Maskenpflicht auf einer Fähre zur Insel Hiddensee Foto: picture alliance/Jens Büttner/dpa-Zentralbild/ZB
Covid-19-Lage

Neue Maskendiskussion, die zweite Welle und weitere Kritik am Lockdown

Entspannungssignale überall: Viele Landkreise sind ohne Neuinfektionen, in vielen Bundesländern beginnt der Regelbetrieb in Kitas und Schulen, Kneipen und Restaurants machen auf, Arbeitnehmer fahren wieder ins Büro, Hallensport und Fitneßstudios laufen wieder an, und seit dem 16. Juni sind nun auch die Grenzen wieder offen.

Allerdings treffen die Innenminister Vorbereitungen für eine zweite Corona-Welle, auch die Nato wappnet sich nun. Nach Ansicht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sollte sich Europa bereits jetzt auf eine zweite tödliche Welle von Coronavirus-Infektionen einstellen. Es sei an der „Zeit für die Vorbereitung, nicht für Feierlichkeiten“, sagte der WHO-Regionaldirektor für Europa, Hans Kluge, kürzlich der britischen Zeitung The Telegraph. Hingegen sieht Alexander Kekulé, Virologe an der Uniklinik Halle, die Situation nicht so düster, da eine tödliche „zweite Welle“ nicht eine alles verschlingende Bedrohung wäre, sondern eher vielen kleinen Brandherden gleiche, die sich allerdings auch zu einem großen Feuer vereinigen könnten, wenn sie nicht früh entdeckt und ausgetreten werden.

Die Covid-19-Pandemie wird wahrscheinlich 18 bis 24 Monate andauern, bis eine Herdenimmunität, also eine Durchseuchungsrate von etwa 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung, erreicht ist, die die Verbreitungsmöglichkeiten des Virus ausbremst. Oder sie endet früher im Falle eines erfolgreichen Impfstoffes. Das Problem der „Superspreader“ müsse kontrolliert werden – als effektiv wird dabei vor allem das Verbot von Großveranstaltungen eingeschätzt. Professor Christian Drosten sieht die „Cluster-Strategie“ von Japan als Vorbild: Sobald dort eine infizierte Person entdeckt wird, werden alle Kontakte des Betroffenen analysiert, sofort als infiziert betrachtet und isoliert, ohne erst ein Testergebnis abzuwarten.

Streeck kritisiert Lockdown

Eine Kombination aus Abstandhalten, Mund-Nasen-Maske und Augenschutz könnte laut einer neuen Studie von Forschern der kanadischen McMaster-Universität im Fachblatt Lancet wirksam sein. Ein Abstand von einem Meter oder mehr ist mit einem wesentlich geringeren Infektionsrisiko verbunden, Visiere, Schutzbrillen und Brillen im allgemeinen scheinen das Risiko ebenfalls zu senken. Hier sei die Beweislage allerdings eher „gering“, so die Autoren. Es gibt die Annahme, daß das Auge ein möglicher Eintrittsort für das Virus sein kann. Das Infektionsrisiko kann mit Schutzmasken von 17,4 Prozent auf ca. 3,1 Prozent gesenkt werden, allerdings sei die Beweissicherheit insgesamt eher „niedrig“.

Eine Studie aus dem chinesischen Wuhan zeigt, daß besonders Patienten mit Vorerkrankungen, die dazu führen, daß ein Teil der weißen Blutkörperchen, der T-Zellen, abnimmt, nach Transplantationen oder einer Chemotherapie beispielsweise besonders schwer erkranken. Besonders übergewichtige Personen haben schwächere und weniger T-Zellen: Laut Uniklinik Essen habe es sich bei mehr als 70 Prozent der schweren Covid-19-Verläufe um übergewichtige Männer gehandelt. Die Vitamine A und C könnten die Funktion der T-Zellen verbessern. Bei Transplantierten könne man die Dosis der Medikamente zur Abwehrunterdrückung senken, bei Krebspatienten müßte man im Fall einer Sars-CoV-2-Infektion die Chemotherapie unterbrechen.

Virologe Hendrik Streeck hat den deutschen Lockdown mit seinen gravierenden Folgen umfassend kritisiert. Nach dem ersten Verbot von Großveranstaltungen im März seien die Infektionszahlen bereits gesunken. Deutschland sei „zu schnell in den Lockdown gegangen“, weil neben der Sorge um die Kapazität der Krankenhäuser „ein gewisser Druck in der Öffentlichkeit“ bestand. Komme es entgegen seiner Erwartung wieder zu einem großen Ausbruch, „wird man sich sicherlich hüten, wieder derart starke Maßnahmen zu ergreifen“, sagte Streeck.

Forderung nach Abschaffung der Maskenpflicht

„Ich glaube auch weiterhin nicht, daß wir am Ende des Jahres in Deutschland mehr Todesfälle als in anderen Jahren gehabt haben werden“, sagte der Mediziner. Auch in den USA erwartet er ein Abflachen der Welle. „So schnell hoch ging es dort ja unter anderem deshalb, weil Amerikaner mit Husten und Schnupfen weiter arbeiten gehen. Es gibt dort nicht diese Form der Krankmeldung wie in Deutschland“, sagte Streeck, der neun Jahre lang in den USA geforscht hat. In der Folge sei es zu wesentlich mehr Ansteckungen als in Deutschland gekommen. Den Nutzen der von der Bundesregierung angekündigten Corona-App zieht Streeck in Zweifel.

Streeck regte auch eine Diskussion über die Maskenpflicht an. „Am Anfang der Pandemie wurde ja dezidiert gewarnt vor Masken. Die Gründe dafür gelten immer noch, auch wenn sie merkwürdigerweise keine Rolle mehr zu spielen scheinen. Die Leute knüllen die Masken in die Hosentasche, fassen sie ständig an und schnallen sie sich zwei Wochen lang immer wieder vor den Mund, wahrscheinlich ungewaschen. Das ist ein wunderbarer Nährboden für Bakterien und Pilze.“

Auch der AfD-Bundestagsabgeordnete und Mediziner Axel Gehrke fordert die Abschaffung einer gesetzlich angeordneten Maskenpflicht. Zusätzlich hatte er den wissenschaftlichen Dienst des Deutschen Bundestages um eine Stellungnahme zur Wirksamkeit von Gesichtsmasken gegen Sars-COV-2 gebeten. In einer Kurzanalyse und unter Bezug auf die bereits erfolgte Ausarbeitung „Mund-Nasen-Bedeckung und Freiheitsrechte“ verweist der Dienst auf vier aktuell vorliegende neue Studien zur Wirksamkeit von Gesichtsmasken gegen das Corona-Virus.

Eine der Studien zeigte, daß bereits einfache Masken die räumliche Ausbreitung der kontaminierten Luft stark begrenzen können, wenn die Dichtigkeit des Filters mindestens der einer OP-Maske entspricht. Ohne vollständige Randabdeckung der Maske kann ein Schutz schwer gewährleistet werden. Gehrke führte aus: „In der aktuellen Situation, in der die Viruslast eher gegen Null geht und eben nicht ausreichend Masken mit nachgewiesener Wirkung zur Verfügung stehen, wovon die Regierung zweifellos Kenntnis hat, sind diese Einschränkungen wissenschaftlich nicht aufrechtzuerhalten. Es gibt daher nur eine Konsequenz: Freiwillig sollte jeder Bürger tun dürfen, was er für richtig hält, aber die gesetzliche Maskenpflicht gehört abgeschafft, und zwar sofort!“

Ignorierte Risikoanalyse

Allerdings hat die Weltgesundheitsorganisation ihren Standpunkt zum Tragen von Gesichtsmasken in der Corona-Krise vor kurzem gewechselt. Zur Eindämmung von Infektionen empfehle man nun ihre Nutzung in überfüllten öffentlichen Einrichtungen, wie dem öffentlichen Nahverkehr sowie anderen geschlossenen und stark frequentierten Bereichen. „Überall dort, wo es zu Übertragungen in der Öffentlichkeit kommen kann, raten wir Menschen über 60 Jahren oder Menschen mit Vorerkrankungen zudem, eine medizinische Maske zu tragen“, fügte WHO-Chef Tedros hinzu. Klar ist, daß ein Schutz für die Umgebung nur dann nachweislich besteht, wenn die Schutzmasken korrekt getragen werden und über das Filtrationsniveau einer OP-Maske verfügen.

Bekanntermaßen blieb die im Jahre 2012 durchgeführte Risikoanalyse eines aus Asien eingeschleppten „Virus Modi-Sars“ inklusive einer Pandemie-Simulation des Bundesgesundheitsministeriums ohne Konsequenzen. Laut Informationen von FDP-Bundestagsabgeordneten hätten sich Bund und Länder in der Zeit nach 2013 nicht auf die geforderten Maßnahmen der Risikoanalyse zur Abwehr einer Pandemie verständigen können. Die Kosten waren ihnen einfach zu hoch.

„Die daraus folgenden strategischen Überlegungen wurden offenbar nach dem Ausscheiden der Freien Demokraten aus dem Deutschen Bundestag nicht weiterverfolgt. Deshalb fehlen bis heute noch Mundschutz-Masken und andere medizinische Ausrüstungsgegenstände“, kritisierte FDP-Fraktionsvize Michael Theurer Merkels hochgelobtes Corona-Management in einem Brief an die Abgeordneten seiner Fraktion. Es gebe wohl deshalb keinen Grund, während einer laufenden Corona-Krise den Punkt „Schutz vor Pandemien verbessern“ im aktuellen Koalitionspapier selbstlobend hervorzuheben.

Aber – es gibt Hoffnung. Die Krise hat ja ihre positiven Seiten. Nun dürfen wir in einem Interview mit dem Berliner Soziologen Andreas Knie mit der SZ erfahren, die schwer kriselnde deutsche Automobilindustrie sei „nicht mehr systemrelevant“. Sie verunglimpfe den erfolgreichen Außenhandel, dem die Deutschen ihren Wohlstand verdanken, als Ausfluß des „Exportwahns“. Die Pandemie sei „in diesem Sinne tatsächlich ein Geschenk“. Zudem sehe er trotz des Einbruchs der Fahrgastzahlen in den letzten drei Monaten in deutschen Nahverkehrsbetrieben um bis zu 90 Prozent keinen Trend, „daß die Menschen sagen, jetzt fahre ich nicht mehr mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, weil da die Viren mitfahren“.

Maskenpflicht auf einer Fähre zur Insel Hiddensee Foto: picture alliance/Jens Büttner/dpa-Zentralbild/ZB

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