GÖTTINGEN. Nach dem vermeintlichen Messerangriff eines mutmaßlich rechten Täters auf einen 23jährigen in Göttingen hat der Linken-Politiker Ferat Koçak den Fall politisch gegen die CDU genutzt. In einem Instagram-Beitrag schrieb der Berliner Abgeordnete: „Nazis bringen Hass und Hetze über unsere Nachbarschaften und terrorisieren unsere Familien.“ Die CDU spiele ihnen mit ihrer „rassistischen Sündenbockpolitik“ in die Karten. Wohin diese Entwicklung führe, habe sich in Göttingen erneut gezeigt.
Nun stellt sich der Fall jedoch deutlich komplizierter dar. Möglicherweise war alles ganz anders. Die Staatsanwaltschaft Göttingen teilte mit, der 17jährige Beschuldigte könnte möglicherweise in Notwehr gehandelt haben. Ein dringender Tatverdacht, der einen Haftbefehl ermöglicht hätte, liege derzeit nicht vor. Der Jugendliche war am Sonntag vorübergehend in Gewahrsam genommen und später wieder freigelassen worden.

Ermittler scheinen Kocak zu widersprechen
Der Fall hatte bereits am Wochenende politische Reaktionen ausgelöst. Am Sonntagabend versammelten sich laut Polizei 600 Menschen spontan zu einer Demonstration gegen rechtsextreme Gewalt. Am Montag folgten rund 700 Teilnehmer einer Kundgebung unter dem Motto „Von Trauer zu Wut und Widerstand – Demo gegen faschistische Gewalt in Göttingen“. Zwischenfälle hat es dabei nach Polizeiangaben nicht gegeben.
Unbekannte hatten den 17jährigen nach Angaben der Staatsanwaltschaft zuvor auf einer Onlineplattform als Täter beschuldigt und der rechtsextremen Szene zugeordnet. Die Polizei schloss einen politisch motivierten Hintergrund zunächst nicht aus und schaltete den Staatsschutz ein. Der schwerverletzte 23jährige gehört nach NDR-Informationen mutmaßlich dem linken Spektrum an.

Mutmaßlich linkes Opfer außer Lebensgefahr
Oberstaatsanwalt Frank-Michael Laue verwies auf Zeugenaussagen und den Tatort. Der Vorfall habe sich in „unmittelbarer Nähe des Wohnhauses des Beschuldigten“ ereignet. Auch dies spreche dafür, dass eine mögliche Notwehrsituation vorgelegen haben könnte. Der 23jährige war ersten Erkenntnissen zufolge mit einem spitzen Gegenstand am Kopf getroffen und lebensgefährlich verletzt worden. Bei der mutmaßlichen Tatwaffe soll es sich um ein Messer handeln, das Ermittler bei dem 17jährigen fanden. DNA-Spuren an dem Messer werden noch untersucht.
Der Verletzte befand sich laut Staatsanwaltschaft zunächst nicht in vernehmungsfähigem Zustand. Inzwischen soll er außer Lebensgefahr und stabil sein. Wann er zu dem Vorfall befragt werden kann, ist weiter offen. (rr)





