Mit dem Frühjahr kommt die Gartenarbeit: erstes Rasenmähen, vor allem aber Umgraben, Jäten, Auspflanzen. Knochenarbeit, ohne Zweifel, und bisweilen ein harter Angriff auf Rücken und Muskulatur. Wer später aber bei einem morgendlichen Rundgang durch den Garten taufrische Beeren direkt vom Strauch naschen kann, rasch noch eine (nicht zwingend essbare) Schnecke vom Salat zupft oder selbst gezogene Karotten und Radieschen samt frischer Kräuter für das Abendessen erntet – für den hat sich die schmerzhafte Mühsal gelohnt. Zudem ist der eigene Garten ein Refugium, in dem man (sieht man einmal von besonders restriktiven Vorgaben in manchen Kleingartenvereinen ab) nach Gutdünken walten kann. Und, nicht zu vergessen: Der Garten ist natürlich der ultimative Ort für sommerliche Grillfeste mit Familie und Freunden.
Das Gärtnern hat seit einigen Jahren wieder Hochkonjunktur; nicht zuletzt bot der Garten während der Zeit der Coronamaßnahmen einen relativ freien Rückzugsort. Selbstredend ist er seit jeher ein unverzichtbares Mittel zur Selbstversorgung – sei es nun aus Gründen der gesunden Ernährung oder des schmalen Geldbeutels. Oder auch, um einfach vorbereitet zu sein, auf die Dinge, die da kommen mögen.
Diese Voraussicht begründete wahrscheinlich bereits die Entstehung des Nutzgartens: Der Anbau von Feldfrüchten begann schon vor rund 10.000 Jahren, und zugleich legten die Menschen der Steinzeit den Grundstein für das Prinzip, sich als sesshaft gewordener Mensch gezielt selbst versorgen zu können. Seither ist der Garten in allen seinen Ausformungen vom zweckhaften Gemüsebeet bis hin zur idyllischen privaten Oase zu einer Konstante geworden, die sich durch alle großen Kulturen zieht. Jeweils geschützt durch Hecken oder Mauern wurde aus ihm bald ein Refugium, das zunehmend auch sozialen oder gesundheitlichen Funktionen diente.
Durch Gartenarbeit schrumpft die Amygdala
Dazu gehören nicht zuletzt die 1864 in Leipzig entstandenen „Schrebergärten“; Kleingartenanlagen, in denen Arbeiterfamilien ihren beengten Wohnverhältnissen entfliehen und zu ihrer Selbstversorgung beitragen konnten. Nach Angaben des Bundesverbandes Deutscher Gartenfreunde (BDG) gibt es in Deutschland heute übrigens rund 950.000 dieser Kleingärten, die sich besonders bei jungen Familien wieder größter Beliebtheit erfreuen. Hinzu kommen natürlich unzählige Hausgärten.
Gartenarbeit dient nach neuesten Erkenntnissen aber nicht nur dem reich gedeckten Tisch, sondern auch der Psyche. Die körperliche Betätigung und der Aufenthalt im Tageslicht reduziert Stress
hormone wie Cortisol und führt zur vermehrten Ausschüttung von Serotonin, wie beispielsweise eine Studie der Universität Tokio bestätigt. Interessanterweise soll sogar schon nach wenigen Wochen regelmäßiger Gartenarbeit die Amygdala, also das Angstzentrum, schrumpfen, während jene Areale, die für Gedächtnis, Mitgefühl und Kreativität zuständig sind, wachsen.
Effekte, die zunehmend in Therapien gegen Depression und Demenz eingesetzt werden. Nicht zuletzt verschafft das Kultivieren von Pflanzen – sei es nun Nutzgarten, Blumenrabatte oder Streuobstwiese – reale Erfolgserlebnisse. Das verbucht man heute als Selbtswirksamkeit, was wiederum das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten fördert und zu mehr Gelassenheit beiträgt.
Auch das Immunsystem wird gestärkt
Bei allen Vorteilen für das psychische Wohlergehen: Gartenarbeit, ernsthaft betrieben, ist anstrengend und verlangt dem Körper einiges ab. Doch trotz aller Schmerzen in Kreuz und Gelenken, trotz Dornenkratzern, Bienenstichen und Ameisenbissen bindet Gärtnern auch in natürliche Gegebenheiten und Prozesse ein, die den Menschen seit jeher begleiten – ob man dies nun spirituell oder als jahreszeitliche To-do-Liste begreift. Und das sogar auf mikrobiologischer Ebene: Zahlreiche physische wie psychische Erkrankungen resultieren aus einem überreaktiven, quasi allzu nervösen Immunsystem, das den Umgang mit Keimen und Bakterien nicht gelernt hat.
Gemäß der „Old-Friends-Hypothese“ kommt man beim Buddeln im Erdreich aber mit zahlreichen Mikroorganismen in Kontakt, die das Immunsystem regulieren und entzündliche Erkrankungen verhindern. Diese Umweltbakterien begleiteten den Menschen seit Jahrtausenden, doch heute ist der alltägliche Kontakt zu Dreck und Erde weitgehend abgebrochen, den Rest besorgt eine bisweilen überbordende Hygiene. Das gilt insbesondere für Kinder: Studien haben gezeigt, dass das Immunsystem bei Kontakt zu Pflanzenstoffen, Tieren, Würmern und Keimen aller Art gestärkt wird, denn wenn die Abwehrzellen frühzeitig mit einer Vielzahl von Mikroben und Fremdstoffen in Kontakt kommen, lernen sie, Schädliches von Ungefährlichem zu unterscheiden. Als Folge sollen nicht nur Allergien seltener auftreten, sondern auch die kognitive Entwicklung positiv beeinflusst werden.
Schon der Balkon macht glücklich
Allerdings besitzen etwa 45 Prozent der Deutschen keinen Garten, wovon viele wahrscheinlich ohnehin dankend verzichten. Andere empfinden dies als Manko und haben sich daher Gemeinschaftsgärten erschlossen, die vorzugsweise auf städtischen Brachen Gemüseanbau vornehmlich in mobilen Hochbeeten ermöglichen. Das kann natürlich eine Alternative für jene sein, die als Gegenpol zur Anonymität der Großstadt das Gärtnern als soziales Projekt – meist mit „inklusivem Ansatz“ – erleben möchten.
Viele dieser, übrigens oftmals steuerlich geförderten, Initiativen verzeichnen allerdings nicht selten negative Begleiterscheinungen von der Vermüllung der Anlage bis hin zum Gemüseklau. Dennoch: Hat man ein geeignetes und sogar bezahlbares Grundstück sowie sympathische Mitstreiter gefunden, steht auch hier dem Buddelglück nichts mehr im Weg.
Andere aber macht schon das Begrünen des Balkons glücklich – sei es nun durch das Pflegen von Geranien, Tomaten oder Cannabisstauden. Wichtig für das Gärtnern ist sicherlich, sich einen Rat des Psychiaters Raphael M. Bonelli zu Herzen zu nehmen: „Nicht alles muss perfekt sein, um perfekt zu sein.“







