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Anja Arndt, AfD

Interview zum 40jährigen JF-Jubiläum: JF-Chefredakteur Dieter Stein: „Ich sagte mir: Jetzt erst recht“

Interview zum 40jährigen JF-Jubiläum: JF-Chefredakteur Dieter Stein: „Ich sagte mir: Jetzt erst recht“

Interview zum 40jährigen JF-Jubiläum: JF-Chefredakteur Dieter Stein: „Ich sagte mir: Jetzt erst recht“

Chefredakteur und Herausgeber der JUNGEN FREIHEIT, Dieter Stein (l.): „Mich hat es tatsächlich immer angespornt, wenn Leute sagten, dies und jenes sei nicht möglich.“ Foto: JF
Interview zum 40jährigen JF-Jubiläum
 

JF-Chefredakteur Dieter Stein: „Ich sagte mir: Jetzt erst recht“

Vor 40 Jahren gründet Dieter Stein die JUNGE FREIHEIT in seinem Kinderzimmer. Zum Jubiläum blickt er auf die Gesichte mit all ihren Höhen und Tiefen zurück – und gibt einen Ausblick auf die Zukunft.
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Herr Stein, 40 Jahre JUNGE FREIHEIT: Ist die Repräsentationslücke rechts der Union geschlossen, wie Sie es seit der ersten Ausgabe gefordert haben?

Dieter Stein: Sie schließt sich seit einigen Jahren.

Hat die JF daran einen Anteil?

Stein: Wir haben vielleicht zu einem bescheidenen Teil etwas beigetragen.

Wozu genau?

Stein: Es war über alle Jahre ein Kernthema der JF, dass es ein großes Repräsentationsdefizit rechts der Union gab. Die Entstehungsgeschichte der Zeitung ist unauflöslich mit einem – gescheiterten – Versuch verknüpft, diese Lücke schon in den 80er-Jahren zu besetzen.

Heute sieht es anders aus?

Stein: Jetzt gibt es eine beeindruckende Auffächerung des medialen Spektrums und eine breite Influencer-Szene, die vorher überhaupt nicht existent war. Wir waren lange fast allein auf weiter Flur und haben unsere Themen bearbeitet: Massenmigration, der demographische Niedergang Deutschlands, die Zerstörung der Familie, die Wiedergewinnung eines normalen Nationalbewusstseins, einer positiven nationalen Identität, eines vernünftigen Umgangs mit unserer eigenen Geschichte.

„Das ist nicht nur auf Konservative beschränkt“

Ist es dafür nicht schon zu spät?

Stein: Ich bin bei aller Skepsis immer optimistisch gewesen. Sonst könnte man ja die Flinte gleich ins Korn werfen. Grundsätzlich stößt mich Defätismus ab. Dabei begleitet mich Defätismus so lange, wie es die JF gibt, immer schon. Es gibt leider eine stark verbreitete Haltung, zu sagen: „Es ist zu spät und es bringt nichts“ oder ganz neu in Mode ist: „Ich wandere aus.“ Das kann individuell jeder entscheiden, wie er will, aber die Kultivierung dieser Haltung ist fatal.

Ein Kernproblem der Konservativen?

Stein: Das ist nicht nur auf Konservative beschränkt. Man macht es sich mit dieser Einstellung sehr bequem und schafft eine Begründung, die Hände in den Schoß zu legen. Wenn man ehrlich ist, war es beispielsweise nie einfach, zu seiner Meinung zu stehen. Dazu hat immer schon Mut gehört. Auch etwas Neues aufzubauen, ist nie einfach gewesen. Begeisterung für diese Kraftanstrengungen zu wecken, halte ich für eine wichtige Aufgabe. Das bedeutet auch, gegen große Widerstände zu versuchen anzukommen.

Wenn Sie an Schriften wie „Der Untergang des Abendlandes“ denken, herrschte schon in den 20er Jahren eine Atmosphäre, die beschwor, alles sei zu spät und die große Zeit sei vorbei. In der Rückschau gab es immer diese Einschnitte, Brüche und Katastrophen. Es ist unsere Pflicht, dort korrigierend einzugreifen.

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Welche Veränderung ist konkret nötig?

Stein: Die Vision ist weiterhin, um Deutschland auf Kurs zu bringen, die für die Fehlentwicklungen verantwortliche Asymmetrie zwischen im Volk vertretenen Positionen und ihrer Repräsentanz in Politik und Gesellschaft zu korrigieren. Deswegen ist die Stärke eigener Medien essentiell. Wir wollen zeigen, dass es möglich sein muss, sich unabhängig von staatlichen Subventionen oder anderen Akteuren zu tragen. Als konservatives Medium sorgen wir dafür, dass diese Positionen ungehindert artikuliert werden.

Was die Krisen betrifft, wird es jetzt noch dramatischer als in der Frühzeit der JF. Man reibt sich die Augen, aber viele Entwicklungen, die jetzt durchschlagen, haben wir schon in den neunziger Jahren beschrieben – sei es der demographische Niedergang oder die Probleme der Masseneinwanderung.

„Das politische Umfeld hat sich verändert“

Ist die mediale Ausgrenzung der JF inzwischen überwunden?

Stein: Die Zeitung lässt sich zumindest schwerer ignorieren als noch in der Frühgeschichte.

Woran liegt das?

Stein: Die Auflage ist im Laufe der Jahrzehnte gewachsen und das politische Umfeld hat sich verändert. Allein dadurch, dass seit 2013 die AfD da ist und man nicht mehr wie bis dahin so tun konnte, als ob das, was wir vertreten, politisch irrelevant ist. Trotzdem haben wir es mit einem unverändert eingeschränkten Diskursraum zu tun, der sich auch im Umgang mit unserer Zeitung widerspiegelt.

Was hat Sie 1986 dazu bewogen, die Zeitung als 18jähriger Gymnasiast hochzuziehen?

Stein: Mir hat Schreiben immer Spaß gemacht und das Gestalten von Zeitschriften. Als ich zwölf Jahre alt war, schenkte mir meine Patentante eine Schreibmaschine, wobei ich schon vorher auf der Reiseschreibmaschine meines Vaters geschrieben habe. Aber diese eigene Schreibmaschine hat die Begeisterung für das gedruckte Wort nochmal befeuert. Wenn man im Unterschied zur Handschrift plötzlich sieht, „es ist gedruckt“, gewinnt das Wort eine größere Bedeutung. In dem Alter habe ich eine Familienzeitung gegründet und einige Exemplare produziert. Darin ging es zum Beispiel um ein höheres Taschengeld.

Die erste eigene Schreibmaschine von Dieter Stein: Eine Patentante weckte damit bei ihm die Begeisterung für das gedruckte Wort. Foto: JF

Wie entwickelte sich Ihre Leidenschaft weiter?

Stein: Es ging witzigerweise nahtlos über in eine Klassenzeitung, Auflage 30 Exemplare, mit einer Matrize hergestellt. Diese Technik ist heute, glaube ich, gar nicht mehr bekannt. Allein das Gestalterische – also Schriften, Layout und so weiter – ist jenseits des Inhalts bis heute eine Leidenschaft von mir.

Dann wurde ich Klassensprecher, kam in die Schüler­mitverwaltung. Als unsere Schülerzeitung eingestellt wurde, meinte der Schulsprecher, eine neue Schülerzeitung lasse sich nicht finanzieren. So wurde ich Organisator eines Kreises, der gemeinsam mit einem Vertrauenslehrer eine neue Schülerzeitung ins Leben rief. Dadurch fand ich auch im Organisieren meine Passion.

„Das war eine richtige Mutprobe“

Eine neue Zeitung, obwohl die alte eingestellt wurde?

Stein: Mich hat es tatsächlich immer angespornt, wenn Leute sagten, dies und jenes sei nicht möglich. Als 14jähriger war das für mich eine Überwindung, Geschäftsleute, die Sparkasse oder Bäckerei anzufragen, ob sie in unserer Schülerzeitung eine Anzeige schalten. Das war eine richtige Mutprobe. Wir haben aber das Geld zusammengekratzt. All das war mit mehrheitlich linken Mitschülern möglich – ein Pluralismus, der funktionierte. Damals war ich Junge-Union-Mitglied, während einer Phase, in der bereits viele links und grün eingestellt waren. Ich erlebte die Schülerzeitung als Labor der Meinungsvielfalt.

Sie waren in der Jungen Union?

Stein: Dort hatte ich mich politisch engagiert, bin 1982 eingetreten, dann kam Helmut Kohl an die Regierung. Ab da wuchs aber die Enttäuschung bei Konservativen über die Union.

Warum waren Sie enttäuscht?

Stein: Weil es zu keiner aktiven Wiedervereinigungspolitik kam, für die auch ich mich leidenschaftlich interessiert habe. Es gab aber auch keinen merkbaren Schwenk in der Familienpolitik oder im Lebensschutz. Und auch keinen, was die Bundeswehr betrifft. Mein Vater war als Berufssoldat Militärhistoriker. Ich erlebte mit, welche ideologischen Kämpfe beim Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Freiburg herrschten, wo er arbeitete. Man hat mit dem neuen CDU-Verteidigungsminister ­Manfred ­Wörner damals die Hoffnung verbunden, dass ein anderer Wind wehen würde. Es änderte sich aber überhaupt nichts. Auf dieser geistigen Ebene ist die CDU und das sie tragende bürgerliche Milieu bis heute unfähig, sich einem von der Linken seit 1968 aggressiv geführten Kulturkampf zu stellen und die von Helmut Kohl vollmundig angekündigte „geistig-moralische Wende“ einzulösen.

War ihr politisches Engagement damit beendet?

Stein: Nein, ich bin im Frühjahr 1984 aus der JU ausgetreten und zu den von CSU-Dissidenten Ende 1983 aus Protest gegen den von Franz Josef Strauß eingefädelten Milliardenkredit an die DDR gegründeten Republikanern übergetreten. Später kam es – genau wie 2015 bei der AfD – zu Richtungsstreitigkeiten zwischen einem stärker nach techtsaußen strebenden Flügel unter ­Franz ­Schönhuber und dem Gründungsvorsitzenden ­Franz ­Handlos. Dieser hat die Partei 1985 mit Anhängern verlassen und die Freiheitliche Volkspartei gegründet. Dort wollte ich die Jugendorganisation „Freiheitliche Jugend“ mitaufbauen.

„Ich war zur Gründung noch in der zehnten Klasse“

Daher der Name JUNGE FREIHEIT?

Stein: Genau. Im Frühjahr 1986 habe ich die JUNGE FREIHEIT als Organ der Jugendorganisation mit Freunden in dieser Splitterpartei entworfen. Im Juni erschien die erste Ausgabe. Aber diese Parteibindung existierte nur ein halbes Jahr. Nach dem Drei-Prozent-Achtungserfolg der Republikaner bei der Landtagswahl in Bayern ist diese Absplitterung mit 0,4 Prozent untergegangen. Ich bin daraufhin mit Mitstreitern Anfang 1987 ausgetreten und habe die JUNGE FREIHEIT als parteiungebundenes Medium weitergeführt.

Konnten Sie anfangs schon von der Zeitung leben?

Stein: Nein, das war für Jahre ein reines Hobbyprojekt. Ich war zur Gründung noch in der zehnten Klasse, weil ich zwei Ehrenrunden drehen durfte. Die Zeitung erschien damals noch zweimonatlich. 1988/89 bin ich nach dem Abi zur Bundeswehr gegangen und habe währenddessen am Wochenende an der Zeitung gearbeitet.

Dieter Stein (r.) als Wehrpflichtiger im Jahr 1988: Stolz salutiert er als Panzerschütze vor seinem Vater, der damals als Oberstleutnant am Militärgeschichtlichen Forschungsamt der Bundeswehr in Freiburg arbeitet. Foto: JF

Wie gelang überhaupt die Finanzierung der JF, insbesondere als Wochenzeitung?

Stein: Wir hatten keinen Großsponsor. Ich habe an einer Tankstelle und mit Telefonmarketing Geld verdient und es in die Zeitung gesteckt. Zum Wochenzeitungsstart 1994 gründeten wir eine Kommanditgesellschaft und wollten zwei Millionen DM einsammeln, zum Start hatten wir nur 200.000! In der Anfangsphase waren wir eigentlich permanent pleite, weil wir mit einer so dünnen Kapitaldecke gestartet sind. Am Vorabend des Wochenzeitungsstarts, Ende 1993, hatten wir immerhin 3.600 Abonnenten. Bis zur Jahresmitte 1994 haben wir uns auf 5.000 Abonnenten hochgekämpft.

Es gab keinen Businessplan. Das war letztlich kamikaze-mäßig, wie wir gestartet sind. „Wir ziehen es durch, irgendwie kriegen wir das hin – egal wie.“ Es war abenteuerlich.

„Es hat unseren Durchhaltewillen nur noch verstärkt.“

Wollten Sie jemals aufgeben?

Stein: Rückblickend wahrscheinlich für einen kurzen Moment nur einmal – 1994.

Warum wollten Sie das Handtuch werfen?

Stein: Nach einer Serie von gewalttätigen Angriffen durch Linksextremisten kam es zu einem terroristischen Brandanschlag auf unsere Druckerei in Weimar – mit 1,5 Millionen D-Mark Sachschaden.

Das muss surreal gewesen sein.

Stein: Allein als dieser Anruf kam „die Druckerei brennt“ … da läuft mir jetzt noch ein Schauer über den Rücken. Wie ist so etwas noch steigerbar? Aber es musste weitergehen. Und es hat unseren Durchhaltewillen nur noch verstärkt. Jetzt erst recht.

Fürchteten Sie nicht um Leib und Leben?

Stein: Natürlich beschleicht einen blitzartig das Gefühl: „Was könnte der nächste Angriff sein?“ Nach dem Brandanschlag ging es ja noch weiter. Anfang 1995 wurde die Telefonleitung unseres Büros durchtrennt, Rauchgasgranaten flogen in Büroräume und mein Auto wurde nachts vor meinem Haus angezündet. Einen Monat lang war nachts sogar ein Polizist bei uns im Büro, wo ich damals auch wohnte, um nachts die Straße zu observieren. Das war wirklich irre.

Uns war schon lange erkennbar gewesen, dass wir es mit einem Gegner zu tun hatten, der uns so oder so bekämpfen würde. Das waren sowohl linksextreme Akteure, die gewaltsam vorgegangen sind, als auch Gegner im publizistischen und politischen Bereich, bis hin zum Verfassungsschutz.

Das geschmolzene Nummernschild des bei einem Brandanschlag 1995 zerstörten Autos von Dieter Stein. Foto: JF

Was war denn an der JF so gefährlich?

Stein: Gerade dass wir kein rechtsradikales Nischenblatt waren, sondern die JF am Kiosk zu kaufen war und wir mit dem Umzug nach Berlin gezeigt haben, richtig ins Zentrum zu gehen. Wir haben uns nicht irgendwo in der Provinz versteckt, sondern als normale Zeitung die Öffentlichkeit gesucht. Und das hat, glaube ich, unsere Gegner so aggressiv gemacht.

„Wir haben in den Augen der Verfassungsschützer eine Quarantäne durchbrochen“

Welche Rolle hatte der Verfassungsschutz für die Entwicklung der Zeitung?

Stein: Das Verrückte war, dass nach dieser Serie von terroristischen Angriffen nicht etwa öffentlich das Thema „Linksextreme versuchen, die Pressefreiheit einzuschränken“ breit diskutiert wurde. Stattdessen wurde im Frühjahr 1995 öffentlich, dass der Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen über unsere Zeitung berichtet. Absurd.

Warum die Behörde in Nordrhein-Westfalen?

Stein: Das ist kaum zu verstehen, weil unser Sitz ja in Potsdam beziehungsweise schon in Berlin war. Entweder hätte das Landesamt von Berlin oder Brandenburg über uns berichten müssen – was nicht geschah. In Nordrhein-Westfalen wurde jedoch der höchste Aufwand betrieben und die Verdachtsberichterstattung am weitreichendsten interpretiert. Das lag daran, dass die Beobachtung der Republikaner Anfang der 1990er Jahre einsetzte – nachdem sie 1992 in den Landtag von Baden-Württemberg eingezogen waren.

Was hatte das mit Ihnen zu tun?

Stein: Aus Sicht der Behörde wurde als problematisch wahrgenommen, dass die JUNGE FREIHEIT intensiv über die Republikaner berichtete. Gleichzeitig wurden bei uns neben Vertretern der Republikaner auch Politiker der Union interviewt. Wir haben in den Augen der Verfassungsschützer eine Quarantäne durchbrochen, die auch medial über die Republikaner ausgesprochen worden war. Ein Versuch, der später auch bei der AfD unternommen wurde, aber aufgrund der Entwicklung der sozialen Medien scheiterte. Unter den damaligen Bedingungen war es anders. Das Internet hat noch keine Rolle gespielt. Berichterstattung erfolgte ausschließlich über öffentlich-rechtliche Medien und über klassische Printmedien.

Jetzt unabhängigen Journalismus unterstützen: 40 Jahre Kampf für die Pressefreiheit.

Es war damals auch durch stillschweigende Vereinbarungen stärker zu steuern, über wen maßgeblich berichtet wird. Wer auftaucht, wer nicht auftaucht. Die JUNGE FREIHEIT war praktisch wie ein Blockadebrecher. Insofern nahm man uns im Kielwasser der Republikaner auch ins Visier – mit den Themen Asyl, Migration, Euro-Kritik oder Kritik am Maastricht-Vertrag.

„Dennoch bleibt die Rufschädigung bis heute hängen“

Stört Sie diese Brandmarkung als „rechts“ oder „rechtsextrem“ heute noch?

Stein: Rechts überhaupt nicht, weil es in der Demokratie, wenn man mit diesen Begriffen arbeitet, eine Linke, eine Mitte und eine demokratische Rechte geben muss. Völlig selbstverständlich.

Wollte der Verfassungsschutz Sie auch finanziell kleinkriegen?

Stein: Die Berichterstattung durch den Verfassungsschutz erzeugte diese Wirkung und lähmte uns in mehrfacher Hinsicht. Der Laie assoziiert mit einem solchen Verfassungsschutz-Vorwurf: Da schnüffeln Schlapphüte rum und hören unsere Telefone ab. Tatsächlich haben sie die JF „nur“ abonniert und ausgewertet. Was schreiben die? Findet man Zitate, mit denen man „Anhaltspunkte für den Verdacht auf rechtsextremistische Bestrebungen“ zusammendichten kann? Aus Sicht eines ängstlichen, bürgerlichen Lesers ist die Warnung des Verfassungsschutzes für Betroffene ein soziales Todesurteil.

Neben Abonnenten haben sich Anzeigekunden Sorgen gemacht, ob ihnen Werbung in der JF schadet. Andere Medien, in denen wir um Abos werben wollten, lehnten Anzeigen der JF durch die Bank mit Hinweis auf den Verfassungsschutz ab. Der Springer Verlag verweigerte uns jegliche Kooperation und lehnte es sogar ab, eine Todesanzeige für den 2004 verstorbenen Welt– und JF-Autor Carl Gustaf Ströhm abzudrucken.

Das war schon eine massive Rufschädigung für uns, die über zehn Jahre andauerte, bis wir vorm Bundesverfassungsgericht 2005 nach einem mühsamen juristischen Abwehrkampf siegten. Auf der anderen Seite solidarisierten sich unglaublich viele mit uns, die sahen, dass wir integer und keine Radikalinskis sind. Dennoch bleibt die Rufschädigung bis heute hängen. Schauen Sie in unseren Wikipedia-Eintrag. Mit dem von uns erstrittenen „JUNGE FREIHEIT-Urteil“ haben wir aber in jedem Fall Rechtsgeschichte geschrieben.

Dieter Stein mit Generalbundesanwalt a.D. Alexander von Stahl vor einem Saal des Oberverwaltungsgerichts Münster. Der FDP-Politiker vertrat als Prozesbevollmächtigter die JF gegen den Verfassungsschutz des Landes Nordrhein-Westfalen. Foto: JF

Inwiefern?

Stein: Das Bundesverfassungsgericht hat erstmals festgehalten, dass Verdachtsberichterstattung in elementare Grundrechte eingreift. In unserem Fall die Pressefreiheit. Der Verfassungsschutz ist seit unserem Sieg an höhere Hürden gebunden – insbesondere, wenn es um Presse geht. Es nutzt aber auch der AfD in ihren laufenden Verfahren! Dass es immer wieder Versuche gibt, insbesondere die Presse an die Leine zu legen, ist eine gefährliche Entwicklung. Es wird schnell vergessen, wie essentiell der Schutz der Pressefreiheit für eine Demokratie ist.

„Dann trat ­Egon ­Bahr auf, einer der Väter der Ostpolitik“

Waren insbesondere Politiker abgeschreckt?

Stein: Teils teils. Wir haben 2000 ein Porträt über den SPD-Staatsminister im Auswärtigen Amt, ­Christoph ­Zöpel, veröffentlicht. Er rief bei uns an und kritisierte uns. Wir boten ihm ein Interview an. Nach dem Erscheinen gab das einen Riesenaufschrei in der Presse. Jedes Mal, wenn wir einen Vertreter etablierter Parteien interviewten, lief eine Empörungsmaschine ab. Jedes Mal gab es irgendein Medium, das das skandalisiert hat. ­Guido ­Westerwelle (FDP) entblödete sich nicht, im Bundestag Zöpel wegen seines JF-Interviews zum Rücktritt aufzufordern.

Aber während der SPD-Innenminister von Nordrhein-Westfalen die JF verfolgen ließ, blieb ­Zöpel standhaft und erklärte, das Interview sei völlig korrekt geführt worden. Dann trat ­Egon ­Bahr auf, einer der Väter der Ostpolitik. Er nahm die JUNGE FREIHEIT öffentlich in Schutz und gab uns im Willy-Brandt-Haus ebenfalls ein Interview. Keine Zeitung habe die Erinnerung an den 20. Juli 1944 so gewürdigt wie wir, sagte er. Es war erstaunlich neben all diesem negativen Feuer immer wieder Leute zu haben, die uns plötzlich zur Seite standen – auch wenn sie politisch anderer Meinung waren.

Inwiefern hat sich dadurch der Journalismus in Deutschland verändert?

Stein: Sowohl bei Buchverlagen als auch bei Presseverlagen gab es in der Bundesrepublik von Anfang an eine Schieflage zu Gunsten der Linken. Es gab ein großes Defizit an konservativem Journalismus. Selbst der Verleger ­Axel ­Springer konnte ab 1968 bis zu seinem Lebensende nur unter Polizeischutz leben, weil es wiederholt schwere Anschläge gab und Entführungen seitens der RAF befürchtet werden mussten. Jemand, der für den Springer-Verlag gearbeitet hat, wurde als „rechts“ gebrandmarkt.

Früher hatten Bild und Welt teilweise noch entschiedenere Positionen. Nicht umsonst sind einige ehemalige Welt-Journalisten später bei uns gelandet. Beispielsweise ­Günther ­Zehm mit seiner Pankraz-Kolumne, einer legendären Zeitungskolumne, die ab 1995 bei uns erschien. Oder ­Carl ­Gustav ­Ströhm, ein berühmter Osteuropa-Korrespondent, der die letzten Jahre bei uns veröffentlichte.

­Ein großer Freund wurde Peter Scholl-­Latour, der uns ins Herz schloss, weil er merkte, dass wir idealistische Überzeugungstäter sind und uns für seine Ansichten ehrlich interessierten. Und das, obwohl wir im Gegensatz zum Fernsehen, wo er bis zu seinem Tod 2014 auftrat, eine mickrige Reichweite hatten.

Dieter Stein (l.) mit der Reporterlegende Peter Scholl-Latour in den Redaktionsräumen: Es stießen im Laufe der Jahre einige berühmte Publizisten zur JF. Foto: JF

Fühlen Sie sich bei diesen Anekdoten manchmal schon wie ein Dinosaurier?

Stein: Ich musste gestern auf einer Podiumsdiskussion sprechen und so lachen. Im Hinblick auf meine Mitdiskutanten, Mittfünfziger, erteilte mir die Moderatorin das Wort: „Wir beginnen jetzt in der Reihenfolge der Seniorität.“ Ich lachte, weil ich das noch nie gehört und mich lange als jüngster Chefredakteur gefühlt habe. Es ist merkwürdig, wenn einem bewusst wird, wie viele Publizisten schon tot sind, die einen Jahrzehnte begleitet haben.

„Wir vollziehen einen Generationswechsel“

Was muss sich bei der JUNGEN FREIHEIT mit Blick auf die Zukunft verändern?

Stein: Trotz der Zeitungskrise Anfang der 2000er Jahre haben wir bis Anfang der 2020er Jahre einen ungebrochenen Anstieg unserer Abo-Auflage erlebt. Jetzt trifft uns zwar spät der Megatrend, die Abkehr von Print. Deshalb investieren wir enorm in unsere digitalen Angebote, um auch dort Leser zu erreichen, die eine andere Berichterstattung wollen. Das machen wir mit dem Ausbau der Online-Redaktion, der Online-Präsenz und dem expansiven Auftritt in sozialen Medien.

Was bedeutet das für die Redaktion?

Stein: Wir vollziehen einen Generationswechsel. In den nächsten zwei, drei Jahren gehen einige verdiente Redakteure in Rente, die wichtig waren. Eine Wachablösung neben dem digitalen Wandel. Bei vielen Publikationen ist dieser Wechsel schiefgegangen. Der JF gelingt das gut, denn wir bilden wie eine kleine Journalistenschule die Redakteure von morgen selbst aus und frischen die Mannschaft ständig auf.

Nach 40 Jahren bewegter Unternehmensgeschichte: Was bedeutet dieses Jubiläum für Sie persönlich?

Stein: Die ersten Jahrzehnte waren ein andauernder Fieberzustand, wie der berühmte Ritt über den Bodensee. Das latente Bedrohungsgefühl der schwierigen Finanzierung hat mich bis heute nicht verlassen. Von daher ist das Jubiläum Anlass zu sagen: „Wir haben doch etwas Erstaunliches geschafft.“ Es fällt mir nicht leicht, das auch mal rundheraus ­einzugestehen. Wir können stolz sein, eines der ältesten und stabilsten konservativen Projekte in Deutschland etabliert zu haben.


Dieter Stein, geboren 1967 in Ingolstadt, wuchs in Bayern und Südbaden auf, studierte Geschichte und Politik, gründete 1986 die JF und ist seit 1990 auch Geschäftsführer des Verlages. Er ist verheiratet und Vater von vier Kindern.

Aus der JF-Ausgabe 24/26

Chefredakteur und Herausgeber der JUNGEN FREIHEIT, Dieter Stein (l.): „Mich hat es tatsächlich immer angespornt, wenn Leute sagten, dies und jenes sei nicht möglich.“ Foto: JF
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