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Bücherrezensionen: Die große Heuchelei der urbanen Tierfreunde

Bücherrezensionen: Die große Heuchelei der urbanen Tierfreunde

Bücherrezensionen: Die große Heuchelei der urbanen Tierfreunde

Mastschweine: Welches Verhältnis hat der Mensch zum Nutztier? Foto: picture alliance / Weingartner-Foto / picturedesk.com | -
Mastschweine: Welches Verhältnis hat der Mensch zum Nutztier? Foto: picture alliance / Weingartner-Foto / picturedesk.com | -
Mastschweine: Früher war Hausschlachtung noch üblich. Foto: picture alliance / Weingartner-Foto / picturedesk.com | –
Bücherrezensionen
 

Die große Heuchelei der urbanen Tierfreunde

Wie naturentfremdet ist die Gesellschaft? Der Soziologe Volker Kempf hinterfragt, welche Verantwortung der Mensch gegenüber anderen Lebewesen hat – und warum die moderne Tierliebe oft in Revolutionssemantik mündet.
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Das Schicksal des Buckelwals „Timmy“ beeindruckte Millionen Deutsche mehr als der Irankrieg. Tierquälerei kann mit drei Jahren Haft bestraft werden. Ein Drittel der Milliarden-Spenden im nicht-humanitären Sektor ging 2025 in den Bereich Tierschutz. Das kollidiert allerdings oft mit marktwirtschaftlichen Zwängen. Darüber hinaus besteht ein besonderer Dualismus zwischen Nutztier und Halter: Der Bauer hat sein Schwein gerne und hat ihm sogar einen Namen gegeben, trotzdem freut er sich über dessen Speck und Schinken – für den Soziologen Volker Kempf ein interessantes Spannungs- und Forschungsfeld.

Die Beziehung des Menschen zu Nutztieren begann mit der Sesshaftwerdung am Übergang von der Jägerkultur. Heutige urbane Konsumenten sind vom Produktionsprozess tierischer Lebensmittel völlig entkoppelt und haben beim hochverarbeiteten Produkt auf dem Teller keine Assoziation an ein Lebewesen mehr. Meilensteine auf diesem Weg waren die Trennung von Vieh und Mensch in Stall und Wohnhaus und die Auslagerung des Schlachtprozesses vom Bauernhof zum abgeschotteten Schlachthof. Vor hundert Jahren war private Ziegen- oder Schweinehaltung im Garten hinter dem Haus normal; noch vor 50 Jahren waren Hausschlachtungen auf dem Land Alltag.

Trotz aller medizinischen Appelle bleibt der Fleischkonsum auf hohem Niveau, so dass die Nachfrage nur durch industrielle Massenschlachtung gedeckt werden kann. Andererseits wünschen viele Verbraucher eine naturnahe und ethische Haltung der Schlachttiere, sind aber kaum bereit, dafür einen angemessenen Preis zu bezahlen. Diesen Konflikt beschreibt Kempf in seinem Buch „Auf der Suche nach Wirklichkeit in der Mensch-Nutztier-Beziehung“. Der 58jährige Sozialwissenschaftler und Autor der JUNGEN FREIHEIT hat den Komplex der „Hühnerhaltung in der erlebnisorientierten Industriegesellschaft“ untersucht. Kempf studierte Soziologie und Philosophie und engagierte sich anfangs in der Ökologisch-Demokratischen Partei (ÖDP). Heute ist er in der AfD und vertritt einen konservativen Umweltschutz mit Wachstumskritik.

Jetzt im JF-Buchdienst bestellen: „Auf der Suche nach Wirklichkeit in der Mensch-Nutztier-Beziehung“ von Volker Kempf

Ein Schlachthof in der Nähe ist ein schlechter Immobilienstandort

Ethischer Anspruch und Wirtschaftlichkeit erfordern aber immer wieder Kompromisse. In zahlreichen Interviews ergründet der Öko-Soziologe vom Kaiserstuhl das ethische Verhältnis zum Huhn zwischen Industrie-Batterie und idealistischer Hobby-Haltung. Doch die naturromantische Hühnerhaltung im Kleinmaßstab als Naturverbundenheits-Simulation für Jack-Wolfskin-Träger ist kein Garant für Tierwohl: Auch vermeintlich „glückliche“ Hühner können aus fehlender Fachkenntnis oder Überforderung verwahrlosen. Dabei sind selbst idealistische Halter von Kleinstbeständen mit ethischer Kritik von Städtern konfrontiert, die oft eine romantisierte Kinderbuchvorstellung von Tierhaltung haben, andererseits durch Fernseh-Schockbilder von geschredderten Küken hoch emotionalisiert sind. Das geht so weit, dass der Betreiber eines „Gnadenhofes“, der Tiere „rettet“, die wegen Beeinträchtigung (Humpeln) oder ästhetischen Mängeln „aussortiert“ wurden, immer wieder von Besuchern aus Unkenntnis bei Behörden als Tierquäler angeschwärzt wird.

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Einerseits gilt ein Schlachthof auf dem Immobilienmarkt als negativer Standortfaktor, andererseits wirbt ein Restaurant in einem ehemaligen Schlachthof mit dem besonderen Ambiente. Einerseits machen urbane Eltern Ausflüge mit ihren Kindern zum Geflügelhof, um den Kindern Hühner zu zeigen. Andererseits beschweren sich Nachbarn über das Hahnengeschrei am Morgen. Tiere sollen nicht als Lebensmittellieferanten „missbraucht“ werden, andererseits sollen vegane Ersatzprodukte so schmecken, als seien sie tierischen Ursprungs.

Solche Widersprüche unserer Konsumgesellschaft spießt der Soziologe, der selbst dreifacher Familienvater ist, wissenschaftlich auf. Kempfs Fazit: „Die naturentfremdete städtische Sehnsucht nach Tierhaltungsansprüchen mündet in eine Revolutionssemantik, die auf Konfrontation mit den Tierhaltern geht. Das kann Veränderungsdruck erzeugen, droht aber das sprichwörtliche Kind mit dem Bad auszuschütten.“ Einziger Schwachpunkt: Kempf unterstellt dem Jäger ein „asoziales Beuteverhältnis“ ohne Bindung zum Tier, vergisst dabei jedoch den Hegeauftrag und die Kameradschaft zum Jagdhund.

Gibt es eine Verantwortung des Menschen gegenüber den Tieren?

Bereits im vergangenen Jahr veröffentlichte Kempf „Auf der Suche nach den Tieren in der deutschen Soziologie. Max Weber, Alexander Rüstow und die Philosophische Anthropologie.“ Hier ist der Autor der Rolle der Tiere in der Geschichte der Soziologie auf der Spur. Der bürgerlich-nationalliberale Soziologe und Nationalökonom Max Weber (1864–1920) wandelte sich während des Ersten Weltkrieges vom „Alldeutschen“ zum Demokraten. Alexander Rüstow erdachte den ursprünglichen „Neoliberalismus“ und ist einer der Geburtshelfer der sozialen Marktwirtschaft als drittem Weg zwischen Kapitalismus und Planwirtschaft.

Jetzt im JF-Buchdienst bestellen: „Auf der Suche nach den Tieren der deutschen Soziologie“ von Volker Kempf

Beide haben sich mit der Verantwortung gegenüber den Tieren beschäftigt, welche dem Menschen mitgegeben ist. Allerdings ist dieser 700-Seiten-Ziegelstein keine leichte Kost, sondern eher für Leser geeignet, die sich in akademischen Theorie-Debatten in ihrem Element fühlen. Tierhaltung funktioniert aus ökonomischen Zwängen nun einmal nicht nur als Alpaka-Streichelzoo, sondern muss letztlich auch Lebensmittel produzieren. Das Tierwohl dabei im Blick zu behalten, ist in der Tat eine Aufgabe, die dem Menschen aufgrund seiner Sonderstellung aufgetragen ist und an der sich eine Zivilisation messen lassen muss.

Aus der JF-Ausgabe 22/26.

Mastschweine: Früher war Hausschlachtung noch üblich. Foto: picture alliance / Weingartner-Foto / picturedesk.com | –
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