HANNOVER. Die Präsidentin des Verbandes der Automobilindustrie, Hildegard Müller, hat vor einem enormen Stellenabbau in ihrer Branche gewarnt. „Wir müssen nach aktuellen Berechnungen von einem Beschäftigungsverlust von 225.000 Arbeitsplätzen bis 2035 ausgehen, also etwa 35.000 Arbeitsplätze mehr als bisher angenommen.“ Davon seien bereits „von 2019 bis 2025 schon 100.000 Arbeitsplätze verloren gegangen“, sagte die ehemalige Staatsministerin gegenüber dem „Redaktionsnetzwerk Deutschland“ am Mittwoch.
Vor allem die EU sei mit ihren vielen Richtlinien dafür verantwortlich. „In Brüssel heißt es beispielsweise, man habe verstanden und wolle gegen die überbordende Bürokratie vorgehen. Dabei war 2025 das Jahr mit den meisten Regulierungen seit 15 Jahren.“ Besonders das Vorgehen gegen Verbrenner habe „Auswirkungen auf die Beschäftigung“.
Statt Überregulierung forderte Müller eine Verbindung von Klimaschutz, Wirtschaft und Wohlstand. „Mit der Ambition, ab 2035 keine Verbrenner mehr zuzulassen, sind wir weltweit so gut wie allein.“ Aus den vielen Richtlinien habe sich eine „Standortkrise“ in Deutschland und Europa entwickelt. „Hohe Steuern und Abgaben, teure Energie, hohe Lohnkosten, überbordende Bürokratie – die Liste der Herausforderungen ließe sich fortführen.“
Selbst ein Kurswechsel kann den Stellenabbau nicht verhindern
Eine Korrektur der Vorgaben könne den Stellenabbau nicht verhindern. Aber wenn die EU mehr Plug-in-Hybride, Range Extender und Verbrenner mit erneuerbarem Kraftstoff zuließe, „würde dies mit einer weit geringeren Veränderung der Beschäftigungsstruktur einhergehen und trotzdem den Weg zur klimaneutralen Mobilität fortschreiben“.
Die Verbandschefin schätzte in diesem Szenario den Stellenverlust auf rund 75.000 bis zum Jahr 2035. „Flexibilisierungen und Technologieoffenheit auf dem Weg zur Klimaneutralität würden etwa 50.000 Arbeitsplätze am Standort Deutschland erhalten.“
EU und Bundesregierung müssen sich für einen freieren Markt einsetzen
Müller kritisierte die EU und die Bundesregierung für ihre Eingriffe in den Markt. „Die notwendige Wettbewerbsfähigkeit des Produktionsstandortes liegt in den Händen von Berlin und Brüssel – und da tut sich nach wie vor zu wenig.“

Es brauche keine Politiker, die lediglich die Realität verweigern oder Probleme beschreiben würden. „Eine offene Welt, ein offenes und freies Deutschland, braucht eine Politik und Gesellschaft, die auf Wettbewerbsfähigkeit ausgelegt ist. Das ist eine zwingend notwendige Voraussetzung – das haben noch nicht alle verinnerlicht.“
Während die Konkurrenz aus Asien immer stärker werde, sollten deutsche Autos wegen ihrer Qualität weiterhin überzeugen. Doch „mit großer Sorge“ blicke sie auf die weltweite Verlagerung von Produktionsstandorten. „Unsere Autoindustrie wird führend bleiben – die Frage ist, von wo heraus.“
An der Industrie hängen zahlreiche familiäre Schicksale
Der Unmut mache sich in der Industrie breit. „Die Gründe für die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit des Standortes benennt die deutsche Wirtschaft seit Jahren“, bemerkte Müller.
Besonders die Zulieferindustrie sei vom Stellenabbau betroffen. „Der Abbau von Arbeitsplätzen in der Automobilindustrie betrifft viele Regionen und es hängen zahlreiche familiäre Schicksale daran, es ist damit auch ein Faktor für gesellschaftliche Stabilität.“
Es gebe „unendlich große Herausforderungen mit Blick auf soziale Sicherheit, Digitalisierung, Klimawandel und auch mit Blick auf unsere liberalen Werte“. Die Lösung dieser Probleme liege in der „wirtschaftlichen Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit“.
Pleitewelle rollt über Deutschland
Insgesamt berichteten laut Ifo-Institut 8,1 Prozent der Betriebe im April davon, dass sie ihr Fortbestehen gefährdet sehen (JF berichtete). Am größten ist die Angst mit 17,4 Prozent im Einzelhandel. Am zweitstärksten betroffen ist mit 7,6 Prozent die Dienstleistungsbranche. Darunter fallen auch Beherbergungs- sowie Gastronomiebetriebe, bei denen fast 20 Prozent ihre Existenz gefährdet sehen. Im Großhandel sowie in der Industrie geben 7,5 Prozent und im Baugewerbe 7,3 Prozent an, um ihr Unternehmen zu bangen.

Allein in den vergangenen Tagen kündigten mehrere Unternehmen an, massenhaft Stellen abzubauen. „Wacker“ etwa möchte über ein Freiwilligenprogramm 1.600 von 10.600 Stellen (15,09 Prozent) abbauen. „Festo“ will mit 1.300 von 8.200 Stellen (15,85 Prozent) in Deutschland rund jeden sechsten Arbeitsplatz streichen und Porsche streicht mit der Schließung der drei Tochterfirmen „Cellforce“, „eBike Performance“ und „Cetitec“ über 500 Stellen. (mas)






