Der Begriff „Hypermoral“ hat mittlerweile eine gewisse Geläufigkeit. Geht man nach der Statistik, die entsprechende Trends im Netz erfasst, kam er während der sogenannten Flüchtlingskrise 2015 in Umlauf und brachte Kritik am pausbäckigen „Wir schaffen das!“ zum Ausdruck, das sich mit der Überzeugung verband, die einzig denkbare sittliche Haltung zu vertreten. Seither hat es immer wieder kürzere Konjunkturen gegeben, aber durchsetzen konnte sich der Terminus nicht. Das mag eine Ursache darin haben, dass er für mehr steht als die Ablehnung politischer Bläuäugigkeit, eine andere könnte sein, dass er auf ein Buch Arnold Gehlens zurückgeht, das zwar seit seinem ersten Erscheinen 1969 immer wieder nachgedruckt wurde, aber den „Torwächtern“ der öffentlichen Meinung ein Gegenstand des Misstrauens blieb.
Intern hat Arnold Gehlen „Moral und Hypermoral“ als „Der Mensch III“ bezeichnet, zum Zweck der Unterscheidung von seinen früheren Werken „Der Mensch“ („Mensch I“) und „Urmensch und Spätkultur“ („Der Mensch II“). Ganz überzeugend war das aber nicht, denn trotz des intellektuellen Anspruchs ist unverkennbar, dass es sich bei „Moral und Hypermoral“ weniger um eine wissenschaftliche Arbeit, eher um einen polemischen Essay handelt. Die Grundlegung einer „pluralistischen Ethik“, wie im Untertitel angekündigt, entfaltete sich deshalb vor allem in scharfer Auseinandersetzung mit dem, was Gehlen den „Humanitarismus“ nannte, jene wirklichkeitsfremde, dauernd mit großen und größten Worten hantierende Weltanschauung, die seit dem Beginn der sechziger Jahre zunehmend Einfluss gewann.
Dagegen setzte Gehlen die alte Einsicht, dass jede realistische Ethik von mehreren Lebenskreisen auszugehen hat, deren Verwechslung fatale Folgen nach sich ziehen muss. Insbesondere verwarf er die Idee, man könne das staatliche Leben nach den Maßstäben der Privatmoral – der „Kleingruppenethik“ – beurteilen; die Eigengesetzlichkeit des Politischen verlange zwar keine Amoral, wie gelegentlich behauptet, aber eine spezifisch politische.
Die Gedankengänge hinter „Hypermoral“
Der jetzt veröffentlichte Band 8 der Gesamtausgabe, in dessen Zentrum „Moral und Hypermoral“ steht, dokumentiert die Entwicklung des Gehlenschen Denkens bis zu diesem Punkt. Von erheblicher Bedeutung ist dabei die Einordnung in den Kontext der Anthropologie Gehlens, die ihren Niederschlag in den Aufsätzen „Die Institutionen und die Probleme der Ethik“ und „Der Pluralismus in der Ethik“ findet. Dagegen setzt der Beitrag „Die ethische Tragweite der Verhaltensforschung“ einen etwas anderen Akzent. Das ist ganz wesentlich damit zu erklären, dass Gehlen hier eine gewisse Korrektur seiner Argumentation vorgenommen hat.

Bis dahin hatte er immer seine Distanz zu einer auf die Biologie konzentrierten Anthropologie betont. Er betrachtete den Menschen als „Mängelwesen“, unspezialisiert und instinktarm, und damit qualitativ verschieden vom Tier, das spezialisiert und instinktsicher agiert. Das Tier hat deshalb kein Problem, sich in seiner „Umwelt“ zurechtzufinden, anders als der Mensch, der der „Welt“ insgesamt gegenübersteht und deshalb auf künstliche Verhaltensstabilisierung – durch die Kultur – angewiesen bleibt.
Unter dem Eindruck der Forschungsergebnisse, die die Ethologie präsentierte, kam Gehlen aber zu der Auffassung, dass „instinktnahe“ Orientierungen unser Verhalten doch stärker bestimmen als von ihm ursprünglich angenommen. Nur bedeutete das seiner Meinung nach nicht, dass jene Probleme, die sich in der Moderne aus dem Naheverhältnis des Menschen zu Milliarden anderer Menschen ergeben, einer Lösung näher kommen.
Lothar Samson, Karl-Siegbert Rehberg (Hrsg.): Moral und Hypermoral und weitere Schriften zur Ethik und Religion. Arnold Gehlen Gesamtausgabe, Band 8, Verlag Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main 2025, gebunden, 710 Seiten, 139 Euro.
![Der deutsche Soziologe und Philosoph Arnold Gehlen in den 70er Jahren. Er wurde am 29. Januar 1904 in Leipzig geboren und starb am 30. Januar 1976 in Hamburg. 1971 wurde er mit dem Adenauer-Preis für Wissenschaft ausgezeichnet. [dpabilderarchiv]](https://assets.jungefreiheit.de/2026/01/Bildschirmfoto-2026-01-29-um-15.48.51.png)




