Staatsfeind Nummer eins

Gerhard Löwenthal, Jahrgang 1922, war als Leiter des ZDF-Magazins über Jahre hinweg von vier unterschiedlichen Kräften bedroht: Linksextremisten (einschließlich RAF), Rechtsextremisten, palästinensischen Terroristen und dem Ministerium für Staatssicherheit der DDR. Von allen dürfte die Stasi am gefährlichsten gewesen sein, denn die „Hauptverwaltung Aufklärung“ des Markus Wolf konnte sehr verschiedene Aktionen auch unter hohem Kostenaufwand gegen ihn starten. Wann genau er zur Feindperson der Stasi wurde, ist nicht bekannt. Bereits 1947 und 1948 entging er nur mit viel Geschick der Verhaftung im Ostsektor, wo er als RIAS-Reporter über die Umwandlung der Universität Unter den Linden in eine marxistisch-leninistische Parteihochschule informierte. So spricht einiges dafür, daß er der Stasi bereits in ihrem Gründungsjahr 1950 ein Dorn im Auge war, denn seit 1948 leitete er im RIAS die wöchentlich ausgestrahlte Sendereihe „Studenten haben das Wort. Aktuelles aus dem Hochschulleben“. Darin deckte er die Mißstände an den Universitäten der SBZ bzw. der DDR auf und versuchte, die Studenten in ihrem Kampf um ihre Rechte zu unterstützen. Zeugen der totalitären Entwicklung kamen ausführlich bei ihm zu Wort, Verhaftungen aus politischen Gründen wurden angesprochen. Ost-Berlin sah das ZDF von Anfang an als „Feindzentrale“ Nach einigen Jahren als stellvertretender Programmdirektor beim SFB und als Wissenschaftsjournalist wechselte Löwenthal 1963 zum neu gegründeten Zweiten Deutschen Fernsehen, das die Stasi von Anfang an als „Feindzentrale“ betrachtete – wohl deswegen, weil Chefredakteur Wolf Dietrich (ein Berliner) viele seiner ehemaligen Kollegen vom RIAS nach Mainz holte. So war dort von Anfang an eine freiheitliche, antikommunistische Linie vorgezeichnet, zumal der Staatsvertrag des ZDF vorschrieb: „Dem Fernsehteilnehmer in ganz Deutschland soll ein umfassendes Bild der deutschen Wirklichkeit vermittelt werden.“ Und: „Die Sendungen sollen vor allem der Wiedervereinigung Deutschlands in Frieden und Freiheit dienen und der Verständigung unter den Völkern. Sie müssen (…) eine unabhängige Meinungsbildung ermöglichen.“ Ebenso sicher war, daß sich der katholisch-konservative Intendant Karl Holzamer gegen Versuche wehren würde, Kritik an Institutionen zum Markenzeichen der Politiksendungen zu machen oder gar die Bundesrepublik zu einer völlig anderen Ostpolitik zu drängen (wie es maßgebliche Wochenblätter aus Hamburg später taten). Als Korrespondent des ZDF in Brüssel (1963-68) stand Löwenthal wohl weniger im Beobachtungsfeld der Stasi als in seiner Berliner Zeit. Als er sich 1970 im ZDF-Magazin zu einem der wirkungsvollsten Gegner der „Neuen Ostpolitik“ entwickelte, dürfte er jedoch schnell wieder zum Feindobjekt geworden sein. Gleichzeitig thematisierte er die global angelegte Strategie zur Ausbreitung des Kommunismus immer wieder, so daß ihn möglicherweise auch andere Ostblock-Geheimdienste zum Feindobjekt machten. Zwar konnte die Stasi 1989/90 den weitaus größten Teil der Akten über Löwenthal vernichten. Er erfuhr aber von ehemaligen MfS-Offizieren nach 1990, daß die Staatssicherheit Briefbombenanschläge gegen ihn in Erwägung gezogen hatte. Schriftlich nachgewiesen ist jedenfalls der Versuch, Löwenthal als Gestapo-Helfer zu denunzieren. Wie der Autor Henry Leide in seinem Buch „NS-Verbrecher und Staatssicherheit“ (Göttingen 2006) schreibt, bemühte sich die HVA-Abteilung IX/11 insbesondere in den Jahren 1975 bis 1979 (als Löwenthal die „Hilferufe von drüben“ ausstrahlte), aus dem NS-Verfolgten einen Gestapo-Gehilfen zu machen. Quellen konnten die „Suchhunde“ von Markus Wolf freilich nicht auftreiben. Schließlich sollte ein gefälschtes Dokument in Berlin (West) lanciert werden, um dem gleichen Zweck zu dienen. Ein „Autorenkollektiv“ war bereits vorgesehen, um ihn darauf aufbauend als gegenwärtigen aktiven Mitarbeiter westlicher Geheimdienste darzustellen. Als sich Löwenthal entschieden gegen den Staatsbesuch Honeckers im September 1987 in Bonn wandte, bemühte sich die Stasi erneut, ihn als NS-belastet zu denunzieren, doch auch diesmal blieb sie ohne Belege. Mit der Pensionierung Löwenthals – von der Hauptverwaltung Aufklärung mit Sekt gefeiert – im Dezember 1987 dürfte die Hetze aber noch nicht zu Ende gegangen sein, denn Löwenthal war als Präsident der Deutschland Stiftung und des Vereins „Hilferufe von drüben“ keineswegs in den vollständigen Ruhestand gegangen. Löwenthal rückblickend 1997: „Ich weiß, daß über den Verein ‚Hilferufe von drüben‘, den wir gegründet haben zur Unterstützung unserer Sendungsaktivitäten, 25 Aktenbände angelegt waren, je Band zirka 300 Seiten. Übriggeblieben sind leider nur 16, immerhin noch 3.800 Seiten, aber neun Bände fehlen.“ Alle Vereine und Redaktionen, die die Verbrechen des „real existierenden Sozialismus“ aufzeigten (Löwenthal war darin besonders öffentlichkeitswirksam), waren nach der kommunistischen Doktrin Teil antisozialistischer, imperialistischer Verschwörungsnetze, in Auftrag gegeben von Monopolkapitalisten, ausgeworfen von Nazis, geknüpft von Geheimdiensten. Eine solche eindimensionale Sichtweise entspricht den totalitären Denkschemata. Daß aber „gesellschaftskritische“ Journalisten in Westdeutschland gelegentlich dem „diskreten Charme der DDR“ (Hubertus Knabe) erlagen und sich wohl auch einige in den Kampf gegen Löwenthal und seine Freunde einspannen ließen, ist nicht mehr ernsthaft zu bestreiten. Stefan Winckler hat Publizistikwissenschaft studiert und seine Magisterarbeit über Gerhard Löwenthal geschrieben. Zuletzt veröffentlichte er das Buch „Die demokratische Rechte. Entstehung, Positionen und Wandlungen einer neuen konservativen Intelligenz“ (JF 43/05).

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