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Familienpolitik
 

Feminismus-Streit zwischen Schwarzer und Schröder

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Alt-Feministin Alice Schwarzer gegen…
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…Bundesfamilienministerin Kristina Schröder: Emanzipation der Tochtergeneration? Fotos: Wikipedia/Manfred Werner/Kristina Schröder

Feminismus-Ikone Alice Schwarzer hat in einem „Offenen Brief“ Ministerin Kristina Schröder kritisiert und ihr jegliche familienpolitische Kompetenz abgesprochen. Einen „bizarren Sex-Streit“ beschwor die Bild herauf, andere Medien sprachen von „Zickenkrieg“ und „Seifenoper“, von „Stutenbissigkeit“ war die Rede, und davon, daß beide Kontrahentinnen einfach nur „nerven“.

Angesichts solcher Etikettierungen könnte man beinahe tatsächlich von patriarchalischer Herablassung reden – wenn es denn Männer gewesen wären, die solche Titeleien verantworteten. Berüchtigt ist die Äußerung des damaligen Kanzlers Gerhard Schröder, der familienpolitische Überlegungen als „Gedöns“ abtat.

Familienpolitik als Kerngeschäft

Spätere Debatten (Demographie, Arbeitspolitik) hingegen zeigten, daß diese Themen zum politischen Kerngeschäft gehören. Wenn die Auseinandersetzung zwischen der Familienministerin und Schwarzer ein Streit zwischen „Zicken“ ist, dann wären alle widerstreitenden männlichen Politiker und Lobbyisten „Kampfgockel“ oder „Brunfthirsche“ – und jede Debatte von Beginn an ad absurdum geführt.

Um was geht es wirklich? Kristina Schröder hat Redakteuren des Spiegel in einem kritischen, mit hämischen Untertönen geführten Interview Auskunft gegeben über ihre Sicht zu Frauenquoten, zur mutmaßlichen Benachteiligung von Jungen und über ihr eigenes „Rollenverhalten. Auch zu Alice Schwarzer wurde sie befragt. Schröder äußerte sich respektvoll über Schwarzers Bücher, die sie als „sehr pointiert und lesenwert“ lobte, befand aber, daß Schwarzer mit „etlichen Thesen zu weit“ gegangen sei; etwa damit, daß heterosexueller Geschlechtsverkehr ohne Unterwerfung kaum möglich sei.

Kindergärtner und Lehrer gesellschaftlich nicht anerkannt?

Schwarzer antwortete umgehend mit einem scharfzüngigen „Offenen Brief“. Darin klagt sie, daß die Ministerin „Stammtischparolen reproduziere“ und „hanebüchenen Unsinn“ von sich gebe – allein deshalb „hanebüchen“, weil Schröder sich auf Aussagen beziehe, die Schwarzer 1975, also „zwei Jahre vor Ihrer (Schröders, E.K.) Geburt“ geschrieben habe. Daß Schwarzer ihre alten Einlässe regelmäßig als „Dokumentationen“ in der Emma druckt und zwischen frische Buchdeckel pressen läßt – keine Rede davon!

Weiter wettert Schwarzer, die von Schröder kritisierte „Feminisierung pädagogischer Berufe“ liege daran, daß „Kindergärtner und Lehrer schlecht bezahlte und gesellschaftlich nicht anerkannte (!) Berufe seien“. Schwarzer möchte der Ministerin eigentlich „noch vieles sagen“. Tut sie aber nicht, denn: „Darf ich offen sein? Ich halte Sie für schlicht ungeeignet. Zumindest für diesen Posten. Vielleicht sollten Sie Presse-Sprecherin der neuen, alten so medienwirksam agierenden, rechtskonservativen Männerbünde werden.“ >>

Das diskreditierende Schreiben konnte aus mehreren Gründen kaum überraschen: Schwarzer versendet gern „Offene Briefe“, in diesem Medium fühlt sie sich so obenauf wie sonst nur in Talkshows oder in ihrer Rolle als fröhliche Ratetante in Quizsendungen. Daß es zum Eklat kommen würde zwischen ihr und Schröder, war absehbar. Mit anderen CDU-„Alphaweibchen“ gab’s in den vergangenen Jahren ausführlich-heitere Interviews – Schavan, von der Leyen, Merkel – und gar gemeinsame Initiativen; zur Personalie Schröder lieferte die Emma nur Süffisantes.

In der letzten Ausgabe schlagzeilte sie damit, daß Schröder „frei von Kompetenz beim Thema Mißbrauch“ sei. Als „eingeknickt“ hatte das Blatt sie bereits deshalb bezeichnet, weil sich die Ministerin auf die „Mogelpackung“ einließ, nach ihrer Heirat den Namen des Mannes anzunehmen. Der Emma-Frühlingsausgabe war es zwei volle Seiten wert, hinzuweisen, daß „das Recht von Ehefrauen auf den eigenen Namen genauso hart erkämpft ist wie alle anderen Rechte, die Frauen heutzutage in Ehen haben“.

Tochtergeneration gegen eine Feministin im Rentenalter

Die Klage, daß die Töchtergeneration undankbar mit solchen feministischen Errungenschaften umgehe, ist seit Jahren virulent in Schwarzers Blatt. „Eine Emanzipation vom Mutterboden der Emanzipation? Nicht mit Alice Schwarzer!“ schrieb die FAZ, die selbst Schwarzer regelmäßig und großräumig zu Wort kommen läßt.

Schwarzer, kinderlos, wird in zwei Wochen 68, die 33jährige Ministerin könnte ihre Tochter sein und sieht sich nun in der Situation, als Angehörige der Töchtergeneration eine Art Stellvertreterkrieg gegen Schwarzer führen zu müssen.

In der Tat ist Schröder die erste Familienministerin seit 1968 (nach dem Abtreten des mustergültigen Franz-Josef Wuermeling und seines Nachfolgers Bruno Heck), die die progressive Richtung ihrer Amtsvorgänger nicht weiterzutreiben scheint. Während ihre CDU-Vorgänger wie von der Leyen, Süssmuth und Geißler als Linksausleger selbst bei der Opposition Sympathiepunkte gutmachen konnten, schüttelt man dort über die jetzige Ministerin („das Mädchen“) geschlossen die Köpfe.

Schröder schärft ihr konservatives Profil

Ein kinderloses Paar mag Schröder – selbst noch kinderlos – nicht „Familie“ nennen, Quoten bedeuten für sie eine „Kapitulation der Politik“, zur Gender-Ideologie hat sie wenig Bezug. Männer und Frauen hätten im Schnitt unterschiedliche Fähigkeiten, die altfeministische Theorie, daß das Geschlecht im wesentlichen von der Umwelt geschaffen werde, überzeuge sie nicht.

Mit ihrem erstaunlich souveränen Spiegel-Interview nun hat die promovierte Politikwissenschaftlerin ihr konservatives Profil geschärft. Sie als reaktionär zu schelten – oder: eine völlige Abkehr von feministischen Gemeinplätzen zu beklatschen – ginge gleichwohl an der Sache vorbei. Schröder, die sich vor Monaten für eine verstärkte Umschulung arbeitsloser Männer zu Kindergärtnern ausgesprochen hat, findet etwa, daß Frauen in der Berufswelt zu bescheiden agierten und dazu neigten, „sich beliebt“ machen zu wollen. Sie mutmaßt, daß es zu schnelleren Entscheidungen käme, wenn „nur Frauen in den Konferenzräumen“ säßen und bekundet schließlich, daß ihre eigene Karriere in vorfeministischen Zeiten nicht möglich gewesen wäre. 

Schröder betreibt das, was in Schwarzers Emma verächtlich „Feminismus light“ geschimpft wird. Und wenn Schwarzer losknüppelt, gibt es kein Erbarmen, siehe Eva Herman, siehe Esther Vilar. Kristina Schröder hat fürs erste hübsch gekontert. Inwiefern sie ihre Lektion gelernt hat, wird sich zeigen.

(JF 47/10)

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