Joachim Kuhs

 

Widerstand vom Discounter

Die Teilnehmer der Menschenkette am 13. Februar in Dresden hatten sich Weiße Rosen ans Revers geheftet. Der Preis betrug zwei Euro, wovon 75 Cent als Spende an die „Stiftung Toleranz“ gehen. Das gute Gewissen ist billig zu haben. „Weiße Rose“ hieß die Widerstandsgruppe der Geschwister Scholl. Die Scholls waren zuerst selbst Anhänger des Nationalsozialismus, weil sie – aus begütertem Hause stammend – sich über die Not empörten, unter der viele Altersgefährten litten. Hitler versprach, mit ihr Schluß zu machen. Sie änderten ihre Meinung radikal, nicht weil es Mode oder mehrheitsfähig war, sondern weil ihr Gewissen es ihnen gebot. Mit der Entscheidung stellten sie sich an die „Schafott-Front“ (Günter Weisenborn) gegen einen übermächtigen Staat. Der Preis, den sie zahlten, ist bekannt.

Die Teilnehmer der Menschenkette riskierten gar nichts! Gleiches trifft auf die militanten Antifas zu, die unter dem Motto „Dresden Nazifrei“ einen Gedenkmarsch rechtswidrig blockierten. Sie hatten alles auf ihrer Seite, was die Scholls gegen sich hatten: Den Staat, die Partei(en), die Medien. Ihrem Auftritt fehlte der existentielle Ernst, die Majestät der Todesgefahr. Es war ein Kinderfasching, veranstaltet von Erwachsenen: Anstaltsinsassen halt, die sich am eigenen Schwachsinn begeistern.

Das pünktliche Erscheinen am Arbeitsplatz als faschistische Zumutung

Es gäbe viele Gründe für Protest: Der EU-Moloch, die Vernichtung des Volksvermögens durch den Euro, die Medienlügen und GEZ-Arroganz, die Landnahme in Deutschland. Die Demonstrierer begnügten sich damit, ihren Frustrationsstau auf der Spielwiese „Kampf gegen rechts“ abzulassen. Walter Benjamin beschäftigte in den 1930er Jahren der Zusammenhang zwischen dem Verfehlen der eigenen Lage und der Verführung durch staatlich offerierte Sinnangebote. Der Faschismus, schrieb er, „sieht sein Heil darin, die Massen zu ihrem Ausdruck (beileibe nicht zu ihrem Recht) kommen zu lassen. Die Massen haben ein Recht auf Veränderung der Eigentumsverhältnisse; der Faschismus sucht ihnen einen Ausdruck in deren Konservierung zu geben. Der Faschismus läuft folgerecht auf eine Ästhetisierung des politischen Lebens hinaus.“

Auch die Dresdner Blockaden sind eine Ästhetisierung des Politischen. Man muß freilich die Fehler der 68er vermeiden und sich vor simplen Analogieschlüssen hüten. Die hatten den Faschismus-Begriff unendlich ausgeweitet und bereits die Kultur- und Konsumindustrie als faschistisch bezeichnet. Heute ästhetisieren sich Faulpelze zu Bohemiens, indem sie das pünktliche Erscheinen am Arbeitsplatz als faschistische Zumutung anprangern. Eine qualitative Veränderung aber ist tatsächlich erreicht, wenn staatliche Institutionen, Politiker und Medien unisono die physische Gewalt von Rechtsbrechern rechtfertigen und einkalkulieren, um Macht- und Diskursverhältnisse zu stabilisieren; wenn die Polizei mit der Vollzugsmeldung „Dresden ist nahezu nazifrei“ deren antifaschistisch gewendete Lingua Tertii Imperii übernimmt.

Der ethnische Umbau der Stadt als Buße

Die Ansprachen und Presseerklärungen der Dresdner Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) zum  13. Februar enthielten die erwartbaren Sprachfertigteile: Mut, Toleranz, Respekt, Diskriminierung, Fremdenfeindlichkeit, Weltoffenheit etc.. Die Menschenkette sei ein Symbol dafür, daß Dresden und seine Geschichte den Bürgern der Stadt gehöre. „Ich finde es wunderbar, daß Dresdner Kinder es als selbstverständlich empfinden können, auf der Straße, in der Bahn, im Hausflur Dresdnerinnen und Dresdner mit dunkler Hautfarbe oder mit anderer Muttersprache zu treffen.“

Der ethnische Umbau der Stadt als Buße für ihre Zerstörung? Das ist ein Anstaltsdiskus pur, aber auch die Kehrseite eines globalistischen Machtdiskurses, einer institutionalisierten Redeweise, die weitgespannte Machtinteressen transportiert. Dieser Diskurs gehört nicht „den Bürgern der Stadt“, sie gehorchen ihm bloß: die brave CDU-Frau ebenso wie die irgendwie auch leidenden und verzweifelten  Antideutschen, die penetrant beteuern, Bomber-Harris gar nicht genug danken zu können für sein Werk.

Aktueller Widerstand, der den Namen verdient und nötig ist, wäre der Gegenentwurf zu der organisierten Unterwürfigkeit.

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