Meinung

Afrika und die Asylkrise

Alarmierende Meldungen aus Italien: Im Oktober und November lag die Zahl der über das Mittelmeer kommenden Zuwanderer um das Doppelte bis Dreifache über dem Vorjahr. Dabei waren in den ersten neun Monaten 2016 vergleichsweise wenige Einwanderer gelandet. Nun waren es bis Ende November doch wieder 171.000, die 2016 die italienische Küste erreichten – ein neuer Rekord.

176.000 sitzen in völlig überfüllten italienischen Durchgangslagern fest. Insgesamt kamen in diesem Jahr bisher fast 348.000 Zuwanderer über das Mittelmeer und die Ägäis. Ein Grund für den jüngsten Anstieg sind die ungewöhnlich guten Wetterbedingungen. Ein zweiter: Die Schlepper zwängen immer mehr Auswanderungswillige in ihre so gut wie schiffbrüchigen Seelenverkäufer.

Entsprechend gestaltet sich die Todesbilanz. Ertranken im Vorjahr 3.771 Asylsuchende auf See, waren es von Januar bis November 2016 schon 4.690. Wer glaubt, mit dem Versiegen der Flüchtlingsströme auf der Balkanroute gehöre das Thema der Vergangenheit an, darf sich eines Besseren belehren lassen. Dennoch wäre es falsch, den wachsenden Zustrom nach Italien allein mit der blockierten Balkanroute zu erklären.

Die meisten stammen aus Afrika

Beide Wege nach Europa, der über Griechenland und der über Italien, unterscheiden sich nämlich hinsichtlich ihrer „Zielgruppen“. Die in Griechenland eintreffenden Einwanderern kommen zu 47 Prozent aus dem bürgerkriegsgeplagten Syrien, die meisten übrigen aus den nah- und mittelöstlichen Ländern einschließlich Afghanistan.

In Italien ergibt sich ein anderes Bild. 88 Prozent der dort eintreffenden Zuwanderer treten ihre Reise in Libyen an; die meisten stammen aus Afrika: 36.000 in diesem Jahr aus Nigeria, 20.000 aus Eritrea, 12.000 aus Guinea. Ganz überwiegend gelten sie in Europa als Wirtschaftsflüchtlinge ohne Asylanspruch. In Italien hatten 2015 nur 20 der Antragsteller Erfolg. Im laufenden Jahr, bis Ende September, wurden erneut dort 85.000 Asylanträge eingereicht – nur ein Bruchteil davon hat überhaupt eine Chance.

Sechzig Jahre nach der Entkolonialisierung findet in weiten Teilen Afrikas und des Mittleren Ostens ein Umbruch statt, dessen Verlauf und Ergebnis noch gar nicht absehbar sind. Das Konstrukt aus Nationen, Staaten und Institutionen, das die Europäer den in die Unabhängigkeit entlassenen Ländern hinterlassen haben, bricht förmlich in sich zusammen.

Furchterregendes Vakuum

Künstliche Identitäten, die nie wirklich Wurzeln geschlagen haben, verschwinden zugunsten eines weithin furchterregenden Vakuums. Der bürgerliche Islam, der noch bis Ende des 20. Jahrhunderts die moslemische Urbanität prägte, existiert nicht mehr. In Nigeria entvölkern die Primitiv-Islamisten der Boko Haram („Bücher sind Sünde“) ganze Landstriche und vertreiben Millionen Zivilisten; in Eritrea werden 17jährige in einen jahrzehntelangen Militärdienst gepreßt; in Libyen bekämpfen sich Clans, Milizen, Warlords und der Islamische Staat (IS).

Viel zu spät beginnt man im Westen zu verstehen, daß der Anschein funktionierender Staatlichkeit sich ausschließlich den autoritären Herrschern der postkolonialen Jahrzehnte verdankte. Der zweite große Fehler war der Glaube, nach der „Arabischen Revolution“ 2011 würden die dortigen Menschen sich quasi naturgegeben dem Aufbau bürgerlich-demokratischer Verhältnisse widmen.

Öls ins Feuer

Doch ungleich mächtiger als das Vorbild der „modernen“ europäischen Gesellschaften erweisen sich vorkoloniale Identitäten ethnischer (Volk, Stamm, Clan) und religiöser (Sunniten, Schiiten und so weiter) Natur. Im Westen hat man erhebliche Probleme, politisch und intellektuell, dies nachzuvollziehen. Allzu tief sitzt die Überzeugung, das Narrativ der europäischen Aufklärung beschreibe das letztendliche Ziel der Menschheitsgeschichte.

Andere Kulturen und Zivilisationen unterscheiden sich vom Westen, dieser Logik folgend, lediglich nach dem Grad der Rückständigkeit. Der Denkansatz ist so hochmütig wie fatal; tragisch ist, daß er sich in den Instrumenten unserer „wertebasierten Außenpolitik“ niederschlägt: forcierter Demokratieexport, sinnlose Militärinterventionen, willkürliche Etikettierungen nach dem Muster Gut und Böse.

Im Mittleren Osten gießen wir nur Öl ins Feuer. Und wundern uns, daß die Menschen lieber im Mittelmeer ertrinken als in den Flammen umkommen.

Asylsuchende vor Lampedusa (Archivbild) Foto: dpa

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