Anzeige
Anzeige
AfD Bundestagsfraktion, Spritpreise, Steuern runter

Bundeskanzler in der Öffentlichkeit: Das unglückliche Talent des Friedrich Merz

Bundeskanzler in der Öffentlichkeit: Das unglückliche Talent des Friedrich Merz

Bundeskanzler in der Öffentlichkeit: Das unglückliche Talent des Friedrich Merz

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) stolpert von einem PR-Desaster ins nächste.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) stolpert von einem PR-Desaster ins nächste.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) stolpert von einem PR-Desaster ins nächste. Foto: picture alliance/dpa | Michael Kappeler
Bundeskanzler in der Öffentlichkeit
 

Das unglückliche Talent des Friedrich Merz

Beim Blick auf die PR-Desaster rund um Kanzler Merz drängt sich unweigerlich der Stromberg-Vergleich auf. Die katastrophale Außendarstellung hat auch etwas Gutes, sie enthüllt die Machtverhältnisse in der Koalition. Ein Kommentar von Robert Willacker.
Anzeige

Friedrich Merz hat eine Gabe. Es gelingt dem Bundeskanzler, aus eigentlich harmlosen Situationen politischen Zündstoff zu fabrizieren, der ihm dann sogleich um die Ohren fliegt. Ein solcher Moment war der Vorabend des 1. Mai, beim Bürgerdialog in Salzwedel. Dort meldete sich eine Frau zu Wort, der Hautkrebs im höchsten Stadium attestiert worden war. Sie schilderte sichtbar nervös, dass sie sich nicht einmal mehr ihre eigene Beerdigung leisten könne, und sie fragte, mit welcher Begründung eine Regierung, die im Gesundheitsbereich kürze, gleichzeitig versucht habe, die eigenen Bezüge anzuheben.

Ein staatsmännischer und medienverständiger Bundeskanzler hätte in dieser Situation mit einigen wenigen, betont menschlichen Sätzen geantwortet und dadurch Mitgefühl gezeigt; das Thema wäre erledigt gewesen. Nicht so Friedrich Merz. Er ging die Schwerkranke an, beteuerte gleich mehrfach, „zu keinem Zeitpunkt“ habe die Bundesregierung über eine Anhebung ihrer Bezüge nachgedacht, und forderte sie in scharfem Tonfall auf, diese Behauptung künftig nicht mehr „ungeprüft“ weiterzutragen. Zu allem Überfluss vergriff Merz sich dabei nicht nur im Ton, sondern hatte auch noch in der Sache unrecht (JF berichtete).

Aus dem Bundesinnenministerium war ein Gesetzentwurf in die Welt gesickert, der dem Bundeskanzler ein deutliches Gehaltsplus beschert hätte. Erst als die Empörungswelle anrollte, zog man das Vorhaben kleinlaut zurück. Selbst Regierungssprecher Stefan Kornelius bestätigte das in der Bundespressekonferenz indirekt, indem er auf den „Verzicht“ der Minister verwies und auf ein Verfassungsgerichtsurteil zur Beamtenbesoldung.

Merz fabriziert PR-Unfälle in Serie

Während die Bilder aus Salzwedel noch durch die sozialen Netzwerke zogen, lieferte Merz seinen Kritikern sodann gleich weitere Munition. Im großen Spiegel-Gespräch klagte er, „kein Bundeskanzler vor mir hat so etwas ertragen müssen“. Gemeint waren die Anfeindungen in den sozialen Medien (JF berichtete). Der Satz war nicht nur weinerlich und schon allein dadurch eines deutschen Bundeskanzlers unwürdig – auch hier hatte Merz in der Sache abermals unrecht. Helmut Kohl hatte mit der Birnenkarikatur einst eine ganze Generation politischer Künstler und Kommentatoren gegen sich.


Auch sein politisches Ziehkind und spätere Bundeskanzlerin Angela Merkel wurde spätestens seit der Eurokrise immer wieder in den heftigsten Kategorien beschimpft, die das Internet zu bieten hat. Dass ausgerechnet Friedrich Merz, der gerade einmal ein Jahr regiert, sich selbst zum am härtesten geprüften Kanzler aller Zeiten ernennt, ist vor diesem Hintergrund vor allem eines: peinlich.

Der vorläufige Tiefpunkt seiner jüngsten PR-Desaster war damit aber noch nicht erreicht, denn der spielte sich in einem Vier-Sterne-Wellnesshotel in der niedersächsischen Heide ab. Im Forellenhof, mitten im Wahlkreis seines Vizekanzlers und Finanzministers Lars Klingbeil, ließ sich der Bundeskanzler zu einem 45sekündigen Instagram-Clip überreden, der schon jetzt zur Galerie der PR-Unfälle gehört.

Der geneigte Zuseher sieht Merz darin aus dem Dienstwagen steigen und reflexartig die Hose hochziehen. Man hört ihn beim hölzernen Versuch eines Witzes, als Klingbeil auf die Sauna verweist – „weit genug weg, gut – für die oder für uns?“. Und man erlebt, wie der Bundeskanzler mit kindlich aufgerissenen Augen vor einem Schwimmteich steht und entzückt feststellt: „So, guck mal hier, ein Schwimmteich. Das ist ja schön.“ Es fehlt nur noch ein „Boah!“, um den Vergleich mit Bernd Stromberg perfekt zu machen.

Klingbeil führt die Koalition

Es ist nicht die Frage, ob ein Kanzler solche Szenen tunlichst vermeiden sollte. Die Frage ist, welcher Mensch mit Verstand auf den Gedanken kommt, sie ins Internet hochzuladen. Während die Industrie abwandert, die Innenstädte verrohen, die Energiepreise klettern und die Mittelschicht die Inflation in den Knochen spürt, präsentieren sich Kanzler und Vizekanzler im Wellnesshotel, mit Sauna und Schwimmteich im Hintergrund, als zwei Kumpel auf Kurzurlaub.

Hinzu kommt der Subtext, den das Video ausstrahlt: Klingbeil führt diese Koalition längst in den entscheidenden Fragen, und Merz macht den Beifahrer. Wer sich öffentlich derart anschmiegt an den Mann, der ihm das Steuerrad der Koalition aus der Hand genommen hat, der signalisiert nicht Stärke, sondern Abhängigkeit. „Schön bei dir, @minister.larsklingbeil“, lautete der unterwürfige Gruß im Posting. Schöner lässt sich das Merzsche Beifahrertum kaum auf den Punkt bringen.

Merzsche Außenwirkung ist katastrophal

Man muss noch einmal daran erinnern: Friedrich Merz war einmal angetreten als der Mann, der die Union vom merkelschen Mehltau befreien werde. Er versprach Kante, Wirtschaftskompetenz und „Links ist vorbei“. Übrig geblieben ist eine Außenwirkung, die zwischen Selbstmitleid, Belehrung und peinlicher Anbiederung pendelt.

Die Umfragewerte spiegeln das wider. Die CDU rutscht in Berlin auf 19 Prozent, in Sachsen-Anhalt zeichnet sich am 6. September ein politisches Erdbeben ab. Friedrich Merz hat es in dieser kurzen Zeit geschafft, mehr Zweifel an seiner Person zu bestätigen, als seine Kritiker überhaupt je formuliert haben. Auch das ist eine Leistung, wenngleich eine zweifelhafte.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) stolpert von einem PR-Desaster ins nächste. Foto: picture alliance/dpa | Michael Kappeler
Anzeige
Anzeige

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
aktuelles