Norbert Röttgen (CDU, l.), Tatort in Hanau
Norbert Röttgen (CDU, l.), Tatort in Hanau und mutmaßlicher Täter Tobias R. Fotos: picture alliance / AP Photo / Sven Simon / JF-Montage
„Wirre Gedanken“ und „abstruse Verschwörungstheorien“

Bluttat in Hanau: Politiker machen AfD mitverantwortlich

KARSLRUHE/HANAU. Generalbundesanwalt Peter Frank hat im Fall der Bluttat im hessischen Hanau mit elf Toten angekündigt, den Fokus der Ermittlungen nun auf mögliche Mitwisser zu richten. Am Mittwoch abend hatte ein Mann aus Hanau ersten Erkenntnissen zufolge an einem Kiosk und zwei Shisha-Bars neun Personen erschossen. Anschließend soll er seine Mutter und sich in seiner Wohnung gerichtet haben. Die Polizei fand seinen Vater dort unverletzt vor.

Wie Frank Donnerstag nachmittag in Karlsruhe mitteilte, gebe es zudem sechs Verletzte, darunter ein Schwerverletzter. Die Generalbundesanwaltschaft habe den Fall an sich gezogen, weil der mutmaßliche Täter in Videobotschaften und „einem Art Manifest“ neben „wirren Gedanken“ und „abstrusen Verschwörungstheorien“ auch eine „zutiefst rassistische Gesinnung“ aufweise.

Die polizeilichen Ermittlungen werde das Bundeskriminalamt in Zusammenarbeit mit dem hessischen Landeskriminalamt übernehmen. Ziel werde es sein, herauszufinden, „ob es für diese Anschläge in Hanau Mitwisser oder Unterstützer gibt“. Desweiteren sollen seine Kontakte im In- und Ausland abgeklärt werden.

Tobias R. suchte Hilfe in Österreich

„Es liegen gravierende Indizien für einen rassistischen Hintergrund der Tat vor. Diese ergeben sich aus den augenscheinlich von Tobias R. herrühenden Videos und Dokumenten“, hieß es in einer Mitteilung der Bundesanwaltschaft. Nach bisherigen Erkenntnissen habe der Mann keine Vorstrafen und sei polizeilich nicht aufgefallen.

Bei dem mutmaßlichen Täter handelt es sich um den 43 Jahre alten Tobias R. Seiner Website zufolge arbeitete er als Bankkaufmann. Laut Focus-Online war er Sportschütze und besaß mehrere Waffen legal. Österreichischen Medien zufolge hatte der Mann Kontakt mit einem Hellseher in Niederösterreich. Dieser sagte der Tageszeitung Österreich, Tobias R. habe mehrmals per E-Mail um Hilfe gebeten. Er habe ihm aber klar gemacht, daß er ihm nicht helfen könne.

Der mutmaßliche Täter in einem YouTube-Video Foto: Screenshot

Geheimdienst könne Menschen fernsteuern

In einem Dokument auf seiner Homepage schrieb Tobias R., er werde von einem Geheimdienst überwacht, genauso wie Tausende andere Deutsche auch. Der Dienst mit US-amerikanischem Hintergrund oder Verbindungen in die Vereinigten Staaten habe die Fähigkeit, sich in die Gehirne von Menschen „einzuklinken“ und sie fernzusteuern.

In dem Text, den der Mann laut dem Nachrichtenportal t-online.de in gekürzter und abgeschwächter Form vor wenigen Monaten an die Generalbundesanwaltschaft geschickt hatte, finden sich auch ausländerfeindliche Passagen. Demnach reiche die Abschiebung von Ausländern nicht aus, weshalb es eine weltweite „Grob-Säuberung“ und eine „Fein-Säuberung“ brauche. Mehrere Länder müßten „vernichtet“ werden. Außerdem spricht Tobias R. darin in Bezug auf die Deutschen von „reinrassigen“ und wertvollen Menschen. Die Säuberungen beträfen „natürlich das eigene Volk“. Dazu schreibt er: „Eine Halbierung der Bevölkerungszahl kann ich mir vorstellen.“

Fünf Türken unter Opfern

Wegen der angeblichen geheimdienstlichen Überwachung habe er nie eine Freundin oder eine Frau gehabt. Überdies schreibt er über eine „Strategie für die USA“, um China auszubremsen sowie über Methoden und Taktiken für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft und Ideen für TV-Serien.

Laut der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu befinden sich unter den Opfern fünf türkische Staatsbürger. Neun der elf Opfer sollen ausländische Wurzeln haben. Unter ihnen befand sich laut Bild-Zeitung auch eine Schwangere. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) ordnete Trauerbeflaggung für alle öffentlichen Gebäude in Deutschland an. Abgeordnete sagten Karnevalsbesuche ab.

Röttgen und Kuhle machen AfD mitverantwortlich

Mehrere Politiker haben im Laufe des Donnerstags die AfD für die Tat mitverantwortlich gemacht. Der Außenpolitiker und Kandidat für den CDU-Vorsitz, Norbert Röttgen, sagte dem Blatt: „Man darf die Tat nicht isoliert sehen. Wir müssen das Gift bekämpfen, das von der AfD und anderen in unsere Gesellschaft getragen wird.“

Auch der FDP-Innenpolitiker Konstantin Kuhle warf der AfD in einer Live-Sendung der Zeitung eine Mitschuld an einem angeblich haßerfüllten gesellschaftlichen Klima in Deutschland vor. „Die AfD trägt Mitverantwortung für Klima des Hasses und Rassismus in Deutschland.“

Zuvor hatte bereits der Grünen-Politiker Konstantin von Notz die AfD attackiert. „Wir sehen das seit vielen Monaten und Jahren. Die Hetze und der Diskurs in unserer Gesellschaft hat Auswirkungen. Wenn man sich anschaut, was jeden Tag an Hass und Hetze läuft und verbreitet wird dann hat das oft auch Folgen, auch tödliche.“

Eine Meldung mit weiteren Reaktionen von Politikern finden Sie hier. (ls)

Norbert Röttgen (CDU, l.), Tatort in Hanau und mutmaßlicher Täter Tobias R. Fotos: picture alliance / AP Photo / Sven Simon / JF-Montage

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