Aufräumarbeiten nach der Flutkatastrophe in Bad Neuenahr im nördlichen Rheinland-Pfalz
Aufräumarbeiten nach der Flutkatastrophe in Bad Neuenahr im nördlichen Rheinland-Pfalz Fotos: JF/Martina Meckelein und Marco Pino

Flutkatastrophe
 

„Da war nichts mehr zu retten“

Straßen voller Schlamm. Dieselaggregate wummern. Aus den Häusern fegen die Menschen die braune, zähe Brühe auf die Straße. Es ist dämpfig, riecht modrig. Tag drei nach der Hochwasserkatastrophe im Westen Deutschlands. Aufräumarbeiten in Bad Neuenahr im nördlichen Rheinland-Pfalz. Doch die Schreckensmeldungen reißen nicht ab. Katastrophenalarm jetzt auch in Bayern, Sachsen und in Österreich. Und die Kritik an Politik und Verwaltung wird immer lauter. Schon über 150 Tote wurden geborgen.

„Es hat gegen zwölf oder ein Uhr nachts angefangen“, sagt Maryana Marqus im Gespräch mit der JUNGEN FREIHEIT. Die 22 Jahre alte Zahnarzthelferin wollte ihrem Chef helfen, die Praxis in der Telegrafenstraße zu sichern. „Da war nichts mehr zu retten“, sagt sie. „Ich kam da gar nicht mehr ran. Mein Chef ist geschwommen und kam dann noch in den ersten Stock des Hauses.“ Den gesamten Samstag hat sie mit ihrer Freundin den Schlamm aus dem Haus geputzt. „Gehen Sie besser hier weg“, sagt sie zum Abschied, „das Wasser soll wieder steigen, habe ich gehört.“

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Die Nerven liegen blank

Nicht nur sie. Das Gerücht macht die Menschen vor Ort nervös. Plötzlich beginnen viele aus der Innenstadt mit Besen und Schaufel wegzulaufen. „Das Wasser kommt“, rufen sie. Ein Damm soll gebrochen sein. Eine Falschmeldung, wie später klar wird. Die Nerven liegen blank.

Am Mittwoch, 14. Juli, warnte nachts noch die Feuerwehr die Anwohner 50 Meter rechts und links neben der Ahr. Notunterkünfte wurden eingerichtet. Sämtliche Brücken über die Ahr wurden gesperrt. „Bei uns steht nur noch eine“, sagt Thorsten Rech aus Mayschoß. Der Ort ist besonders vom Hochwasser betroffen. Der 39jährige betreibt das Restaurant „Bahnsteig 1“.

Gasthofbetreiber Thorsten Rech aus Bad Neuenahr
Gasthofbetreiber Thorsten Rech aus Mayschoß Foto: JF/Martina Meckelein

„Das Gasthaus ist voller Schlamm.“ Auf dem nebenan liegenden Gemeindestellplatz für Wohnmobile wird ein Urlauberpaar vermißt. „Wir haben ihr Fahrzeug noch umgestellt. Ich sagte ihnen, daß sie hoch in meine Wohnung kommen sollten.“ Doch das Paar hatte Angst, durch das ansteigende Wasser zu waten. „Sie wollten ins Restaurant gehen. Ich sagte ihnen, daß es von dort kein Treppenhaus in die oberen Stockwerke gebe. Sie blieben unten.“ Es gibt zur Zeit kein Lebenszeichen von ihnen. 156 Tote wurden bis heute entdeckt.

„Ich kann doch nicht meine Hände in den Schoß legen“

Wieso sind so viele Menschenleben zu beklagen? Nach erster Kritik an den ausbleibenden Warnmeldungen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens steht jetzt das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) im Fokus, das dem Bundesinnenministerium untersteht. Und Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) feixt während des Besuchs von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) im Katastrophengebiet.

Rech verharrte während der Flut im Dachgeschoß der Gaststätte. „Ich wurde am nächsten Tag durch einen Hubschrauber evakuiert.“ Er selbst organisiert jetzt Hilfe. „Ich kann doch nicht meine Hände in den Schoß legen. Baumaschinen koordiniert er vor Ort, dazu sammelt er Geld für Aufbauprojekte. „30.000 Euro haben wir schon zusammen.“

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Währenddessen strömen seit Samstag abend Regenmassen auch in Oberbayern und Ostsachsen nieder. In Berchtesgaden ist der Katastrophenfall ausgelöst worden. Und auch weiter südlich im Salzburger Land.

> Eine ausführliche Reportage, Hintergründe sowie einen Kommentar zur Flutkatastrophe lesen Sie in der kommenden Ausgabe der JUNGEN FREIHEIT. Das kostenlose Probe-Abo erhalten Sie hier.

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