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Machtfragen: Politischer Realismus bleibt provinziell

Machtfragen: Politischer Realismus bleibt provinziell

Machtfragen: Politischer Realismus bleibt provinziell

Demonstranten der Klimabewegung Fridays for Future stehen anlässlich der Weltklimakonferenz COP30 am Brandenburger Tor. Es finden weltweit Klimaproteste statt, auch an zahlreichen Orten in Deutschland. Text zum „Politischen Realismus“. Fridays for Future 2025: Gesinnungsethik mit „dezidierter Zukunftsbezogenheit“. Foto: picture alliance/dpa | Jens Kalaene
Demonstranten der Klimabewegung Fridays for Future stehen anlässlich der Weltklimakonferenz COP30 am Brandenburger Tor. Es finden weltweit Klimaproteste statt, auch an zahlreichen Orten in Deutschland. Text zum „Politischen Realismus“. Fridays for Future 2025: Gesinnungsethik mit „dezidierter Zukunftsbezogenheit“. Foto: picture alliance/dpa | Jens Kalaene
Fridays for Future 2025: Gesinnungsethik mit „dezidierter Zukunftsbezogenheit“. Foto: picture alliance/dpa | Jens Kalaene
Machtfragen
 

Politischer Realismus bleibt provinziell

Mit „Politischer Realismus“ legen Wissenschaftler einen zweibändigen Überblick über zentrale Denker und Begriffe vor. Verhandelt werden unter anderem Machiavelli, Hobbes und Weber. Was fehlt, ist ausgerechnet das, was heute entscheidend wäre: der Blick auf die neuen Machtzentren.
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Lange Zeit hatte das Wort „Realismus“ einen negativen Beigeschmack. Im politischen Zusammenhang galt es als Synonym für „Zynismus“, wenn nicht Schlimmeres, und wo Visionen, gar Utopien, gefordert waren, gerieten diejenigen, die für Wirklichkeitssinn und ein gerüttelt Maß an Skepsis plädierten, rasch ins Hintertreffen. Das hat sich geändert und nicht erst seitdem der Kanzler die Bedeutung der Macht für die Politik wiederentdecken musste.

Deutlich wird das auch an den Ergebnissen einer Arbeitsgruppe von Historikern, Philosophen und Sozialwissenschaftlern zum Thema „Politischer Realismus“, die jetzt in zwei Sammelbänden vorliegen. Deren Inhalt gliedert sich in sechs Hauptabschnitte: Der geistesgeschichtliche Ursprung des politischen Realismus in der Antike; Der Politische Realismus und die Staatsräson der Neuzeit; Theoriebildung und Kritik des Politischen Realismus in der Moderne; Die rezeptionsgeschichtliche Aneignung und Zurückweisung des politischen Realismus; Der politische Realismus in seiner geopolitischen Manifestation; Die Affirmation und Kritik des realistischen Paradigmas in der modernen politischen Theorie.

Während einzelne Beiträge systematische Aspekte behandeln – von der Frage der „Wehrhaftigkeit“ Europas bis zur „Rückkehr des Leviathan“ in den diplomatischen Beziehungen der Gegenwart –, widmet sich die Mehrzahl einzelnen Denkern und deren Überlegungen. So wird der Bedeutung des „Melier-Dialogs“ im Werk des Thukydides ebenso nachgegangen wie den Reflexionen eines Niccolò Machiavelli, eines Thomas Hobbes, eines Carl von Clausewitz, eines Karl Marx, eines Leo Strauss oder eines Panajotis Kondylis. Selbst heute weitgehend vergessene Denker wie James Burnham oder Reinhold Niebuhr kommen zur Sprache. 

Kanon mit Leerstellen

Es fehlt allerdings mancher Name, den man eigentlich erwartet hätte – selbstverständlich derjenige von Carl Schmitt, aber auch derjenige von Hermann Heller, Arnold Gehlen oder Julien Freund –, was man zum Teil mit dem strukturellen Problem derartiger Projekte erklären kann. Es steht nicht für jedes Thema ein qualifizierter Mitarbeiter zur Verfügung, es mag heute aber auch mit den strengen Kriterien politischer Korrektheit im Wissenschaftsbetrieb zu tun haben. Was nicht bedeutet, dass hier nur konformistische Urteile geboten werden.

So trägt Tim F. Huttel mit seinem Aufsatz über „Max Webers tragische Ethik und die Normativität der ‘Realitäten des Lebens’“ wesentlich zur Klärung einer entscheidenden Problemstellung bei. Hervorzuheben ist insbesondere die Art und Weise, in der er die Behauptung abweist, Webers Unterscheidung von „Gesinnungs-“ und „Verantwortungsethik“ laufe auf eine Doppelmoral hinaus. Vielmehr zeigt Huttel, dass Weber zwischen der Skylla „Amoral“ und der Charybdis „Universalmoral“ hindurchzusteuern suchte. Der „Beruf zur Politik“ forderte seiner Meinung nach den Staatsmann, der weder gewissenlos zugunsten eines wie auch immer definierten „Interesses“ handelt, noch versucht, diese Welt in etwas zu verwandeln, was sie nicht sein kann. Es ging Weber zuletzt wie allen „Realisten“ darum, den Forderungen der verschiedenen Bereiche Genüge zu tun.

Es fehlt der Realismus der Anderen

Womit der Verfasser zu Folgerungen kommt, die den Herausgebern Felix Herkert, Jan Kerkmann und David Manolo Sailer eher unbequem sein dürften. Denn die sehen sich auf dem „Weg zum politischen Idealismus“, wie sie im Schlusstext des zweiten Bandes deutlich machen. Dessen Vorzug gegenüber dem Realismus liegt für sie darin, dass er „auf überzeitliche Normen und objektive Maßstäbe“ zurückgreift und durch „dezidierte Zukunftsbezogenheit“ ausgezeichnet ist, zumal „mit der Demokratie eng konnotierte Ideen und Begriffe wie Gewalten(ver-)teilung, Verfassungs- und Gesellschaftsvertragsdenken sowie verbindliche Grundrechte zuvor ‘erdacht’ und normativ ‘aufgeladen’ werden müssen, bevor sie daraufhin empirisch-geschichtlich zum Durchbruch gelangen können“.

Damit wird auch ein dritter Band der Reihe „Politisches Denken in Europa“ vorbereitet, der sich eben diesem „Idealismus“ widmen soll. Dass das die Mühe lohnt, darf man bezweifeln. Sinnvoller wäre es gewesen, den „eurozentrischen“ Blick auf den „Realismus“ zu weiten. Das könnte sehr erhellend wirken, aus geistesgeschichtlicher wie aus aktueller Perspektive. Es bliebe jedenfalls lohnend, der Frage nachzugehen, welchen Einfluss die „realistische“ oder „neorealistische“ Denkschule in den USA auf den „Trumpismus“ nimmt, oder zu erhellen, was es bedeutet, wenn man in China mit neuer Aufmerksamkeit auf den antiken „Legalismus“ blickt oder in Indien versucht, aus dem „Arthasastra“ des Kautilya – wohl entstanden in der Zeit des Maurya-Imperiums – Leitlinien für den kommenden Aufstieg zur Supermacht abzuleiten.

Aus der JF-Ausgabe 14/26.

Fridays for Future 2025: Gesinnungsethik mit „dezidierter Zukunftsbezogenheit“. Foto: picture alliance/dpa | Jens Kalaene
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