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Gegenspieler Bismarcks
 

Der Gegenspieler Bismarcks: Ludwig Windthorst zum 200. Geburtstag

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Ein Windthorstdenkmal steht vor dem Windthorstgymnasiums in Meppen Foto: Andi69/wikipedia.de

Wie sehr das Andenken an Ludwig Windthorst schon seit geraumer Zeit mehr oder weniger verblaßt ist, zeigt seine Wirkungsgeschichte. Während diejenigen Verbände, die über Jahrzehnte seinen Namen trugen, mit dem ganzen politischen Katholizismus 1933 untergegangen sind, existiert der Bund, der sich mit dem Namen seines Antipoden Otto von Bismarck schmückt, bis heute.

Lange dauerte es, bis eine wissenschaftlich fundierte Biographie über den katholischen Juristen erschien, die die amerikanische Historikerin Margareth Lavinia Anderson verfaßt hat und Ende der 1980er Jahre in deutscher Sprache auf den Markt kam. Eine Persönlichkeit wie Windthorst und eine Organisation wie die Zentrumspartei, die bereits früh mit der Metapher des Turmes beschrieben wurde, wirken im heutigen, weitgehend entpolitisierten Zeitalter (mit abnehmenden weltanschaulichen Bindungen) für viele anachronistisch.

Brillanter Rhetoriker

Windthorst, der zivile Intellektuelle, aus einer Familie von Juristen und höheren Beamten stammend, wurde gezwungen, ein Leben zu führen, das nicht selten vom Konflikt geprägt war. Auf dem Gut Kaldenhof bei Osterkappeln im vormaligen Fürstentum Osnabrück geboren, arbeitete er nach dem Studium als Anwalt, später als Rat am hannoverschen Oberappellationsgericht Celle und Mitglied der zweiten Abgeordnetenkammer im Königreich Hannover. Einige Jahre bekleidete er das Amt des Justizministers im Königreich Hannover. Sein antipreußischer Standpunkt brachte ihm manche Anfeindungen ein. Für das welfische Königshaus führte er 1867 die Abfindungsverhandlungen mit Preußen („Welfenfonds“).

Nach diversen weiteren Aufgaben, unter anderem in Gremien des Norddeutschen Bundes, wurde Windthorst 1871 Zentrumsabgeordneter im Reichstag. Schnell avancierte der brillante Rhetoriker zum Katholikenführer von „unbestreitbarer Fähigkeit und Autorität“ (Heinz Hürten). Seine strikt rechtsstaatliche Position mußte er im Rahmen des Kulturkampfes (und danach) immer wieder unter Beweis stellen. Diese Einstellung zeigte exemplarisch, daß katholische Parlamentarier weit mehr als Ultramontane sind, als die sie von ihren Gegnern häufig verleumdet wurden.

Zwischen Rom und der Reichstagsfraktion zerrieben

Sogar der streng royalistische Protestant und Mitbegründer der Kreuzzeitung, Ernst Ludwig von Gerlach, fungierte in den 1870er Jahren für einige Zeit als Hospitant der Zentrumsfraktion im Preußischen Abgeordnetenhaus. Windthorst schaffte es noch zu einem Zeitpunkt die katholischen Abgeordneten zusammenzuhalten, als einzelne Maßnahmen des Kulturkampfes, etwa die Maigesetze, schrittweise rückgängig gemacht wurden und der Druck von außen abebbte. Schwieriger gestaltete sich die Zusammenarbeit mit kirchlichen Würdenträgern, insbesondere mit römischen Instanzen, die zumeist auf direktem Weg mit der Reichsregierung verhandeln wollten und das Zentrum und seinen langjährigen Vorsitzenden ein ums andere Mal übergingen.

In der berühmten Rede im Kölner Gürzenich pochte Windthorst auf autonome Entscheidungskompetenz der katholischen Abgeordneten in weltlichen Angelegenheiten. Wie belastend er die Verhandlungen mit der Reichsregierung einerseits und dem Heiligen Stuhl andererseits empfand und wie sehr er stets in Gefahr war, zwischen beiden Polen zerrieben zu werden, belegte einer seiner überlieferten Seufzer: „Erschossen! Vor der Front erschossen! Vom Rücken her erschossen! Ich gehe nach Hause!“ Vorausgegangen war eine Konzession Papst Leos XIII., der angeordnet hatte, alle neuen Pfarrer bei der Regierung zu melden.

Nestor des Vereins- und Verbandskatholizismus

Man erkannte Windthorsts Rückgrat bei Freund und Feind an. Dem Sozialistengesetz verweigerte er sich aus rechtsstaatlicher Überzeugung, ohne daß man die geringsten Sympathien für die SPD annehmen mußte. Gegenüber den jüdischen Mitbürgern insistierte er auf politische Duldung – und das mit einem Nachdruck, der im katholischen Deutschland nicht unumstritten ist. Zusammen mit Ferdinand von Galen, dem Vater des legendären „Löwen von Münster“, und August Wilhelm von Ketteler leitete er in den späten 1870er Jahren die verstärkte Hinwendung seiner Partei auf die Sozialgesetzgebung ein.

Windthorst gelang es in fast zwanzigjähriger Arbeit als Abgeordneter, den parlamentarischen Gedanken im katholischen Volksteil fest zu verankern. Eine katholisch-konservative und liberale Gesinnung (bei aller Kritik am Liberalismus!) war ihm selbstverständlich. Das bekannte Zentrumsmotto – Wahrheit, Freiheit und Recht! – ging maßgeblich auf ihn zurück. In der Zeit von Windthorsts fruchtbarem Wirken bildete sich ein relativ geschlossener, dichter und intensiver Vereins- und Verbandskatholizismus heraus. Seine politischen Erben konnten nach seinem Tod 1891 auf dem aufbauen, was er geschaffen hatte. Das Bollwerk verschwand erst 1933, als es dem Heiligen Stuhl entbehrlich erschien.

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