Die Drogeriekette dm will besonders "woke" sein, doch das reicht noch nicht Foto: picture alliance / CHROMORANGE | Wilfried Wirth
Die Drogeriekette dm will besonders „woke“ sein, doch das reicht noch nicht Foto: picture alliance / CHROMORANGE | Wilfried Wirth

Gender-Krieger auf dem Kriegspfad
 

Gefangen in der „Wokeness“-Falle

„You are never ‘woke’ enough“ lautet eine spöttische Kommentierung, mit der sich Kritiker des sogenannten „Woke Capital“ über die verzweifelten Bemühungen lustig machen, mit der Großkonzerne versuchen, sich dem linksgrünen Zeitgeist anzubiedern und sich selbst einen bunten und toleranten Anstrich geben. Zu den Unternehmen, die dieser Spott trifft, dürfte nun auch die Drogeriekette dm gehören, die unlängst mit einem Negativpreis für „Gender-Klischees“ ausgezeichnet wurde.

Was haben sich die Verantwortlichen der baden-württembergischen Handelskette in der Vergangenheit nicht ins Zeug gelegt, um mit ihren Einhorn-Duschgels auf der Welle der Toleranz mitzureiten. Als die Uefa im vergangenen Sommer erklärte, daß die Münchner Allianz Arena zum Europameisterschaftsspiel zwischen Deutschland und Ungarn nicht in den Regenbogenfarben der LGBTQ-Bewegung beleuchtet werden solle, veröffentlichte dm auf seiner Facebook-Seite ein vor „Pride“ und Tugendprotzerei strotzendes Statement. Darin präsentierte sie ein klares Bekenntnis zu „Sichtbarkeit, Vielfalt, Solidarität, Gleichberechtigung, Akzeptanz, Respekt, Gemeinschaft“ und vor allem zur „Liebe für alle“. Von einer „Norm“, in der „jede*r von uns“ stolz auf sich sein könne, egal wer man sei und wen man liebe, sei man noch weit entfernt, bedauerten die PR-Strategen der Firma damals.

Auch auf der eigenen Internetseite gibt sich die Gesellschaft mit beschränkter Haftung regelmäßig betont weltoffen. Es gibt Podcasts „gegen Alltagsrassismus“ und Texte, die Vielfalt als Bereicherung für das eigene Unternehmen loben. Hier eine Kostprobe: „So verschiedenen die Finger an einer Hand sind, so individuell sind auch Menschen.“ In einem anderen Beitrag auf der Homepage berichtet die Handelskette stolz über eine Qualitätstrainerin im dm-eigenen Friseurstudio, die mit ihrem Regenbogenfarben-Look den „Pridestyle Wettbewerb“ einer der führenden Marken im Bereich Haarpflege und Coloration, gewonnen habe.

Schaumbäder sorgen für Negativpreis

Auch bei den Produkten setzt das Unternehmen, dessen Gründer Götz Werner einer der prominentesten Befürworter des bedingungslosen Grundeinkommens ist, gerne Zeichen für Gleichberechtigung und unterstützt die LGBTQ-Community. Die „Pride Limited Edition“ des US-Kosmetikherstellers NYX Professional Makeup, das von einem glänzend geschminkten Männermodel beworben wird, ist hier nur ein Beispiel.

All diese „Wokeness“ hat dem Konzern allerdings nichts genützt. Zumindest konnte es nicht die Auszeichnung mit dem Negativpreis „Goldener Zaunpfahl“ verhindern. Eingebracht hat dm die nach dem eigenen Unternehmensverständnis zweifelhafte Ehre unter anderem die Farbwahl für ihre Schaumbäder. Hellblau für Jungs und rosa für Mädchen ist natürlich ein schlimmer Identitäts-Fauxpas.

„Bei der Drogeriemarktkette dm werden diverse Produkte offensichtlich an ein bestimmtes Geschlecht vermarktet“, kritisierte deshalb Jury-Mitglied Judith Rahner. In der Urteilsbegründung der Jury heißt es, das Unternehmen habe in seinen Filialen eine Vielzahl an Produkten „nach binärer Geschlechtertrennung benannt, sortiert und die Verpackungen entsprechend klischeebehaftet gestaltet“. Schon bei der Nominierung sei moniert worden, daß dm bei den Allerkleinsten eine Zweiteilung vornehme.  „Sag uns, was dein Kind zwischen den Beinen hat, wir sagen dir, welche Schnuller, Spucktücher, Trinkfläschchen und Lätzchen es benutzen soll“, kommentieren die verärgerten Zaunpfahlvergolder von der Genderfront.

dm-Geschäftsführerin vollzieht Eiertanz

Das wollte ein so bemüht wokes Unternehmen wie dm natürlich so nicht auf sich sitzen lassen. Statt den Aktivisten des Vereins aus Bonn, der sich nach eigenen Angaben für die „Förderung von Wahlfreiheit jenseits limitierender Rollenklischees“ einsetzt, zu sagen, daß sie sich ihren goldenen Zaunpfahl sonst wo hin stecken sollen, fühlt sich die Drogeriekette doch tatsächlich dazu verpflichtet, sich den Gender-Vollpfosten gegenüber zu erklären. So weisen die Verantwortlichen kleinlaut darauf hin, daß einige der beanstandeten Produkte schon lange nicht mehr im Sortiment seien.

Außerdem gibt Geschäftsführerin Kerstin Erbe gegenüber der Presse und der strengen Jury zu Protokoll: „Im Dialog mit unseren Kundinnen und Kunden empfehlen wir stets, sich für das Produkt zu entscheiden, mit dem sich die Eltern und vor allem das Kind am wohlsten fühlt – unabhängig von Farben und Motiven.“ Dann wird die dm-Chefin aber fast schon frech.

Es geht um Umerziehung

Erklärt sie den Kämpfern gegen die „limitierenden Rollenklischees“ doch in fast schon altkapitalistischer Gleichgültigkeit, daß sich dm in seinen Geschäften an den Bedürfnissen der Kundschaft orientiere! „So stellen wir in Bezug auf Baby- und Kinderprodukte fest, daß sich die Mehrheit unserer Kundinnen und Kunden für Mädchen und Jungen beispielsweise eine bekannte Farbgestaltung und Gestaltung des Designs wünschen.“

Offenbar scheint der guten Frau nicht so ganz klar zu sein, daß es, den Vertretern der Gender-Ideologie nicht um die tatsächlichen Wünsche der Menschen geht, sondern um möglichst konsequente Umerziehung. Bevor die Krieger vom Stamme der Non-Binären sie endgültig zaunpfählen, schiebt sie zu deren Beschwichtigung hinterher, daß es im Sortiment von dm selbstverständlich auch Produkte „in geschlechtsneutraler Farbgestaltung“ gäbe. Für die Vertreter der neuen postmodernen Erweckungsreligion dürften solche Aussagen allerdings eher nach krämerischem Halbschlaf als nach echter Wokeness klingen.

Die Drogeriekette dm will besonders „woke“ sein, doch das reicht noch nicht Foto: picture alliance / CHROMORANGE | Wilfried Wirth
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