Wolfgang Schäuble
Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) Foto: picture alliance/dpa | Uwe Zucchi

Parlamentspräsident
 

Schäuble plädiert für verantwortungsbewußten Patriotismus

BERLIN. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble hat einen umsichtigen Umgang mit Patriotismus und Nationalstolz angemahnt. Man müsse mit dem Begriff Nation und allem, was sich damit verbinde, verantwortungsvoll umgehen. „Nationale Gefühle zu übertreiben, das wissen wir aus unserer Geschichte auch schon vor 1933, hat verheerende Folgen, sie einfach wegzuschieben, wäre aber auch ganz falsch – dann überlassen wir sie den Gegnern der freiheitlichen Demokratie“, warnte Schäuble im Interview mit der Zeitschrift Das Parlament.

Es sei bekannt, daß das Thema Nation in der nationalsozialistischen Zeit grauenvoll mißbraucht worden sei. „Insofern ist nachvollziehbar, daß die Deutschen sich damit schwerer tun, auch wenn man manchmal das Gefühl hat, daß nicht mehr alle so gern daran erinnert werden wollen, in welchen Abgrund Deutsche sich selbst und die Menschheit geführt haben. Aber das bleibt immer ein Teil unserer Geschichte und der Umgang damit Teil unserer nationalen Identität“, sagte der CDU-Politiker.

Schäuble lobt Wir-Gefühl in Flüchtlingskrise

Davon unbenommen sei für jede freiheitliche Organisation des Zusammenlebens jedoch auch wichtig, daß es etwas gebe, das den Menschen eine gewisse Zugehörigkeit vermittle. Die Nation sei in diesem Zusammenhang mehr, als das, was der Begriff „Verfassungspatriotismus“ meine. Nur mit Vernunft und den Institutionen der Verfassung erreiche man die Menschen nicht. Es brauche auch Emotionen. „Ein vernünftiger Umgang damit, was Nation ist, kann die stärksten Kräfte im Menschen ansprechen, zum Beispiel Solidarität.“

Als ein solches Beispiel nannte Schäuble die Flüchtlingskrise von 2015 und erinnerte an die Bilder vom Münchner Hauptbahnhof, als zahlreiche Bürger die ankommenden Migranten willkommen hießen. Das Motto, „Wir helfen denen, so gut wir können; das kriegen wir gemeinsam hin“ sei ein entsprechendes Gemeinschaftsgefühl gewesen. Deshalb dürfe man „dieses emotionale Bindemittel nicht den Gegnern der Demokratie überlassen“.

Als gelungenen Umgang mit der Nation bezeichnete der Parlamentspräsident die Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland. Damals hätten sich die Menschen hierzulande auch nach dem Aus der deutschen Nationalelf gefreut und mit Gästen aus der ganzen Welt einfach weiter gefeiert. „Das war eine Phase, in der wir einen entspannten, aber vernünftigen Umgang mit der Nation hatten: gemäßigt und unverkrampft. Das war nicht schlecht, und das würde ich mir auch für die Zukunft wünschen.“

Gleichzeitig sprach sich Schäuble dagegen aus, ein gemeinsames „Wir“ zu genau zu definieren. Deutschland sei eine offene Gesellschaft, mahnte er. „Es gehören nicht nur diejenigen dazu, deren Urgroßeltern schon hier geboren sind.“ (krk)

Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) Foto: picture alliance/dpa | Uwe Zucchi
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