Unsere Muslime und wir

Der Islam tut das, was eben im Wesen einer großen, vitalen Religion liegt: Er versucht sich auszubreiten und zu missionieren. Die muslimischen Zuwanderer zu kritisieren, weil sie ihre Parallelgesellschaften implantieren, ist deshalb bloß geschmäcklerisch. Vor fünfzehn Jahren hatte Botho Strauß im „Anschwellenden Bocksgesang“ geschrieben: „Daß ein Volk sein Sittengesetz gegen andere behaupten will und dafür bereit ist, Blutopfer zu bringen, das verstehen wir nicht mehr und halten es in unserer liberal-libertären Selbstbezogenheit für falsch und verwerflich.“ Um so schlimmer für die Selbstbezogenen. Ihre Ignoranz öffnet kraftvolleren Religionen und Völkern die Tür. Entscheidend ist schließlich, wie man sich dazu verhält, wenn fremde Sitten Einlaß begehren, sich auszubreiten beginnen, erst Gleichberechtigung, dann Hegemonie beanspruchen. Der deutsche Staat hat das geduldet und obendrein subventioniert. Die Funktionseliten haben sich die Entwicklung natürlich anders vorgestellt. Nun, da die Situation angerichtet ist, wollen sie die Debatte darüber mit aller Macht verhindern, denn sie könnte zu ihrer Delegitimierung führen. Seit Köln ist offenbar, daß sie sich dazu auch des Mob bedienen. Versuchen wir eine sozial-psychologische, eine verfassungsgeschichtliche und eine nationalpolitische Deutung der Lage. In der Kommentarfunktion der taz schrieb ein Kölner Student, „rohe Gewalt, Einschüchterung von Andersdenkenden, öffentliche Demütigung politischer Gegner, Vernichtung der Existenzgrundlage von erklärten ‘Feinden’“ seien die üblichen „Methoden der örtlichen Antifa und Uni-Linken“. Die sicherste Möglichkeit, seine Karriere in der Medienstadt Köln zu beenden, sei es, „öffentlich eine Meinung kundzutun, die auch nur etwas von linker Ideologie abweicht. Ich habe Freunde, die bei örtlichen Medien arbeiten, und im privaten Kreis das genaue Gegenteil dessen sagen, was sie von WDR und DuMont (Besitzer der Regionalpresse — T. H.) bezahlt werden zu sagen. Sie tun es aus blanker Angst, ansonsten den Job zu verlieren. Wenn das keine Anzeichen eines neuen, roten Faschismus sind, was dann?“ Damit sind die Bedingungen umrissen, durch die Politiker, Journalisten und Politik-Experten konditioniert werden und die das öffentliche Leben strukturieren. Die politisch-mediale Leitkultur der BRD wird heute von einem Typus repräsentiert, wie ihn Heinrich Mann in seinen Romanen „Professor Unrat“ und „Der Untertan“ geschildert hat: einerseits rechthaberisch, geifernd, autoritär, zur Gewalttätigkeit neigend, nach unten tretend, andererseits ängstlich, opportunistisch, autoritätshörig, nach oben buckelnd. Im Nationalsozialismus zusätzlich brutalisiert, sollte dieser Typus nach dem Zweiten Weltkrieg in beiden deutschen Staaten erklärtermaßen überwunden werden. Doch unter dem Vorzeichen eines rigiden Antifaschismus reproduzierte er sich neu, sehr simpel in der DDR, komplexer im Westen, weil er dort lernte, pluralistisch zu argumentieren. Seine Immunisierung gegen Kritik und Selbstkritik ist um so stärker. Auf jeden Fall kehrt er eine Pitbull-Mentalität hervor, sobald Widerspruch seitens Schwächerer erfolgt. Droht ihm selber die Position des Schwächeren, wird er zum anschmiegsamen Mops. (Das gilt sogar für die prügelnde Antifa, die sich niemals mit gewalttätigen Moslem-Gruppen anlegen würde.) Bei Nordrhein-Westfalens „Integrationsminister“ Armin Laschet (CDU) überwiegt der Mops-Charakter, doch er kann auch anders. Die Vorgänge in Köln nannte er einen „breiten bürgerlichen Widerstand“. Erstmals habe „eine ganze Stadt“ sich „schützend vor ihre Muslime“ gestellt — „ihre“ Muslime! Possessivpronomen werden benutzt, um eine Zugehörigkeit auszudrücken. Laschet dekretiert den Deutschen, die niemals zur muslimischen Zuwanderung befragt wurden, diese als Teil ihrer selbst zu betrachten. Zweitens dient das Pronomen dazu, um Eigentumsverhältnisse, mithin Hierarchien, zu benennen. „Ihre“ (bzw. „unsere“) Muslime heißt demnach auch: Wir haben die Sache im Griff! Und hier gehen Betrug und Selbstbetrug nahtlos ineinander über. Laschet weiß, daß die Muslime in den unteren Alterskohorten vieler Großstädte die Mehrheit bilden und im öffentlichen Raum die Spielregeln vorgeben. Seine Teilnahme an einer um eine Moschee gelegte Menschenkette war deshalb weniger Ausdruck staatlichen oder bürgerschaftlichen Patronats, sondern potentiell eine Unterwerfungsgeste. Nach der islamischen Wende in Deutschland wird man sich wundern, wie viele der Politiker, Journalisten, Anti-Rechts-Experten, die heute die beinharten Demokraten geben, ihr frühes, heimliches, tiefes Leid an der schrecklichen, scharialosen Systemzeit öffentlich machen und ihr Verhalten wie in der Causa Köln als Widerstandsleistung herausstreichen werden, die sie für neue Aufgaben (und Privilegien) qualifiziert. Diesem inferioren Menschenschlag bietet die Politik deshalb ein weites Betätigungsfeld, weil in der BRD keine Staatsräson, kein geschichtlich begründetes Deutschland, kein deutsches Volk die entscheidende Bezugsgrößen mehr sind. Des Deutschen Vaterland erschöpft sich in der Verfassung. Der Verfassungsrechtler Josef Isensee hat dargelegt, wie der Weg vom Verfassungspietismus zum Verfassungsmessianismus und dann zum Verfassungszelotismus führt. Das Grundgesetz wird zur säkularen Stätte der unerfüllten Religiosität, mit heiligem Eifer wird darum gerungen, seine Erlösungsbotschaft gegen reaktionäre Scheindemokraten, freiheitsfeindliche Häretiker und demokratische Minimalisten zu verteidigen und zu verwirklichen. Damit gerät die Verfassungsauslegung „in den Sog der konkurrierenden Ideologien und Interessen“, wird zum Tummelplatz der Rechtgläubigen, der subalternen Entlarver und Inquisitoren — eines intellektuellen Mob. Da die Hegemonie linker und liberaler Ideologien in Deutschland total ist, sind ihre Vertreter in der Lage, ihr eigenes Ideal zu verwirklichen, in dem Rechte keinerlei Rechte mehr besitzen, und das auch noch unwidersprochen als Erfüllung des Verfassungsauftrages zu feiern. Zum dritten, nationalpolitischen Aspekt. Nach den Kölner Ereignissen veröffentlichte der Berliner Tagesspiegel einen beispielhaften Kommentar, der behauptete, nicht die Muslime bedrohten die Gesellschaft, „die immer noch viel zu weiß, männlich, europäisch dominiert ist“, sondern der „vor- und antidemokratische“ Umgang mit ihnen. Aus dem Text sprachen Furcht und die Lust an der Selbstaufgabe und -auslöschung (die im Antifa-Ruf „Deutschland verrecke!“ ihren vulgärsten Ausdruck hat). Entspringen diese Anwandlungen nicht auch einem langen Gefühl politisch-historischer Vergeblichkeit? Das von Bismarck gegründete Reich war zu groß und zentral, um sich in einem geschützten Winkel der Weltpolitik seiner saturierten Existenz zu erfreuen. Es war aber auch zu klein, um den Weltmächten die Waage zu halten. Der unlösbare politische Existenzkonflikt begünstigte eine Mentalität, in der Selbstauslöschungs- und Überwältigungsgedanken ein unheimliches Zwillingspaar bildeten und den Blick für die Realitäten trübten. Den Höhepunkt bildete Hitler, der im Frühjahr 1941 erklärte, wenn „Barbarossa“ — die blitzartige Überwältigung der Sowjetunion — mißlinge, sei sowieso alles verloren. Der Historiker Ludwig Dehio schrieb, im Dritten Reich habe „zum ersten Male eine der großen Nationen, und eine noch rüstige und lebensvolle, mit dem Tode“ gerungen. Nur die Antike biete echte Parallelen. Im Zweiten Weltkrieg endgültig überwältigt, durften beide deutsche Staaten am Sieg ihrer Überwältiger teilhaben — wenn sie in Kauf nahmen, als Vorhut der entzweiten Sieger gegen sich selber zu kämpfen und sich selber auszulöschen! Diese Synthese aus Selbstauslöschung- und Überwältigungstrieb ist bis heute unverarbeitet und ein Erbteil des deutschen Einheitsstaates. Ist es da ein Wunder, daß er keine Kraft mehr hat, einer Herausforderung wie den Islam entgegenzutreten, und einem geheimen Wunsch zu folgen scheint, es möge mit ihm selber ein Ende haben? Foto: NRW-Integrationsminister Armin Laschet (CDU): Mops-Charakter am Ende der deutschen Geschichte

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