Wenn ein politisches Milieu seine eigenen Vordenker einmottet, handelt es sich immer um einen bemerkenswerten Vorgang. Während die Linke mit Marx seit fast 150 Jahren einen regelrechten Kult betreibt und sich von der Exegese auch noch des letzten Zettelchens Aufschlüsse über die Gegenwart erwartet – von den Ökonomisch-philosophischen Manuskripten aus dem Jahr 1844 bis zum berühmt-berüchtigten „Maschinenfragment“ aus den Vorarbeiten zum „Kapital“ –, beschließt der Historiker Karlheinz Weißmann an diesem Abend in der Bibliothek des Konservatismus kurzerhand, dass Arthur Moeller van den Bruck – als Publizist der Weimarer Zeit einer der maßgeblichen Architekten der Konservativen Revolution –, keine Rezepte mehr für die heutige Rechte parat habe.
„Als Historiker geht es mir vor allem um Historisierung“, begrüßt er sein vielangereistes Publikum. Die Zahl der Leute, die Moeller anders als er für hochaktuell halten, ist bemerkenswert. O-Ton Weißmann: „Vor zehn Jahren hätte ich mir nicht vorstellen können, dass ein Vortrag über ein so trockenes Thema so viel Interesse weckt.“ Er selbst sei damals in den 70er Jahren mehr durch Zufall auf die Konservative Revolution gestoßen, nämlich durch ein Buch des Münchner Politikwissenschaftlers Kurt Sontheimer, in dem dieser vor Moeller und seinen Leuten warnte. „Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik“ hieß der an die 400 Seiten lange, in Signalfarben eingeschlagene Wälzer. „Ich bin damals durch sämtliche Antiquariate meiner Heimatstadt gestromert, um genau die Bücher zu kaufen, die Sontheimer als besonders gefährlich einstufte – so hat er sich das bestimmt nicht vorgestellt“, lächelt der Studienrat, der knapp 40 Jahre lang als Lehrer für Religion und Geschichte in Niedersachsen gearbeitet hat. Der augenscheinlich recht hohe Anteil junger Zuhörer mag ihn dabei an frühere Zeiten erinnert haben.
Die unwahrscheinliche Renaissance eines deutschen Nationalisten
Knapp 50 Jahre, nachdem er Moeller über Sontheimer kennengelernt hat, tritt nun mit Weißmann einer der wichtigsten konservativen Geschichtswissenschaftler an, um den Denker einzuordnen. Und das heißt eben auch: ihn der Vergangenheit zu übergeben. Dabei gesteht Weißmann Moeller gerade heute eine „besondere Aura“ und einen „Nimbus“ zu. Doch er sehe eine „Moeller-Romantik“ am Werk – vor allem im Ausland. So hätten seine Gesprächspartner unlängst bei einem Besuch in Paris „glänzende Augen“ bekommen, als er ihnen von seinem neuesten Buch – einer Einführung zu Moeller, die er an diesem Abend in der BdK vorstellt – erzählte. „Selbst in Polen kam jüngst eine Ausgabe von ihm heraus. Und das, obwohl diese Leute wissen, wofür Moeller steht“, gibt sich Weißmann erstaunt.
Anläßlich des 150. Geburtstags Moeller van den Brucks am 23. April 2026 zeichnet Karlheinz Weißmann in Band 9 unserer Schriftenreihe ERTRÄGE Leben und Denken dieses großen konservativen Denkers nach.
👉 Infos & Bestellung siehe hier: https://t.co/FQK1tCFYcA pic.twitter.com/8179bClM1q
— Bibliothek des Konservatismus (BdK) (@BdK_Berlin) April 21, 2026
Moeller, geboren 1876 in Solingen, schlechter Schüler, Bohème, später nationalistischer Schriftsteller, wählte 1925 mit nicht einmal 50 Jahren aus ungeklärten Gründen den Freitod, hinterließ aber mit Werken wie „Der Preußische Stil“ und „Das dritte Reich“ wesentliche Werke der Konservativen Revolution. Der Schriftsteller Edgar Julius Jung – als Hitlergegner 1934 in Folge des „Röhm-Putschs“ ermordet – und der Kreis der „Jungkonservativen“ beriefen sich auf ihn als Vordenker. Die Nationalsozialisten vernutzen einige der von ihm geprägten Vokabeln – etwa „Drittes Reich“ –, verwarfen ihn aber am Ende als „letzten Konservativen“. Linke sehen in ihm und allen anderen Vertretern der Konservativen Revolution – Spengler, Zehrer und Quabbe zum Beispiel – trotzdem Wegbereiter der späteren Naziherrschaft.
„Ja, wo sind denn diese Rezepte bei Moeller!?“
Dass das Ausland sich auf einmal für Moeller zu interessieren beginnt, darf insofern durchaus als Besonderheit gelten. „All diese jungen Leute suchen jetzt in seinen Büchern Rezepte. Ja, wo sind denn diese Rezepte!?“, fragt Weißmann etwas herausfordernd in die Runde, die in Teilen erstaunt ist über diese Absage an Moellers Aktualität. „Als ich damals diesen Satz gelesen habe: An Liberalismus gehen die Völker zugrunde, da habe ich das gleich auf die Welt bezogen, in der wir leben“, wirft einer der Zuhörer ein. Schließlich seien Ungetüme wie die EU oder der Euro perfekte Beispiele für angewandten Liberalismus.
Weißmann lächelt und verweist auf seine Kontroverse mit Armin Mohler, Verfasser des berühmtem Handbuchs zum Thema, dessen dritte überarbeitete Fassung von Weißmann stammt. „Mohler hätte das wohl ganz genauso gesehen wie Sie“, pflichtet Weißmann dem Fragesteller bei. Nur um dann ganz grundsätzlich eine Lanze für den deutschen Liberalismus zu brechen.
Die Konservative Revolution gegen den Strich lesen
„Hätte ich damals zu Zeiten der Weimarer Republik gelebt – ich hätte wahrscheinlich die DDP gewählt“, sagt er und meint damit die ursprüngliche liberale Sammlungsbewegung der Deutschen Demokratische Partei, in die von Walther Rathenau, Friedrich Naumann über Friedrich Meinecke bis hin zu Max Weber einige der wichtigsten Intellektuellen der Weimarer Zeit aktiv waren. „Das waren Männer, die Deutschland hätten retten können“, betont Weißmann ernst. Und bekräftigt nebenbei, dass mit dem Diktum „An Liberalismus gehen die Völker zugrunde“ aus „Das dritte Reich“ mitnichten solche Liberale wie der Theologe Ernst Troeltsch gemeint seien. Vielmehr – und spätestens da wird das gewagte Denkmanöver, das Weißmann an diesem Abend in der BdK vorführt, deutlich – habe die Konservative Revolution selbst viele ihrer eigensten Anliegen vom deutschen Liberalismus übernommen.
Und auch sonst geht es im Referat viel um Umdeutung. Weißmann müht sich, Moeller gegen den Strich zu lesen, entzaubert gängige Mythen über den angeblich russophilen („Moeller schätzte die Amerikaner sehr“) und sowjetfreundlichen Autor („Moeller hat sich gemerkt, was die Kommunisten der Nation 1918 antaten“). „Historisieren“ heißt für Weißmann eben auch, das ganze Bild einfangen, interessierte Verengungen sprengen. So habe Moeller bereits 1915 während seiner Zeit in Abteilung IV des Außenamtes – ein Propagandabüro – in seiner kurzen Schrift „Belgier und Balten“ für ein Baltikum unter deutscher Schirmherrschaft geworben, um den Einfluss des Zarenreiches von dort fernzuhalten: „Das Baltikum kann nie russisch werden, weil es protestantisch ist: weil dort, wo es sich aus der sarmatischen Ebene gegen die Küste abhebt, die orthodoxe Werbekraft endet.“ Und auch den Sozialismus habe er am Ende viel weniger ernst genommen als nationalbolschewistische Zeitgenossen wie Niekisch.
Sind Moellers Ideen „versteinerter Kaviar“?
Summa summarum stößt also gerade der Historiker, der zeitlebens zu den geistigen Vätern der deutschen Rechten geforscht hat, eine Ikonen quasi vom Sockel – „historisiert“ sie – und liest sie auf eine Art und Weise neu, dass sie auf einmal in der Schuld ihrer intellektuellen Widersacher stehen. Man müsse nüchtern abschliessend sagen, so Weißmann, dass von Moeller wohl bleibe, was Ernst Jünger einmal über Autoren meinte, deren Zeit vorbei sei: „Versteinerter Kaviar“.
Von der JF danach gefragt, wie er – nicht als Historiker, sondern als politischer Kommentator – zur aktuellen Moeller-Renaissance unter meist jungen Lesern stehe, antwortet er, dass sich dieses Faszinosum wohl aus „Unverständnis“ speise. Nicht umsonst hätten sich die großen Vertreter der Konservativen Revolution – Ernst Jünger, Carl Schmitt, Gottfried Benn – irgendwann innerlich von derselben verabschiedet.
Fragt sich, wie weit man das Spiel mit der Mottenkiste treiben kann … und ob nicht von Moeller am Ende dasselbe gilt wie von Hegel – den der konservative Revolutionär in seinen Schriften immer wieder imitierte –, von dem Marx bereits 1873 in seinem Nachwort zur zweiten Auflage des „Kapitals“ beklagte, dass man ihn in Deutschland behandele wie einen „toten Hund“. Hegel hat danach noch bis in die Gegenwart hinein Karriere gemacht. Ist am Ende, lebendige Ideen für tot zu erklären, nicht eigentlich ein Akt von Selbsteinmottung? Oder ist es einfach nur wirklich konservativ, zu wissen, wann man die eigenen Helden einmotten sollte?
Es ist abends halb zehn in Deutschland, als Weißmann sein Publikum mit diesen beiden Fragen im Kopf in die Charlottenburger Nacht schickt. Eine Facette dieser Dialektik wird jedenfalls sein, dass Weißmann gerade mit seinem „historisierenden“ Einführungsband wohl einen ganzen Haufen junger Leute erst recht dazu bringen wird, ihn als Denker im Jetzt und Hier zu lesen.






