Die Gesetzgebung liegt bei den Ländern, soweit das Grundgesetz nichts anderes vorsieht – so steht es bis heute in der Verfassung. Man muss nicht regelmäßig Zeitung lesen, um zu wissen, dass das nicht stimmt. Seit Jahren betreiben der Bund und die Länder einen Tauschhandel, der immer nach derselben Regel abläuft: getauscht wird Geld gegen Kompetenzen. Mit der Folge, dass die Bundesregierung so gut wie überall das Sagen hat.
Auch das letzte Reservat der Länder, die Zuständigkeit für Bildung, Wissenschaft und Forschung, zählt mittlerweile zu den Gemeinschaftsaufgaben, bei denen der Bund den Ton angibt. Denn der Bund hat Geld, und Geld ist Macht.
Angela Merkel war damit immer noch nicht zufrieden. Gewiss war der Bund in den Gremien der großen Forschungsförderungs-Organisationen, allen voran der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Max-Planck-Gesellschaft, würdig vertreten.
Sie wollten das gleiche wie Frau Merkel
Doch musste er dort mit eigenwilligen Männern wie Wolfgang Frühwald rechnen, der sich über die Datensammelwut seiner Kollegen öffentlich mokierte; oder mit dem Astrophysiker und Wissenschaftsmanager Reimar Lüst, der es gewagt hatte, das Institut für die Erforschung der Lebensbedingungen in der wissenschaftlich-technischen Welt, das sich Carl Friedrich von Weizsäcker und Jürgen Habermas in Starnberg, wo sie wohnten, vor die Haustür hatten setzen lassen, wieder zu schließen. Das war zwar teuer, hat Abfindungen in Millionenhöhe nach sich gezogen, zur Verteidigung einer seriösen, gegenstandsbezogenen Wissenschaft aber sicherlich nicht zu teuer.
Als Einfallstor für Frau Merkels Ehrgeiz erwiesen sich die Akademien, Enklaven im deutschen Wissenschaftsbetrieb, in denen sich die Länder behauptet hatten. Zwar hatten sich die sieben Zwerge, wie sie betriebsintern genannt wurden, zu einer Union zusammengeschlossen, aber das reichte nicht, um ihnen Gewicht zu verleihen. Sie sprachen nicht in jenem schlichten, allwissenden Tonfall, den Forschungsreisende aus Russland, Innovationsgurus aus China oder Wissenschaftsvertreter aus Neuguinea gewohnt waren und den sie auch in Deutschland zu vernehmen hofften, wenn sie dort zu Besuch waren. Sie wollten eine zentrale Instanz, und die wollte Frau Merkel auch.
Sachsen-Anhalt war dringend auf Hilfe angewiesen
Eine Zeitlang hatte sich die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Nachfolgerin der von Leibniz begründeten Gelehrtengesellschaft, in dieser Rolle versucht. Sie war am Regierungssitz zu Hause, also leicht erreichbar, besaß ein repräsentatives Gebäude am Gendarmenmarkt, war mit ihren geisteswissenschaftlichen Wurzeln aber nicht transdisziplinär genug, um den modernen Ansprüchen zu genügen. Überdies war sie Mitglied der erwähnten Union, die Länder hatten also einen Fuß in der Tür, und damit war sie verdächtig.

Die Wiederbelebung der Leopoldina, ehemals Gesellschaft der Naturforscher, deren Gründung auf das Jahr 1652 zurückgeht, versprach erheblich mehr. Zuständig für die Naturwissenschaften, konnte sie auch deren angewandten Arm, die Technik bedienen. Überdies lag sie mit ihrem Stammsitz Halle gleich neben dem berüchtigten Chemiedreieck, jener traurigen, vergifteten Industrielandschaft, die der real existierende Sozialismus hinterlassen hatte; in ihrem Roman „Flugasche“ hat Monika Maron sie anschaulich beschrieben. Sachsen-Anhalt war dringend auf Hilfe angewiesen – und damit reif für den Zugriff von oben. Im Juli 2008 wurde die Leopoldina zur Nationalen Akademie der Wissenschaften erklärt.
Die Corona-Jahre waren die Generalprobe
So geriet eine ehrwürdige, schon halb vergessene Einrichtung zum Spekulationsobjekt der Regional- und der Wissenschaftspolitik. Der Finanzierungsschlüssel sieht vor, dass achtzig Prozent der Kosten vom Bund zu tragen sind, der Rest vom Land – eine Aufteilung, die aber nur pro forma gelten dürfte, weil das Land Sachsen-Anhalt notorisch klamm und auf Zuweisungen aus Berlin dringend angewiesen ist. Die Nationale Akademie, jetzt war sie möglich, am richtigen Platz, mit klangvollem Namen. Und fest in der Hand des Bundes.
Dass sie in Halle residiert, hat dekorative Gründe. Sie schmückt sich gern mit einer Tradition, die sie längst hinter sich gelassen hat. Wie alle Chefs weiß auch die Präsidentin, dass man in Berlin präsent sein muss, um etwas zu erreichen. Tatsächlich ist die Leopoldina denn auch gleich zweimal am Regierungssitz vertreten, in der Reinhardtstraße und Unter den Linden. Die seit März 2025 amtierende Wirtschaftswissenschaftlerin Bettina Rockenbach schätzt die kurzen Wege, die nötig sind, um überall pünktlich zur Stelle zu sein.
Die Corona-Jahre waren die Generalprobe, die von der Leopoldina glänzend bestanden worden ist. Gleich in den ersten Monaten tat sie sich mit sieben Stellungnahmen hervor, eine dramatischer als die andere. Der Höhepunkt war mit ihrer Weihnachtsbotschaft erreicht, in der sie den harten Lockdown verlangte und dafür warb, die Festtage für eine Verschärfung der Kontaktsperre zu nutzen – alles im Namen der Wissenschaft.
Damit ist Deutschland fit für die Zukunft
Mit ihren rund 1.700 Mitgliedern, verteilt auf die halbe Welt, ist die Leopoldina für jede wissenschaftliche Arbeit viel zu groß. Sie soll ja auch nicht wissenschaftlich arbeiten, sie soll wissenschaftlich verteidigen, gutheißen, absegnen – und das tut sie. Unter ihren zahlreichen Mitgliedern werden sich immer ein paar Hilfswillige finden, die genau das meinen, was die Regierung auch meint. Zu den Corona-Expert*innen, die der Bundesregierung zum harten Durchgriff rieten, zählten neben der unvermeidlichen Medizinethikerin Alena Buyx auch Lothar Wieler, weisungsgebundener Chef des Robert-Koch-Instituts, und Christian Drosten, der als Virologe an der Charité in Berlin seine eigenen Interessen vertrat, als er vorgab, andere zu vertreten.
Auf solche Experten wird Frau Rockenbach auch in Zukunft bauen können. Sie will die Wissenschaft planen, Forschung und Innovation strategisch ausrichten, auf vier oder fünf Jahre hinaus. Das kostet Geld, und das verlangt sie auch, vom Bund natürlich, da das Land keins hat.
Sie warnt vor der Gefahr, die Freiheit der Wissenschaft durch falsche Sparsamkeit, durch eine Begrenzung der finanziellen Zuwendungen auszuhebeln; denn frei ist die Wissenschaft eben nur dann, wenn sie wie jede NGO vom Staat subventioniert wird. Dann fällt sie nicht den Falschen, sondern den Richtigen in die Hände, und damit ist der Wissenschaftsstandort Deutschland fit für die Zukunft.





