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Literatur: Sebastian Kleinschmidt ist ein Fürsprecher der Autorität

Literatur: Sebastian Kleinschmidt ist ein Fürsprecher der Autorität

Literatur: Sebastian Kleinschmidt ist ein Fürsprecher der Autorität

Gemälde von Caspar David Friedrich: Der Autor Sebastian Kleinschmidt liebt das Meer.
Gemälde von Caspar David Friedrich: Der Autor Sebastian Kleinschmidt liebt das Meer.
Gemälde von Caspar David Friedrich: Der Autor Sebastian Kleinschmidt liebt das Meer. Foto: picture alliance / akg-images | akg-images
Literatur
 

Sebastian Kleinschmidt ist ein Fürsprecher der Autorität

Sebastian Kleinschmidts Essays und Gespräche in dem Band „Resonanzen“ verbinden Landschaft, Kunst und Glauben. Der Autor deckt in seinen Werken ein breites Spektrum ab und ist es wert, gelesen zu werden.
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Sebastian Kleinschmidt ist verliebt in das Meer. Zu DDR-Zeiten fuhr er mit dem Segelschulschiff „Wilhelm Pieck“ von Greifswald bis nach Leningrad. Nicht nur von dieser Fahrt kennt der 1948 in Schwerin geborene Buchautor das Naturereignis Sturm, der die See aufwühlt, bisweilen zahlreichen Menschen den Tod bringt. Kleinschmidt liebt die bildhafte, präzise und philosophierende Sprache, die er in seinen Essays – er war von 1991 bis 2013 Chefredakteur der Literatur- und Kulturzeitschrift Sinn und Form – glänzend ausspinnt. Aber er besitzt auch die Tugend des ehemaligen Blattmachers, andere zu Wort kommen zu lassen, wenn sie das Erlebte oder zu Beschreibende mustergültig formulieren.

Gleich zu Beginn seines eben im Verlag Matthes & Seitz erschienenen Bandes „Resonanzen“ zitiert Kleinschmidt Christian Johann Friedrich Peters, den sprachmächtigen Lehrer aus Wustrow, der über eine Sturmflut im November 1872 schrieb. Dieser Sturm verheerte das Fischland, das heute von Deichen geschützt ist: „Das Meer, soweit das Auge reichte, schien bis in seine größte Tiefe aufgewühlt und ließ seine riesigen schaumbekrönten Wellen einander überstürzen, eine Welle jagte die andere, bis sie am Ufer zerschellte und sich in graue Dampfwolken auflöste.“

Sebastian Kleinschmidt platziert seine Betrachtungen über Hiddensee nicht zufällig an den Anfang seines neuen Buches, das rund vierzig in der Mehrzahl bereits erschienene Beiträge versammelt. Im Künstlerdorf Ahrenshoop besitzt der Autor nämlich eine Wohnung, in der er sich bisweilen aufhält, um in dichter Fühlung mit der Natur ungestört zu schreiben. Dabei sind seine Porträts der Ahrenshoop-Maler – von Hans Brass über Hartwig Hamer, Fritz Grebe und Paul Müller-Kaempff bis zu Paco Knöller – wunderbare Beispiele für Kleinschmidts virtuose Beschreibungskunst. Als ehemaliger Literaturredakteur ist Kleischmidt nämlich nicht nur an sich selbst interessiert, sondern möchte die Welt um sich herum festhalten.

Liebeserklärung an die Licht- und Wasserlandschaft an der Ostsee

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Vielleicht trifft auf diese Wortmalereien Ernst Jüngers Sentenz zu, die auch Kleinschmidts Texte kennzeichnet: „Liebend erkennen“. So schreibt der Autor über Fritz Grebes Ölbild „Am Waldesrand“: „Grebes Ansicht vom östlichen Rand des Ahrenshooper Holzes atmet tiefe Herbstlichkeit und Stille. Es ist, wenn man so sagen darf, ein philosophisches Bild, ohne eine Spur von Ambition in dieser Richtung aufzuweisen … wenn wir sehen, wie dieser Moorgraben und seine rätselhafte Ruhe dem Ganzen Atmosphäre gibt, welchen Sog er ausübt, welche Unergründlichkeit er hat, dann ahnen wir in ihm den dunklen Bruder jener Welt von Licht und Helligkeit, die das Wesen Ahrenshoops ausmacht.“

Das ist eine Liebeserklärung an die Licht- und Wasserlandschaft an der Ostsee. Aber der Band versammelt auch Huldigungen an Gedichte und Bücher. Sebastian Kleinschmidt ist ein vielbelesener Mann, und seine immer luziden Interpretationen reichen von Gottfried Benn über Ulrich Schacht bis Lutz Seiler. Das geheime Zentrum aller Texte ist ein religiöses Lebensgefühl, das der Autor in fast allen seinen Beiträgen zu fassen versucht. Wer Joseph Roths Roman „Hiob“ gelesen hat, wird diese geradezu trunkene Deutung nie mehr vergessen, Kleinschmidts Überwältigtsein vom Elend Hiobs, dem Gott nichts erspart, und von der Erkenntnis dieser zentralen biblischen Figur, dass er, Hiob, das als Geschöpf aushalten muss. Roth gewährt ihm am Ende das Wunder, das Hiob als Gottesgeschenk nimmt, voller Dankbarkeit für das große Rätsel des Glaubens.

Dieses Rätsel umkreist Sebastian Kleinschmidt unter anderem in den hier abgedruckten Gesprächen, in denen der Autor seine Mitdiskutanten allenfalls als Stichwortgeber akzeptiert. Kleinschmidt beherrscht die religiöse Materie zu gut, um ihm fundamental widersprechen zu können. Seine Schlagfertigkeit stützt sich auf Quellen und eine lebenslange Auseinandersetzung, die ihm als Ex-Marxist das Argumentieren leicht(er) macht. Das geht hin und her im Falle des im Deutschlandfunk gesendeten Gesprächs „Über Religion, Geschichte und Gegenwart“ mit Andreas Main, der dem Autor Stichworte liefert, die dieser aus dem Stegreif selbstbewusst, ja elegant beantwortet.

Für Kleinschmidt kann Religion Orientierungswissen vermitteln

Der Denker Sebastian Kleinschmidt hat sich nach eigenem Bekunden über Ernst Bloch und Walter Benjamin der Religiosität genähert. Dass sein Vater als evangelischer Theologe und Prediger dabei keine Rolle spielte, nimmt man dem Autor nicht so recht ab. Aber Kleinschmidt deutet an, dass die familiäre Prägung doch wichtig für ihn war.


Für Sebastian Kleinschmidt kann die Religion in einer Zeit totaler wissenschaftlicher Überwältigung metaphysisch grundiertes Orientierungswissen vermitteln. Agnostiker muteten sich eine Art Selbstverarmung zu; es handele sich bei der libertären Freiheit um eine Scheinfreiheit, die Autonomie nur behauptet. Da widerspricht ihm die Autorin Kerstin Decker.

Das Streitgespräch in der Rubrik „Salon“ hat es in sich. Für mich neben den autobiographisch aufschlussreichen Beiträgen einer der Zentraltexte des Bandes. Der Disput, erstmals veröffentlicht vor zwei Jahren im Berliner Tagespiegel, entzündet sich an Sebastian Kleinschmidts Vorstellung von der Autorität, wie sie der Autor in seinem Büchlein „Lob der Autorität“ 2023 niedergelegt hat. Eine wichtige Rolle in der Argumentation spielen die Autoritätsfiguren „Kapitän“ und „Dirigent“. Was beide für Kleinschmidt auszeichnet, ist Kenntnis sowie Verantwortung. Ohne beides komme die Gemeinschaft nicht aus, sagt der Autor.

Mit „antiautoritär“ kann Kleinschmidt nichts anfangen

Das Buch von Sebastian Kleinschmidt befasst sich mit der Autorität.
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Auch der Missbrauch diskreditiere solche Menschen nicht. Kerstin Decker will in der Autorität nur blinde „Weisungsbefugnis“ sehen. Auch „Charisma“ – den Begriff wirft Kleinschmidt in die Debatte ein – könne missbraucht werden. Man sehe dies an Adolf Hitler. Es gäbe natürlich auch ein „finsteres Charisma“, räumt der Fürsprecher der Autorität ein – aber der Missbrauch spreche doch nicht gegen das Prinzip! Mit „antiautoritär“ könne er nichts anfangen.

Dass man sich in der Aufklärung oder in der Erziehungswissenschaft gegen dogmatische Fesselungen aufgelehnt habe, sei kein echter Einwand gegen Autorität, die heute zerredet werde mit üblen Folgen für alle. „Machtgefälle“ tendiere zur „Unlebbarkeit“. Keine funktionierende Gesellschaft könne auf verantwortliche Autorität verzichten. Man müsse manches auch hinnehmen – nicht nur das, was man „aus freien Stücken als wahr“ einsehe. Wer ein nachvollziehbares Beispiel gebe, dem dürfe man doch vertrauen! Am Ende räumt Kerstin Decker ein, dass sie das beispielhafte Vorleben als Autoritätsmuster doch überzeuge.

Der Triumphalismus von Sebastian Kleinschmidt, seine eloquente Gegnerin am Ende doch ein wenig von der Notwendigkeit der Autorität in heutigen Gesellschaften überzeugt zu haben, wirft ein Licht auf das seltsame Klima in unserer Gesellschaft, in der das Selbstverständliche mit viel rhetorischem Aufwand vorgetragen werden muss. Das emanzipatorische Denken, das dem Gegenwärtigen den absoluten Vorrang gibt gegenüber dem Bewährten, beherrscht die Szene. Noch. Denn die Vorherrschaft des Augenblicklichen hat die Staaten fundamental geschädigt. Und jetzt steht die Künstliche Intelligenz (KI) vor der Tür. Zeit aufzuwachen. Sebastian Kleinschmidts Buch gibt gute Argumente an die Hand.

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Sebastian Kleinschmidt: Resonanzen. Essays und Gespräche. Matthes & Seitz, Berlin 2026, gebunden, 324 Seiten, 28 Euro.

Aus der JF-Ausgabe 24/26.

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