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Anja Arndt, AfD

Deportationen, Genozide, Sklaverei: Wie Afrikaner ihren eigenen Kontinent kolonisierten

Deportationen, Genozide, Sklaverei: Wie Afrikaner ihren eigenen Kontinent kolonisierten

Deportationen, Genozide, Sklaverei: Wie Afrikaner ihren eigenen Kontinent kolonisierten

Angehörige der Khoisan, 1884 auf Bullen: Innerafrikanische Vertreibungen und Sklaverei waren nicht unüblich. Foto: picture alliance / Design Pics | Ken Welsh
Angehörige der Khoisan, 1884 auf Bullen: Innerafrikanische Vertreibungen und Sklaverei waren nicht unüblich. Foto: picture alliance / Design Pics | Ken Welsh
Angehörige der Khoisan, 1884: Diese älteste Schicht der afrikanischen Bevölkerung wurde in immer unwirtlichere Gebiete Südafrikas abgedrängt. Foto: picture alliance / Design Pics | Ken Welsh
Deportationen, Genozide, Sklaverei
 

Wie Afrikaner ihren eigenen Kontinent kolonisierten

Hier die bösen weißen Kolonisatoren, dort die unschuldigen Opfer – so einfach ist das Narrativ nicht. Die Historiker Dieter Langewiesche und Bernard Lugan zeigen die oft extrem brutalen innerafrikanischen Kolonialisierungsprozesse auf.
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Die seit Jahren anhaltende Debatte über Kolonialismus wird ganz wesentlich von einem simplen Narrativ bestimmt: Hier die bösen weißen Europäer, da die guten People of Color; hier die Unterdrücker, da die Unterdrückten; hier die Aggressoren, da die Menschen, die ohne die Kolonisation weiter in einer Art von irdischem Paradies gelebt hätten. Es gibt zwar mittlerweile Kritik an den Auswüchsen der Symbolpolitik, die im Namen des Antikolonialismus Straßen und Plätze umbenennt und Denkmäler stürzt, oder an der naiven Restitutionspraxis oder an den durchsichtigen Interessen des Globalen Südens, wenn wieder einmal Reparationsforderungen auf dem Tisch liegen, aber der Sache selbst – dem Kolonialismus – geht man nicht auf den Grund.

Schon deshalb verdient der Essay des Historikers Dieter Langewiesche Aufmerksamkeit, der unter dem Titel „Warum wurde in Afrika anders Krieg geführt als in Europa?“ erschienen ist. Langewiesche hält die Beantwortung der Frage nicht nur für notwendig, weil sich die Vorstellung festzusetzen droht, die deutschen Kolonialtruppen hätten bei der Niederschlagung des Herero-Aufstands die Vernichtungspraxis der NS-Zeit vorweggenommen, ihm geht es auch darum, zu klären, warum in einer Phase, in der das europäische Kriegsvölkerrecht ein nie dagewesenes Niveau erreichte, außerhalb Europas ein so außerordentlich brutales Vorgehen zwischen den Kampfparteien an der Tagesordnung war.

Dieter Langewiesche: „Warum wurde in Afrika anders Krieg geführt als in Europa?“ Jetzt bestellen!

Seiner Meinung nach ist eine Ursache dafür die Krise des „gehegten Staatenkrieges“ schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts durch den Einsatz von Massenheeren aus Wehrpflichtigen. Faktisch habe das zu einer Reprimitivierung in Richtung auf den „Volkskrieg“ – verstanden als totale Mobilisierung der Gemeinschaft – geführt und die mühsam erarbeitete Unterscheidung zwischen Kombattanten und Nichtkombattanten wieder eingeebnet. Die hatte Afrika nie gekannt, und gerade jene Stämme und Völker, die sich anschickten, staatsähnliche Ordnungen zu schaffen, kannten keinen anderen als den „totalen Krieg“.

2.000 Jahre innerafrikanischer Prozess der Kolonialisierung

Langewiesche betont deshalb, dass entsprechende „Kriegsformen (…) in diesen Räumen seit langem vorherrschten. Daran lässt die Forschung keinen Zweifel. Die Europäer ‘perfektionierten’ sie mit den Ressourcen, über die sie verfügten. So wurden sie zu Meistern in der Enthegung des Krieges. Doch sie haben ihn nicht erfunden und in den kolonialen Eroberungsräumen erprobt. Dies verkennt die Kolonialismusforschung, wenn sie erst mit den Kolonialkriegen einsetzt und die vorkoloniale Kriegsgeschichte ausblendet.“

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Ein wesentlicher Aspekt der vorkolonialen Kriegsgeschichte des Schwarzen Kontinents ist das Thema des jüngst erschienenen Buches des französischen Afrikanisten Bernard Lugan, das den Titel „Quand les Africains colonisaient l’ Afrique“ – „Als die Afrikaner Afrika kolonisierten“ trägt. Mit der ihm eigenen Verve betont Lugan, dass es – von Ausnahmen abgesehen – keinen europäischen Kolonialismus in Afrika vor dem Ende des 19. Jahrhunderts gegeben habe.

Dagegen müsse von einem innerafrikanischen Prozess der Kolonialisierung gesprochen werden, der bereits im zweiten Jahrtausend vor Christus begann und der sich vom europäischen qualitativ unterschied. Jedenfalls hätten die Europäer nie versucht, ganze Völker zu deportieren oder zu vernichten, während „großer Austausch“ und Genozid zu den regelmäßigen Begleiterscheinungen des afrikanischen Kolonialismus gehörten, was den paradoxen und heute schamhaft beschwiegenen Sachverhalt erkläre, dass „südlich der Sahara die Realität (…) ist, dass die europäische Kolonisation die afrikanischen Bevölkerungen befreite, die durch andere Afrikaner kolonisiert worden waren“.

Scharia als Herrschaftsmittel

In dreizehn Kapiteln liefert Lugan die Begründung für diese These. Er beginnt mit dem Hinweis auf das Verschwinden der schwarzen Urbevölkerung des Sahararaums, die schon in frühgeschichtlicher Zeit durch die Vorfahren der Berber aus ihren Siedlungsräumen vertrieben wurde. Naturgemäß sind diese Abläufe für uns kaum noch fassbar, anders als der Prozess, der im ersten Jahrtausend vor Christus auf den Hochebenen des heutigen Nigeria und Kamerun seinen Anfang nahm, nach und nach ganz Afrika westlich wie östlich des Kongobeckens erfasste und in letzter Konsequenz dazu führte, dass heute etwa 600 Bantu-Sprachen fast flächendeckend verbreitet sind.

Lugan betont, dass es kein „Bantu-Volk“ im engeren Sinn gab, aber verschiedene, ein Bantu-Idiom sprechende Gemeinschaften, die aufgrund ihrer Aggressivität und der Verfügung über eiserne Waffen und Werkzeuge regelmäßig die Autochthonen in Gebieten, die sie begehrten, besiegen, auslöschen, versklaven oder verdrängen konnten. Dieses Schicksal erlitten auch die Khoisan, die zur ältesten Schicht der afrikanischen Bevölkerung gehören. Sie wurden in immer unwirtlichere Gebiete Südafrikas abgedrängt und letztlich zum Aussterben verurteilt.

Die Khoisan sind heute in Südafrika, Namibia, Botswana und Angola beheimatet. Foto: picture alliance / ROBIN UTRECHT | ROBIN UTRECHT

Die Dynamik der innerafrikanischen Kolonisation hat das Auftreten des Islams noch verschärft. Zu den ersten Konsequenzen gehörte das Eindringen arabischer Stämme in den Norden des Kontinents, wo sie die Berber von Kolonisatoren zu Kolonisierten machten und auf einen minderen Rang in einem streng hierarchisch geordneten Kastensystem herabdrückten. Einem ähnlichen Muster folgten aber auch diejenigen schwarzen Führer, die zum Islam übertraten und die Scharia als Herrschaftsmittel zu nutzen wussten, um ihren Machtbereich auszudehnen.

Befreite Sklaven wurden in Afrika wieder zu Sklavenhaltern

Im Prinzip wird man dasselbe sogar für jene beiden Sonderfälle afrikanischer Staatsbildung sagen können, die mit den Namen Sierra Leone und Liberia verbunden sind. Die beiden verdankten ihre Gründung dem Einsatz britischer und US-amerikanischer Philanthropen, die die „Negerfrage“ vorrangig in Nordamerika dadurch lösen wollten, dass man die als Sklaven Verschleppten freikaufte und in ihre Heimat zurückbrachte.

Soweit die betreffenden dort tatsächlich blieben, entwickelten sie rasch eine Gesellschaftsordnung, in der sie die Oberschicht bildeten, während sie die eingeborenen Schwarzen herabdrückten, manchmal so sehr, dass sich ihr Status nicht wesentlich von dem eines Sklaven unterschied.

Aus der JF-Ausgabe 25/26.

Angehörige der Khoisan, 1884: Diese älteste Schicht der afrikanischen Bevölkerung wurde in immer unwirtlichere Gebiete Südafrikas abgedrängt. Foto: picture alliance / Design Pics | Ken Welsh
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