Nach der Autobranche und dem Maschinen- und Anlagenbau ist die chemisch-pharmazeutische Industrie mit 220,4 Milliarden Euro Umsatz der drittgrößte Industriezweig in Deutschland. Mit 476.000 gutbezahlten Beschäftigten (Monatsverdienst: 6.023 Euro) sichert die Branche acht Prozent der 6,1 Millionen Industriearbeitsplätze, und sie ist das Nervensystem, das fast jede industrielle Wertschöpfungskette speist. Doch „für viele Chemieunternehmen geht es jetzt um das nackte Überleben“, warnt Anna Wolf vom Münchner Ifo-Zentrum für Innovationsökonomik.
Zu beobachten sei nicht nur das Ende einer konjunkturellen Schönwetterperiode (Branchenumsatz 2022: 261,2 Milliarden Euro), sondern massive strukturelle Veränderungen. Jahrelang wurde die Substanz durch hohe Energiepreise und eine regulatorische Fesselung ausgehöhlt. „Die Situation zu beschreiben, als würde sie sich lediglich verschlimmern, wäre eine gefährliche Untertreibung“, so Wolf weiter. „Die Folgen der Kriegshandlungen im Nahen Osten treffen die ohnehin angeschlagene Chemiebranche mit voller Wucht.“ Denn Öl und Gas sind in der Chemie nicht nur Brennstoffe, sondern fundamentale Produktionsgrundlage, die stoffliche Basis fast aller Erzeugnisse.
„Die Lage der Branche wird immer kritischer“, warnt Ifo-Ökonomin Wolf
Wenn dieses Fundament durch Verteuerung und Verknappung wegbricht, gerät ein System ins Rutschen, das auf der Fiktion verlässlicher Preise und ewiger Lieferströme errichtet wurde. Die Konsequenz: Produktionsentscheidungen werden vertagt, Investitionen fließen in Regionen, die ihre geopolitischen Hausaufgaben gemacht haben, und traditionsreiche Standorte werden zur Disposition gestellt. Gleichzeitig erweisen sich die globalen Transportwege als Falle. „Die Lage der Branche wird immer kritischer – dass der Irankrieg und die Blockade der Straße von Hormus die Situation verschlimmern, ist zu milde formuliert“, sagt Wolf.
Wegen der hohen Energiepreise konnte die deutsche Chemieindustrie schon in den vergangenen Jahren kaum noch international wettbewerbsfähig produzieren. Hinzu komme eine global schwächere Nachfrage. Die Pharmaindustrie schlägt Alarm wegen Helium. Dieses Edelgas, ein Nebenprodukt der Erdgasförderung, ist wichtig für die Qualitätskontrolle von Medikamenten – und ohne Freigabe keine Patientenversorgung. DDeutschland ist hier fast vollständig auf Importe angewiesen: Katar ist mit einem Drittel nach den USA der global zweitgrößte Produzent.
Irankrieg trifft die Chemieindustrie ins Herz
Auch bei anderen Rohstoffe ist Deutschland auf Einfuhren angewiesen – doch Russland ist tabu, und China beherrscht immer mehr den Weltmarkt, was ebenfalls für explodierende Preise und Knappheit sorgt. Doch die chemische Industrie ist ein Grundversorger der gesamten Wirtschaft, und sie steht am Anfang sehr vieler Lieferketten: „Ihre Produkte stecken in unglaublich vielen Dingen, zum Beispiel in Kunst- und Baustoffen, in Reinigungs- oder Düngemitteln. Sie sind wichtig für die Nahrungsmittelsicherheit“, mahnt die Ifo-Ökonomin. Wenn es dort zu Preiserhöhungen oder noch schlimmer zu Versorgungslücken komme, strahle das auf sehr viele Wirtschaftszweige aus: „Wir können es uns schlicht nicht mehr leisten, die Deindustrialisierung dem freien Spiel der Kräfte zu überlassen.“
In einer Welt, in der verlässliche Partnerschaften zur Mangelware geworden sind, wird die Abwanderung systemrelevanter Industrien zur nationalen Sicherheitsgefahr. Der Irankrieg wirke wie ein Brennglas: Er legt die strukturelle Verwundbarkeit eines Standorts offen, der sich im Rausch einer moralisierten Außenpolitik und einer naiven Wirtschaftswahrnehmung selbst entwaffnet hat. Die Abhängigkeit von Energie und sicheren Handelswegen ist die neue, harte Realität. Während die Politik staunend am Seitenrand steht, zeigt sich: Die Straße von Hormus mag geographisch fern sein – ökonomisch aber verläuft sie direkt durch das Herz unserer Industrie.







