"Cuties"-Regisseurin Maïmouna Doucouré während des Sundance Film Festivals im Januar 2020 Foto: picture alliance/AP/Invision
„Cuties“-Regisseurin Maïmouna Doucouré während des Sundance Film Festivals im Januar 2020 Foto: picture alliance/AP/Invision
Kritik an Streaming-Portal Netflix

„Cuties“: Wenn Voyeurismus Aufklärung sein soll

Elfjährige Mädchen in knappen Pants und bauchfreien Tops tanzen und räkeln sich auf der Bühne. Gesten sexueller Verfügbarkeit wie in einem Hip Hop-Video. Im Publikum die Mütter der Mädchen, teils mit Kopftuch und Schleier. „Was für ein Kulturschock“, findet die Regisseurin Maïmouna Doucouré. Diese Szene auf einem Straßenfest in Paris sei der Impuls zu ihrem Film „Cuties“ gewesen, berichtet sie in einem Interview mit cineuropa.

Es soll ein kompromißloses Porträt dieser hypersexualisierten Mädchenkultur werden. Die Filmemacherin will eintauchen in die Welt der Mädchen, zeigen wie sie sind, ihnen zuhören, sie verstehen – und eine Debatte anstoßen.

Als das Streaming-Portal Netflix Doucourés Film „Mignonnes“, der im Januar 2020 auf dem Sundance Filmfestival Premiere feierte, unter dem Titel „Cuties“ als Stream ankündigt, ist die Debatte da, und was für eine. Netflix hatte voll auf die Sex Sells-Karte gesetzt und für „Cuties“ eine entsprechend provokante Plakat- und Trailer-Kampagne veröffentlicht.

Petitionen gegen Netflix ließen nicht lange auf sich warten. Sogar die ehemalige Pornodarstellerin Jenna Jameson rief zum Boykott des Films auf. Netflix hat sich entschuldigt, das Plakat geändert und sieht dem Filmstart im September munter entgegen. Der Aufregung sei Dank.

Protagonistin pendelt zwischen den Extremen

Wie sexualisiert wachsen Mädchen auf? Darf man minderjährige Mädchen filmen, die wie Stripperinnen tanzen, und diesen Film einem breiten Publikum zeigen? Wie glaubwürdig ist es, eine Debatte über Sexualisierung anstoßen zu wollen und zugleich mit voyeuristischer Kameraführung Geld zu verdienen? Viele Fragen.

Zunächst zum Film: Die elfjährige Amy zieht mit ihrer Mutter und zwei Brüdern aus dem Senegal nach Paris. An ihrer neuen Schule fällt ihr eine Mädchenclique auf, die sich die „Cuties“ nennen und dies eindeutig sexuell meinen. Kurze Röcke, Gerede über Sex, Pornos im Internet, aufreizende Selfies in den sozialen Medien und Proben für Tanzwettbewerbe bestimmen den Schulalltag.

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Amy ist fasziniert und schließt sich den Cuties an, während es daheim streng moslemisch zugeht. Hier stehen Gebetstreffen auf der Tagesordnung, die Vorbereitung der Mädchen auf Gehorsam in der Ehe und die Planung einer Hochzeit: Amys Vater und seine zukünftige Zweitfrau kommen nach Paris.

Amys Mutter soll die Vermählung ausrichten und das schönste Zimmer in der kleinen Wohnung vorbereiten. Just am Tage der Hochzeit soll das finale Vortanzen stattfinden. Amy pendelt zwischen den Extremen, schafft aber beide Termine. Der moslemische Vater kann heiraten und beim Tanzfinale sind die westlichen Männer begeistert von Amy und ihren Cuties. Verletzt und empört sind jeweils nur die Frauen.

Der Islam wird in „Cuties“ ausgeklammert

Genauso plump wie der Plot ist die politische Lesart, die die Religion mal eben ausklammert: Frauen sind gut, Männer böse. Wenn Amy sich einer „Mädchentanzgruppe“ anschließt, wie etwa die Rheinische Post schreibt, um ihrem „konservativen Haushalt“ zu entfliehen und „gegen die Traditionen ihrer Familie“ zu rebellieren, dann ist das etwa so, als ob in einem Täterprofil dieser Tage von „einem Mann“ die Rede ist.

Eingeschränkt ist auch der feministische Blick auf die Sexualisierung von Mädchen – von „sexuell empowerment“ ist da die Rede: selbstbewußte Mädels, die heute so freizügig leben und Normen brechen können, wie sie wollen. Dumm nur, daß Männern das gefällt und die Mädchen dabei irgendwie zum „Objekt“ werden.

Eine Debatte gelingt nicht

Die in Cuties gezeigte (Selbst-)Sexualisierung von sehr jungen Mädchen ist keine Übertreibung. Die Hip Hop-Gruppen und zahllose, selbstgedrehte Online-Videos sind voll von kleinen Mädchen, die ihrem Gehabe nach allesamt den Cast bestanden hätten.

Doucouré provoziert, weil sie zeigt, wie es ist. Kein dokumentarisch zurückhaltender Kameraschwenk, keine rührende Erzählung wie bei „Little Miss Sunshine“, die die pädophile Modelshow nur andeutet – stattdessen sich windende Mädchenkörper in Nahaufnahme. Doucouré potenziert, was sie zu kritisieren vorgibt.

Sie schafft eine viel größere Bühne als damals auf dem Straßenfest in Paris und idealisiert Amy als Rebellin. Die Cuties bestätigen die Lebenswelt des Netflix-Publikums anstatt diese in Frage zu stellen. Eine Debatte über die Ursachen und Mechanismen von Sexualisierung kann so nicht gelingen.

„Cuties“-Regisseurin Maïmouna Doucouré während des Sundance Film Festivals im Januar 2020 Foto: picture alliance/AP/Invision

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