläuterte das Tanzensemble sein Diskussionsformat.

Zu den eingeladenen Gästen zählte auch der transsexuelle Tänzer Black Pearl de Almyeda Lima, der ein Verbot von Ballett-Klassikern forderte. „Warum zeigen wir diese Ballette noch? Wir sollten nicht an einer Tradition festhalten, wenn diese Tradition Menschen verletzt“, unterstrich der Künstler. (fw)

Der russische Botschafter in Berlin spricht mit Botschaftern der Deutschen Presse-Agentur Er kritisiert die Absetzung des „Nußknackers“ vom Spielplan des Berliner Staatsballetts Foto: picture alliance / Kay Nietfeld/dpa | Kay Nietfeld
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