Pfleger auf einer Intensivstation in einem Krankenhaus in Halle
Pfleger auf einer Intensivstation in einem Krankenhaus in Halle Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Waltraud Grubitzsch

„Angst vor Triage war unbegründet“
 

Wissenschaftler stellen Überlastung der Intensivstationen in Frage

BERLIN. Neun Wissenschaftler um den Medizinprofessor Matthias Schrappe haben Drohungen aus der Politik vor einer Überlastung der Intensivstationen wegen Corona-Patienten zurückgewiesen. Sie hatten Daten zur intensivmedizinischen Versorgung während der Corona-Pandemie neu ausgewertet und ihre Ergebnisse am Sonntag in einer Ad hoc-Stellungnahme veröffentlicht. Darin kamen sie zu anderen Schlüssen, als jenen, die Politik und Fachgesellschaften gegenüber der Bevölkerung verbreitet hatten – besonders in den Wochen vor der Einführung der sogenannten Bundes-Notbremse.

In ihren Untersuchungen hatten die Wissenschaftler den Fokus beispielsweise auf die Akutstationäre Versorgung, die Ausstattung mit Intensivbetten im internationalen Vergleich oder die Verfügbarkeit der Intensivkapazität gelegt. Unter anderen waren daran auch der Hamburger Rechtsmediziner Klaus Püschel oder der Bremer Allgemeinmediziner Matthias Gruhl beteiligt.

„Die Verbesserung der allgemeinen Daten zur Prognose der Infektion (Altersdurchschnitt, Hospitalisierung, Letalität) lassen allerdings Zweifel an einer relevanten Verschlechterung der Intensivversorgung aufkommen“, erklärten die Forscher in ihrem Resümee.

„Angst vor knappen Intensivkapazitäten war unbegründet“

Der Gesundheitsökonom Schrappe konkretisierte in einem Interview mit der Welt am Sonntag die Erkenntnisse der Wissenschaftler. Laut dem Blatt legt ihr Bericht sogar Manipulationen in offiziellen Statistiken, Subventionsbetrug und zweifelhafte Verwendung von Fördermitteln nahe. „Im Rückblick tun sich Fragezeichen auf, ob da redlich gespielt wurde“, sagte Schrappe.

Außerdem stünde nun fest: „Die Angst vor knappen Intensivkapazitäten oder der Triage war unbegründet“. Genau diese Angst sei jedoch von der Politik transportiert worden. Und es stehe weiter fest, daß das vielen Entscheidern während des gesamten Pandemieverlaufs bewußt gewesen sein müsse, verdeutlichte Schrappe.

Selbst auf den Höhepunkten aller drei „Wellen“ seien nie mehr als 25 Prozent der Intensivbetten mit Covid-Patienten belegt gewesen. Deutschland habe zudem europaweit die meisten Intensivbetten und stehe auch weltweit an der Spitze. „Man kann über das deutsche Gesundheitssystem so ziemlich alles sagen – nur nicht, daß wir nicht genügend stationäre und intensivmedizinische Kapazitäten haben.“

Zahl der Pflegekräfte stieg

Zusätzlich gebe es in Deutschland 11.000 Betten als Notfallreserve. Die seien nie aufgebaut und nie in Betrieb genommen worden. „Wir ängstigen uns auf hohem Niveau“, kritisiert Schrappe. Obwohl die Bundesregierung eine halbe Milliarde Euro in die Hand genommen hätte, um den Aufbau zusätzlicher Intensivkapazitäten zu finanzieren, existierten diese Betten augenscheinlich gar nicht. „Sie sind offensichtlich niemals geschaffen worden oder wurden beantragt, obwohl es keine Pflegekräfte dafür gab“, wunderte sich der Mediziner.

Selbst an der Erzählung, es habe zu wenig Pflegekräfte gegeben, könne nicht soviel dran sein. Nach Daten der Bundesagentur für Arbeit sei es niemals zu einem Rückgang der Pflegekräfte gekommen, sondern zu einer erheblichen Aufstockung von 43.000 Personen allein im Jahr 2020. Die Monate November und Dezember seien da noch gar nicht mit einbezogen worden.

Es habe in den Krankenhäusern sogar die Tendenz gegeben, Patienten während der Pandemie ohne Not auf die Intensivstation zu verlegen. „Gemessen an der Sieben-Tage-Melderate sind nirgendwo sonst auf der Welt so viele Covid-Kranke auf Intensivstation behandelt worden wie bei uns.“  Ende April 2021 seien beispielsweise 61 Prozent der Covid-Patienten in Krankenhäusern auf Intensivstationen behandelt worden. Im Vergleich dazu waren es laut Schrappe in der Schweiz nur 25 Prozent, in Italien elf Prozent.

„Es geschehen da seltsame, unverständliche Dinge“

Der Wissenschaftler äußerte zudem Zweifel an einem zielgerichteten, adäquaten Einsatz der Ressourcen. Auch sei in der Untersuchung der Wissenschaftler zutage getreten, daß an einzelnen Tagen offiziell mehr Patienten auf Intensivstation lagen, als überhaupt hospitalisiert waren. „Es geschehen da seltsame, unverständliche Dinge“, faßte Schrappe die Situation zusammen.

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Zuspruch für ihren Bericht erhielten die Wissenschaftler beispielsweise von dem Professor für Öffentliche Finanzen von der Leibniz Universität Hannover, Stefan Homburg. „Die Welle rollt: Auch dieser aktuelle Artikel befasst sich mit der Problematik getürkter Zahlen und spricht von Subventionsbetrug. Corona entpuppt sich allmählich als einziger Selbstbedienungsladen“.

Verbände weisen Kritik vehement zurück

Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), der Marburger Bund Bundesverband und die Deutsche Krankenhausgesellschaft wiesen die Ergebnisse der Wissenschaftler vehement zurück. „Viele der Anwürfe Schrappes basieren auf Fehleinschätzungen und mangelnder Kenntnis der tatsächlichen Lage in Kliniken“, entgegneten sie in einer gemeinsamen Pressemitteilung am Montag. Es sei ihrer Aussage nach nie um Angst und Panikmache gegangen, sondern um Vorsicht.

Zudem wiesen sie darauf hin, daß ein Intensivbett nicht nur das vorhandene Bett mit Beatmungsgerät sei, sondern es hierbei um die Anzahl tatsächlich betreibbarer Betten gehe. Dafür müsse ein Raum, funktionsfähige Geräte und Material pro Bettenplatz, Betten sowie eine personelle Besetzung mit pflegerischem und ärztlichem Fachpersonal vorhanden sein.

Daß Operationen nicht verschoben worden seien, wiesen die Verbände ebenfalls von sich. „Zeitweise haben die Krankenhäuser 40 Prozent weniger operiert als in normalen Jahren“, erklärten sie. Als Schlag ins Gesicht der Ärzte und Pflegekräfte werteten sie Schrappes Vorwurf, daß Patienten ohne Not auf Intensivstationen gelegt worden seien.

(hl)

Pfleger auf einer Intensivstation in einem Krankenhaus in Halle Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Waltraud Grubitzsch
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