Die Wörter „Politik“ und „Ästhetik“ in einem Satz zu nennen mag kontraintuitiv erscheinen. Politik ist heute eben auch oft: Geschrei und Gegeifer, anklagende Finger, die sich auf echte oder vermeintliche Feinde richten, inhaltslose Rhetorik und widersprüchlicher Opportunismus. Vielleicht war das sogar schon immer so.
Dabei hatte der Philosoph Martin Heidegger (1889–1976) dem künstlerischen Akt, konkret der Dichtung, einst zugeschrieben, sie begründe erst überhaupt das Dasein eines Volkes, seine Sicht auf die Welt, im längeren Bogen dann auch seine Handlungsfähigkeit, demnach am Ende seine Politik. Das dichtende Wort, „das Sagen“, entwerfe die Welt und bringe „in der Bereitung des Sagbaren zugleich das Unsagbare als solches zur Welt“, dadurch werde „einem geschichtlichen Volk“ seine „Zugehörigkeit zur Welt-Geschichte vorgeprägt“. Sogar der gesellschaftliche Vertrag beruhe am Ende auf „einer gemeinsamen ästhetischen Erfahrung eines Volkes“.
Damit sind wir mittendrin, im Themenkomplex des Berliner Philosophen, Literaturwissenschaftlers und Psychoanalytikers Kai Hammermeister beziehungsweise in dem seines aktuellen Werks „Die Bergung“. Wie, so fragt der 1967 in Göttingen geborene Autor, der in den USA bei dem Philosophen Richard Rorty promovierte und später an der Ohio State University in Columbus, Ohio, lehrte, wie verhalten sich Politik und Ästhetik nach konservativem Ideal zueinander? Braucht es eine konservative Ästhetik, bevor es eine entsprechend gedeihliche Politik geben kann?
Erst die Steintafeln, dann die Ästhetik
Hammermeister vertritt, so viel wird klar, nicht die Position Heideggers. Zu sehr sorgt er sich, mit Carl Schmitt, darum, dass eine fehlende Grenzziehung der Politik gegenüber der Ästhetik zur „Politischen Romantik“ führen könnte, in der das Ästhetische, trotz oder gerade wegen seiner Überhöhung, seinen angestammten Platz in der geistigen Hierarchie verliert – „weder religiöse noch moralische, noch politische Entscheidungen, noch wissenschaftliche Begriffe sind im Bereich des Nur-Ästhetischen möglich“.
Was Hammermeister stattdessen vorschlägt: Kunst respektive Ästhetik soll, als Teil einer konservativen Politik, „bergend“ sein. „Bergende Kunst ist eine, die vom Auftrag, Staatsgebilde zu gründen, entbunden ist“, erklärt er. Was damit genau gemeint ist? Hier greift der Autor zu einem Gleichnis aus der Bibel. Da bekommen die Israeliten die Gesetzgebung ihrer Gemeinschaft, die Steintafeln mit den zehn Geboten, am Beginn ihrer Gemeinschaftswerdung. Von Kunst oder Dichtung ist hier nichts vermerkt – die erscheinen erst danach, als Moses in einer zweiten Offenbarung „detaillierte Anweisungen für den Kultus und Ritus“ erhält.
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Unabdingbar sei das Ästhetische demnach nicht für die Etablierung, sondern die Aufrechterhaltung eines Gemeinwesens. „Der Bund Gottes mit dem Volk Israel wird ästhetisch geborgen“, ebenso wie „sich das Volk in diesem Ritus als Gemeinschaft erneuert“. Die gängige Politik der Bundesrepublik, „der von Jürgen Habermas vertretene Verfassungspatriotismus“, sei hingegen „ein Versuch, solch ästhetische Bergung zu eliminieren“.
Der Leser muss sich durcharbeiten
Dieses Bergen, also Bewahren, Fortschreiben, aber auch Verbergen – vor dem zerstörerischen Zugriff der allzu profanen Welt –, sei um so wichtiger in einer Zeit, in der dem Menschen der Bezug zum Ding abhanden kommt. Notwendigerweise, denn dank der geplanten Obsoleszenz sämtlicher moderner Gebrauchsgegenstände kann sich der Mensch gar nicht mehr als Besitzer von irgend etwas, sei es ein Auto, ein Bett oder gar ein Haus, wahrnehmen. Die sprachliche Dichtung sei hingegen das, was das Ding, im Sinne eines heideggerianisch verdichteten Seins, „anspreche“ – doch gerade eben indem das Wichtige ungesagt bleibe. „Für dieses Geheimnis fehlt das Wort“ – und in „der Bergung erscheint uns das Ding“.

Sind Sie bereits verwirrt, lieber Leser? Finden Sie das alles verquast und unverständlich? Ein wenig Vorwissen über den durchaus eigentümlichen Sprachstil Heideggers kann bei der Lektüre sicher nicht schaden, doch auch wer bislang noch nicht in diese Welt eintauchte, kann sich durch „Die Bergung“ durcharbeiten. Kunstfreunde, vor allem jene der Lyrik, finden spannende Betrachtungen, Konservative finden ein Theoriewerk, das diese Bezeichnung auch tatsächlich verdient. Hier werden keine faulen Abkürzungen zur Tagespolitik eingeschlagen, sondern lange Linien aus dem abendländischen Textfundus gezogen.






